BERUFSWAHL: Gärtnereien fehlen die Lehrlinge

Immer weniger Zentralschweizer Schulabgänger entscheiden sich für eine Gärtnerlehre. Alarmierend sei die Situation jedoch nicht, sagen Fachleute. Sie orten vier Gründe für den Lehrlingsmangel – und sie handeln.

Martina Odermatt
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In der Zentralschweiz ging die Zahl der Gärtnerlehrlinge seit 2008 um fast 20 Prozent zurück. (Symbolbild: Gaetan Bally/Keystone)

In der Zentralschweiz ging die Zahl der Gärtnerlehrlinge seit 2008 um fast 20 Prozent zurück. (Symbolbild: Gaetan Bally/Keystone)

Martina Odermatt

martina.odermatt@luzernerzeitung.ch

Benjamin Räber aus Herlisberg fliegt nach Abu Dhabi. Nicht um sich unter Palmen zu sonnen, sondern um sich mit anderen zu messen. Der 21-jährige Landschaftsgärtner hat sich letzten Sommer zusammen mit seinem Obwaldner Berufskollegen Nils Bucher aus Sarnen für die Berufsweltmeisterschaften qualifiziert.

Die sogenannten World Skills finden vom 14. bis 19. Oktober dieses Jahres zum ersten Mal in einem arabischen Land, den Vereinigten Arabischen Emiraten, statt. Landschaftsgärtner – das ist die Kategorie, in der er sich mit Berufskollegen aus aller Welt messen wird. Für ihn eine Ehre: «Dass ich die Schweiz bei den Berufsweltmeisterschaften repräsentieren darf, ist natürlich eine einmalige Gelegenheit», sagt Räber. Im Oktober vertritt er als Landschaftsgärtner aber nicht nur die Schweiz, er steht auch für einen Beruf, der hierzulande immer weniger Schulabgänger begeistern kann: Seit fast zehn Jahren ist die Zahl der Lehrlinge rückgängig (siehe Grafik).

Weniger Schulabgänger sorgen für Engpass

Lorenz Arbogast leitet das Bildungszentrum Gärtner beim Branchenverband Jardin Suisse. Laut ihm geht die Zahl der Lehrlinge zurück, weil sich viele Schüler für den akademischen Weg entscheiden. «Ein weiterer Grund ist auch die rückläufige Produktion. Immer mehr Pflanzen kommen aus dem ‹günstigen› Ausland», sagt Arbogast. Benjamin Räber vermutet, dass auch der Lohn eine Rolle spielen könnte. «Es gibt immer noch Eltern, die ihren Kindern zum Beispiel sagen, dass sie lieber das KV machen sollen.»

Christof Spöring von der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung des Kantons Luzern sieht die Lage weniger kritisch: «Der Gärtnerberuf ist stets unter den Top 30. Bis zum letzten Herbst waren die Lehrlingszahlen in Luzern auch meistens stabil.» Doch im Herbst haben lediglich 48 Personen die Lehre zum Gärtner begonnen. Im Jahr zuvor waren es noch 68 Lehrlinge. Spöring erklärt den Rückgang so: «Die Demografie spielt eine wichtige Rolle. Es hatte vor zehn Jahren einfach mehr Schüler, die aus der Schule gekommen sind.» Viele Betriebe würden deshalb um ihre Lehrlinge kämpfen, das Angebot sei grösser als die Nachfrage. Auch Benjamin Räber bestätigt dies: «Ich konnte damals sogar zwischen zwei Lehrbetrieben wählen.»

Gute Zukunftschancen – trotz Digitalisierung

Für Räber hat der Beruf als Landschaftsgärtner viele Vorteile: «Man ist in der Natur und sieht am Ende des Tages, was man gemacht hat.» Laut Spöring gibt es auch noch andere Vorteile: «Diesen Beruf wird es auch in Zukunft noch geben, trotz der Digitalisierung. Die Kreativität und die Handarbeit wird kein PC übernehmen.» Gärtner sei ein attraktiver Beruf, denn man habe hohe Karrierechancen und gute Ausbildungsbetriebe. Das bestätige auch die Teilnahme von Räber und Bucher an den World Skills. «Lernende aus der Zentralschweiz gewinnen auch immer wieder Meisterschaften. Die Branche an sich ist gut aufgestellt», glaubt Spöring.

Wenn es weniger Schulabgänger gibt, sollten die Probleme eigentlich auch bei anderen Berufen auftreten. Doch einige Branchen werden geradezu überrannt von interessierten Schulabgängern. Unter anderem sind das laut Spöring Berufe in der Gesundheitsbranche oder – was dem Gärtner wohl etwas näher kommt – Schreiner. Die weit verbreitete Annahme, dass handwerkliche Berufe bei den Jungen heute nicht mehr so beliebt sind, stimmt also nicht ganz. Der Schreinerverband mache vieles richtig, sagt Spöring. «Seit mehreren Jahren haben die Schreiner gute Kampagnen. Es wird auch viel in die Berufsbildung investiert. Der Schreinerberuf ist gut positioniert», sagt der Dienststellenleiter.

Verband arbeitet mit Hochschule zusammen

Dass Handlungsbedarf besteht, hat der Verband der Gärtner erkannt. Der Vorstand hat denn auch eine Arbeitsgruppe gegründet, um sich dem Problem zu stellen. Im Jahresbericht des Branchenverbands Jardin Suisse heisst es wörtlich: «Wir versuchen, das Thema Nachwuchs ganzheitlich zu betrachten, und starteten unter anderem auch eine Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern.» Konkret heisst das laut Lorenz Arbogast: «Die Studenten machen Umfragen und Interviews. Wir versuchen mit Direktwerbung und gutem Support für die Mitglieder wieder mehr junge Berufsleute zu gewinnen.»

Auch Benjamin Räbers Teilnahme an den Berufsweltmeisterschaften könnte nun beste Werbung machen für diese Arbeit. Der Landschaftsgärtner bereitet sich seit zwei Monaten auf die Meisterschaft vor, bald werden weitere Vorbereitungen folgen. «Es gibt viele Kurse, um das Wissen in verschiedenen Fachgebieten wieder aufzufrischen und auch zu vertiefen», sagt er. Mit einem fixen Ziel fliege er nicht nach Abu Dhabi. Aber: «Ich werde 120 Prozent Einsatz zeigen. Wenn das für den ersten Platz reicht, dann ist es umso besser.»

Bild: Isi

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