BETRIEB: Hochdorf verliert gleich doppelt

Ende Juni geht eine 75-jährige Ära zu Ende. Das Eisenwarengeschäft Bucher schliesst seine Türen. Mit ihm verschwindet auch eines der ältesten Häuser im Dorf.

Ernesto Piazza
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Seit 1977 führt Martin Bucher die Hochdorfer Eisen­warenhandlung Bucher, welche sein Vater gegründet hatte. (Bild Corinne Glanzmann)

Seit 1977 führt Martin Bucher die Hochdorfer Eisen­warenhandlung Bucher, welche sein Vater gegründet hatte. (Bild Corinne Glanzmann)

Ernesto Piazza

Totalausverkauf infolge Pensionierung bei der Eisenwarenhandlung Bucher: In Hochdorf verschwindet Ende Juni nach 75 Jahren ein Geschäft mit besonderem Charme. Wer in den Laden an der Urswilstrasse tritt, wird sofort von einem nostalgisch anmutenden Ambiente umgeben. Er taucht ein in eine Atmosphäre, wie man sie in der heutigen, so schnelllebigen Geschäftswelt kaum mehr spürt. Martin Bucher (65) – er hatte 1977 den Betrieb von seinem Vater Toni übernommen – verstand es in all den Jahren, eine einschneidende Modernisierung von den Räumlichkeiten fernzuhalten.

Und so stehen oder liegen auf wenigen Quadratmetern noch immer rund 20 000 Artikel. Viele Produkte, vornehmlich Viehutensilien, hängen gar an der Decke. Jeder Zentimeter ist ausgenützt. Schrauben, Beschläge, Werkzeuge aller Art gehören ebenso dazu wie Glocken, Treicheln oder Klauenpflegeartikel. Bucher war in all den Jahren bei der Suche nach dem Nicht-Alltäglichen für viele Kunden Adresse und Ratgeber zugleich. Entsprechend ist «der Buecher Toni», so wird der Laden heute oft noch genannt, über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt. Vater Toni baute ihn nicht nur auf, legendär waren auch seine in Versform getexteten Inserate.

Ende Juni geht eine 75-jährige Ära zu Ende. Das Eisenwarengeschäft Bucher schliesst seine Türen. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
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Seit 1977 führt Martin Bucher die Hochdorfer Eisenwarenhandlung, welche sein Vater gegründet hatte. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Das alte Haus der Bucher Eisenwaren an der Urswilstrasse in Hochdorf wird abgerissen. Das Haus wurde bereits 1733 erwähnt. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Martin Bucher wird pensioniert. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Die Moderne hat noch nicht Einzug gehalten: Auf wenigen Quadratmetern stehen oder liegen noch rund 20'000 Artikel. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Das Geschäft, das auch «der Buecher Toni» genannt wurde, war über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Im Geschäft scheint die Zeit stillgestanden zu sein. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Ende Juni geht eine 75-jährige Ära zu Ende. Das Eisenwarengeschäft Bucher schliesst seine Türen. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Doppelrolle der Ehefrau

Mit zu Martin Buchers Steckenpferden gehören die Arbeiten in der angegliederten, kleinen Werkstatt. Dort, wo früher noch die Waschküche war, lebt er sein ganzes handwerkliches Geschick aus. Ob Glocken schweissen, Viehschermesser schleifen sowie Geräte montieren und reparieren: Der Dienst am Kunden ist ihm wichtig. Die Qualität muss stimmen. Auch wenn sich diese Arbeit frankenmässig heute nicht mehr rechne.

Dass Martin – er hat noch vier Geschwister – einmal das Geschäft übernimmt, war nicht vorprogrammiert. Nach der Verkäuferlehre bei der Firma Niederöst in Luzern liebäugelte er mit einer mechanischen Berufsrichtung. Sein Weg führte ihn jedoch für ein Jahr in die Eisenwarenhandlung Maspoli nach Mendrisio. Der Sprache anfänglich nicht mächtig, versuchte sich Bucher über den Sport zu integrieren. Als guter Sprinter war er bei den Leichtathleten sofort akzeptiert.

Wieder zurück in der Deutschschweiz stand schon bald die Geschäftsübernahme an. «Der Beginn war eine schwierige Zeit», erinnert sich der dreifache Familienvater. Doch heute sagt er: «Die 40 Jahre gingen im Nu vorbei.» Immer tatkräftig mitgeholfen hat auch Ehefrau Berta. Als die Kinder Eveline, Fabian und Martina noch zu Hause ein- und ausgingen, füllte sie sogar eine Doppelrolle aus: Einerseits war sie als Mutter gefragt und andererseits oblagen ihr alle administrativen Arbeiten des Betriebs.

In den Räumen von Bucher Eisenwaren scheint die Zeit stillgestanden zu sein. Im Gegensatz zur geschäftlichen Aussenwelt: Seit die Landi ebenfalls landwirtschaftliche Artikel im Sortiment führt, sei ein Preiskampf entbrannt, weiss der 65-Jährige. «Zudem fühlten wir uns oft als Lückenbüsser. Wenn man das Produkt nirgends fand, gab es ja noch den Bucher.» Daher war und ist sein Credo mehr denn je: Sich von den Grossverteilern mit Qualität zu vernünftigen Preisen abzuheben. Dazu komme oft eine umfassende Beratung – und diese passiere zum Nulltarif. «Wir müssen uns in einer Nische bewegen.»

Mehr Zeit für sechs Grosskinder

Als vor viereinhalb Jahren sein treuster Angestellter an Krebs starb, keimten in Bucher vermehrt die Gedanken einer Geschäftsaufgabe auf. «Hanspeter Widmer hätte den Betrieb noch 15 Jahre weiterführen können.» Wehmut beschleicht ihn aber ob der nahenden Schliessung des Geschäfts keine. «Wenn etwas zu Ende geht, gibt es auch immer einen Neuanfang. Den Betrieb jetzt loszulassen, ist für mich kein Problem.» Bucher ist ebenfalls guten Mutes, möglichst viele Artikel noch an die Käuferschaft zu bringen. Sollten Restposten übrig bleiben, «ist deren Abnahme sichergestellt». Und Berta Bucher sagt: «Wir freuen uns, wenn alles geräumt ist.»

Und Langeweile wird bei den beiden keine aufkommen. Aktivitäten wie Joggen und Biken dürften vermehrt in den Vordergrund rücken. Jahrelang haben Martin und Berta Bucher in Hochdorf den «Lauf-Träff» für Kinder und Erwachsene geleitet. Heute schwimmt Martin Bucher regelmässig, mit dem Ziel künftig Triathlons ins Ziel zu bringen. «Auch für die sechs Grosskinder wollen wir uns mehr Zeit nehmen», betont Berta Bucher.

Haus bereits 1733 erwähnt

Mit dem Eisenwarengeschäft Bucher verliert Hochdorf auch eines der ältesten Gebäude. Aufzeichnungen des von Buchers bewohnten und nicht denkmalgeschützten Hauses gehen bis 1733 zurück. Jetzt soll es zwei Mehrfamilienhäusern mit 24 Wohnungen weichen. Martin und Berta Bucher werden dort einziehen. Wenn es nach Plan läuft, dürfte dies Anfang 2018 sein. Ein anderer Traum ist für sie bereits in Erfüllung gegangen. Beide können den nächsten Lebensabschnitt gesund und voller Ideen und Tatendrang in Angriff nehmen.

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