Besuchsverbot: Die Altersheime der Stadt Luzern wollen ihre Senioren mit Tablets ausrüsten

Bewohner von Alters- und Behindertenheimen dürfen ihre Familien nicht mehr sehen. Die Institutionen gehen unterschiedlich damit um – und nicht überall kann man auf physische Präsenz verzichten.

Robert Knobel
Drucken
Teilen
Das Betagtenzentrum Staffelnhof.

Das Betagtenzentrum Staffelnhof.

Bild: Boris Bürgisser, Luzern,
8. Juni 2018

Wovor sich viele Schweizer fürchten, ist für die Bewohnerinnen und Bewohner der Alters- und Pflegeheime bereits seit einer Woche Realität: Sie sind praktisch von der Aussenwelt abgeschnitten. Das Besuchsverbot gilt selbst für nahe Familienmitglieder, und seit Freitag gilt auch ein Ausgehverbot für Bewohnerinnen und Bewohner. Und auch innerhalb der Heime ist das gemeinschaftliche Leben massiv beeinträchtigt.

Kriens: Keine Gottesdienste, Aktivitäten nur mit Abstand

Jede Art von Gruppenbildung werde vermieden, sagt etwa Guido Hübscher, Leiter der Heime Kriens. So finden in den Kapellen keine Gottesdienste mehr statt, und die Aktivitäten werden nur noch in Kleingruppen mit maximal fünf Personen durchgeführt. «Selbstverständlich immer mit Einhaltung des Abstandes von zwei Metern», wie Hübscher betont. Immerhin dürfen die Bewohnerinnen und Bewohner noch im Garten spazieren – ein Treffen mit externen Personen ist aber auch dort untersagt.

Luzern: Smartphones, Tablets und virtuelle Gottesdienste

In den Stadtluzerner Alters- und Pflegeheimen (Viva Luzern) wird zwar nach wie vor in Speisesälen gemeinsam gegessen, aber mit genügenden Abständen zueinander. Damit die Senioren weiterhin mit ihren Familien in Kontakt bleiben können, wird bei Viva derzeit technisch aufgerüstet. «Beispielsweise richten wir auf ihren Smartphones Facetime ein und begleiten den Anruf, falls notwendig», sagt Viva-Sprecherin Ramona Helfenberger. Zudem prüfe man die Anschaffung von Tablets für Senioren, die kein Smartphone besitzen. Bald sollen zudem Gottesdienste in die Heim-Kapellen gestreamt werden.

Piktogramme für Schwerbehinderte

Bei der Stiftung für Schwerbehinderte Luzern (SSBL) gibt es nicht nur ein Besuchsverbot für Externe, sondern umgekehrt dürfen die Bewohnerinnen und Bewohner auch nicht mehr zum Wochenend-Urlaub nach Hause. Das ist für sie auch eine psychische Herausforderung. Denn längst nicht alle seien imstande, den Ernst der Lage und die Notwendigkeit der Massnahmen zu verstehen, sagt SSBL-Sprecherin Elisabeth Gebistorf. Man versuche aber mittels Piktogrammen und Gebärdensprache, die Situation möglichst verständlich zu erklären. In der Stiftung Brändi in Kriens verwendet man Merkblätter des Bundes in leichter Sprache. «Auch Menschen mit Behinderung erfahren und informieren sich selber zum Corona-Virus – in sozialen Medien oder anderen digitalen Kanälen», sagt Brändi-Sprecher Matthias Moser.

Psychisch Kranke können auf Besuch nicht verzichten

Weiterhin auf direkten Kontakt setzt der Verein Traversa. Die regelmässigen Hausbesuche bei Menschen mit psychischen Problemen bleiben vorläufig erhalten, wie Geschäftsleiterin Ursula Limacher sagt. Ein Verzicht auf die Besuche könnte bei einigen Klienten zu massiven Verschlechterungen der Situation führen. «Das wollen wir um jeden Preis vermeiden», sagt Limacher. Zumindest bei einem Teil der Klienten wäre aber ein Kontakt über Telefon ausreichend. Entsprechende Szenarien seien im Moment in Erarbeitung, so Limacher.

Luzerner Gassechuchi bleibt offen - mit Einschränkungen

Auch in der Luzerner Gassechuchi läuft der Betrieb weiter – Randständige können weiterhin dort essen. Allerdings dürfen sich jeweils nur wenige Personen gleichzeitig in der «Chuchi» aufhalten.

Wenn Demenzkranke ihre Angehörigen vergessen

Im Alters- und Pflegezentrum Kirchfeld in Horw müssen besonders geschwächte Personen in ihrem Zimmer bleiben und dürfen dieses auch zum Essen nicht verlassen. Für die übrigen bleiben kurze Spaziergänge ums Haus erlaubt, wie Kirchfeld-Leiter Marco Müller erklärt. Zur aktuellen Stimmung sagt er: «Bis jetzt gehen die meisten Bewohnenden noch erstaunlich gut damit um, die Stimmung im Haus ist ruhig und vertrauensvoll. Viele realisieren die Veränderungen und sprechen auch darüber.» Hart sei es indessen für Angehörige, die zum Beispiel den Geburtstag der Mutter nicht feiern können. Angehörige von Demenzkranken befürchten zudem, diese könnten sie nach mehreren Wochen Besuchsverbot nicht mehr erkennen.

Mehr zum Thema