Betonwände der Kirche St. Johannes in Luzern erhalten ein Stück Natur

Künstler Kari Joller aus Dierikon arbeitet normalerweise im Grünen. Jetzt hat er bei der Johanneskirche im Luzerner Würzenbachquartier eine Installation kreiert.

Pirmin Bossart
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Kari Joller während des Aufbaus seiner Installation bei der Johanneskirche.

Kari Joller während des Aufbaus seiner Installation bei der Johanneskirche. 

Bild: Nadia Schärli (Luzern, 27. Februar 2020)

Die Pfarrei St. Johannes Luzern wird heuer 50 Jahre alt. Aufgrund dieses Jubiläums hatte sich Pfarreileiter Herbert Gut letztes Jahr mit Kari Joller in Verbindung gesetzt. «Er kennt meine Arbeiten gut und hat mich für eine gestalterische Inszenierung angefragt», sagt Kari Joller. Die «Galerien» des Dierikoner Künstlers befinden sich normalerweise in der Einsamkeit der Natur. Dort, wohin es Menschen höchstens mal zufällig während einer Wanderung verschlägt.

Mit seiner aktuellen Installation zum Jubiläumsthema «Freiräume» in der St. Johanneskirche rückt Joller in die Stadt vor – und ist herausgefordert: Die 1967 bis 1970 nach den Plänen des bekannten Architekten Walter M. Förderer errichtete Kirche ist ganz aus Beton und wirkt in ihrer skulpturalen Struktur stellenweise wie ein Bunker – nichts von Natur.

«Es gibt im Aussenbereich der Anlage praktisch keine Räume, um eine Arbeit zu inszenieren», sagt Joller. Deswegen wird er die nüchternen Betonwände bespielen und an ausgewählten Stellen seine Objekte aus natürlichen Materialien platzieren:

«Mit diesen Fenstern hole ich die Natur herein, wo sie sonst nicht mehr vorhanden ist. Es ist eine Öffnung, die auch mit Befreiung zu tun hat.»

Die Objekte seiner Installation sind quasi Abfallprodukte der Natur: Ungewöhnlich geformte Äste, für die Joller ein Auge hat, und deren wild gewachsene Gestalt er mit wenigen Eingriffen akzentuiert oder in etwas Neues verwandelt. Er schält Äste, brennt sie an, schwärzt sie ein und hängt sie als Figuren an die Wand. Er kreiert aus Haselstauden meterlange Leitern, baut Äste zu einer Sonne zusammen oder verwandelt feingliedrige Zweige in Antennen, die Signale zu empfangen oder auszusenden scheinen. Hier ist Joller bei der Arbeit für ein älteres Werk zu sehen:

Bild: Werner Schelbert (21. Juni 2016)

An der Vernissage, die am Sonntag stattfindet, wird der Künstler mit seinen Objekten an einer Performance im Kirchenraum selber in Aktion treten. Dabei spielt die Sonne als Symbol eine Rolle. Aber auch Steine und Hölzer, mit denen Joller Klänge erzeugt.

Er schreibt Bücher und gibt Kurse

«Naturerfahrung mit allen Sinnen»: Das ist in den letzten 30 Jahren das Leitmotiv für Jollers Leben und Arbeiten geworden. So heisst auch eines seiner vier Bücher, in dem er eine Fülle von elementaren Übungen beschreibt, mit denen die sinnliche Wahrnehmung in der Natur geschult werden kann. «Was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, beeinflusst, steuert und gestaltet unser ganzes Leben. Sie sind mitverantwortlich für die Entwickelung unserer Persönlichkeit», sagt Joller. Diese Sinneserfahrung macht und lehrt er seit 30 Jahren in der Natur. Vorzugsweise an abgelegenen Orten im Tessin.

Die Objekte, mit denen er in der Natur Kunst macht, sind für ihn «Transmitter, die eine Verbindung herstellen zwischen sichtbaren Formen und psychischen Kräften». Wenn er sich ganz den Gesetzmässigkeiten der Elemente ausliefert, erfährt Joller immer wieder, «dass die gewählten Landschaften Spiegelbilder seelischer Wünsche und Sehnsüchte sind». Hier setzen auch seine Kurse an, die bei den Teilnehmenden immer wieder zu überraschenden Einsichten und Wandlungen führen können.

Schon als Kind in der Natur Zuflucht gesucht

Joller ist ein erdiger Sinnenmensch, kein esoterischer Traumtänzer. «Ich bin ein Realist. Mir reichen meine Emotionen, die ich habe, um ein Verständnis von der Welt zu bekommen.» Schon als Kind habe er in der Natur Zuflucht gesucht, wenn er sich bedrängt oder verletzt fühlte. Nach seiner Lehre als Buchdrucker, Ausbildung an der Schule für Gestaltung Luzern und seinen Kunststudien hat er als freischaffender Maler und Gestalter die einsame Bergwelt entdeckt. Er hat mit Land-Art begonnen, fotografiert, lange Auszeiten in der Natur verbracht und die ersten Sommerkurse in den Tessiner Bergen organisiert.

Dort konnten auch gestresste Manager erleben, wie die Natur riecht, wie sie sich anfühlt und was mit ihnen passiert, wenn sie «einen Platz suchen» und dort die Sinne öffnen sollen. Möglich, dass sie eine Ahnung davon erhascht haben, was Joller für sich schon länger entdeckt hat: «Das Glück erlebt man im Einfachen. Nicht im immer mehr.»

Vernissage am Sonntag, 1. März, um 10.30 Uhr im Rahmen des Gottesdienstes in der Kirche St. Johannes an der Schädrütistrasse 26 in Luzern. Weitere Infos auf www.karijoller.ch und www.johanneskirche.ch