Die erste Musik-Kita der Schweiz eröffnet in Vitznau

Betreuung in Kitas boomt: Luzerner Kindertagesstätten setzen auf neue pädagogische Konzepte. In Vitznau gibt es neu eine Musik-Kita. Solch alternative Ansätze machen derzeit Schule.

Niels Jost
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In Vitznau hat die wohl erste Musik-Kita der Schweiz eröffnet.

In Vitznau hat die wohl erste Musik-Kita der Schweiz eröffnet.

Symbolbild: Jakob Ineichen

Über ein Drittel der Schweizer Eltern ist auf Kindertagesstätten oder schulergänzende Betreuung angewiesen. Alleine in den 82 Luzerner Gemeinden sind mehr als 100 Kitas gemeldet. Darunter finden sich Angebote mit speziellen pädagogischen Konzepten wie Wald-, Bewegungs- oder Sprach-Kitas.

Auch in Vitznau hat nun per Anfang des neuen Jahres im ehemaligen Hotel Schiff eine Kindertagesstätte mit einer alternativen Ausrichtung eröffnet – die «Musikita». Der Name ist Programm. Die Kinder im Vorschulalter beschäftigen sich hier täglich intensiv mit Musik. Zur Verfügung stehen ein Musik- und Bewegungsraum mit diversen Instrumenten. «Der Fokus liegt aber auf der Stimme, dem essenziellsten aller Instrumente», erklärt Marcella Tönz, welche das Projekt koordiniert.

Musizieren fördert Bewegung, Spracherwerb und mehr

Die Kinder sollen durch das Singen und Musizieren in ihrer ganzheitlichen Entwicklung gefördert werden. Dabei wird die Wirth-Methode angewendet, welche vom österreichischen Dirigenten, Komponisten und Chorpädagogen Gerald Wirth entwickelt wurde.

«Die Methode ist geprägt von Freude und Spass am Musizieren, Spielen und ständigem Weiterlernen», sagt Tönz. «Es ist erwiesen, dass frühes Musizieren nicht nur das Hörbewusstsein oder die Koordination von Bewegungen fördern kann, sondern auch den Spracherwerb, das Selbstbewusstsein, die räumliche und zeitliche Orientierung sowie die allgemeine Lernbereitschaft.»

Kita-Verband: Kitas wollen sich von der Konkurrenz abheben

Solch alternative Konzepte machen derzeit Schule. Pädagogische Ansätze wie Bilinguale-Konzepte, Montessori oder Bewegungs-, Wald- und Reggiopädagogik seien schon weit verbreitet, sagt Estelle Thomet, Leiterin Regionen bei Kibe Suisse, dem Schweizer Verband der Kinderbetreuung. «Kindertagesstätten versuchen vermehrt, sich von anderen Anbietern abzuheben. Diese Entwicklung kann als Trend bezeichnet werden», sagt Thomet. «Einzigartig zu sein und Nischenangebote zu schaffen, hilft, sich auf einem wachsenden Markt zu positionieren.»

Dabei würden die Kitas nicht selten die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigen, so Thomet. Dies zeige, dass die Kitas neben der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch klar die frühe Bildung, Betreuung und Erziehung der Kinder im Fokus haben. Dabei sei das konkret gewählte pädagogische Modell nicht das zentrale Element. «Nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen ist es äusserst wichtig, die individuellen Bildungs- und Entwicklungsprozesse der Kinder zu begleiten und zu unterstützen – unabhängig vom pädagogischen Konzept.» Dies geschehe unter anderem über Spiel- und Lernangebote sowie über die Interaktion zwischen der Fachperson Betreuung und dem Kind.

Vitznau: Stiftung finanziert Bereich der Musikpädagogik

Zurück nach Vitznau. Angemeldet sind für die «Musikita» aktuell acht Kinder, Platz hat es für 18. Neben drei Betreuungsfachfrauen ist auch eine Musikpädagogin zugegen. Und zwar zu jeder Zeit. Damit hebe man sich von ähnlichen Kitas ab, wo die Musiklehrerin beispielsweise nur während einer bestimmten Stunde zum Musizieren vorbeikomme, sagt Marcella Tönz. «Wir sind schweizweit die erste Musik-Kita dieser Form.»

Dass sich die privat geführte Kindertagesstätte überhaupt eine eigene Musikpädagogin leisten kann, sei der «P&K Pühringer Gemeinnützige Stiftung» von Peter Pühringer zu verdanken. Diese übernehme die Kosten für den Bereich der Musikpädagogik. Ansonsten müsse man marktwirtschaftlich funktionieren. Die Kosten von 105 bis 120 Franken pro Kind und Tag liegen im marktüblichen Bereich; Betreuungsgutscheine der Gemeinde werden akzeptiert.

Doch besteht im 1400-Einwohner-Dorf überhaupt eine genügend grosse Nachfrage? Schliesslich gibt es in Weggis und in Brunnen bereits eine Kita. Tönz bejaht: «Vitznau entwickelt sich stark, ist eine begehrte Wohngemeinde und hat etwa mit der Cereneo-Klinik und dem Park Hotel zwei grosse Arbeitgeber in unmittelbarer Nähe.» Wichtig sei ihr aber, dass nicht nur etwa Expats angesprochen werden, sondern die lokale Bevölkerung. Diese schätze das neue Angebot, sagt Tönz. Die Pädagogin betont zudem: «Wir sind keine Talentschmiede, sondern sind offen für jedes Kind.» Dass man sich lokal verankern wolle, zeige sich etwa darin, dass auch die regionale Volksmusik einen grossen Platz im musikalischen Konzept einnehme.