Opferberatungsstelle berät rund 200 Betroffene von Gewaltdelikten im öffentlichen Raum pro Jahr

An einem Augustabend überfielen junge Männer «in Geldnot» Passanten in der Luzerner Altstadt. Die vier Täter wurden verhaftet und erhielten Medienaufmerksamkeit. Wie es den Opfern solcher Delikte ergeht, ist seltener sein Thema.

Marc Benedetti
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Wie sicher ist Luzern am Abend? Ziemlich sicher, finden Vertreter der Polizei, der Stadt und der Opferberatung. Symbolbild vom Europaplatz beim Bahnhof Luzern. (Bild: Nadia Schärli)

Wie sicher ist Luzern am Abend? Ziemlich sicher, finden Vertreter der Polizei, der Stadt und der Opferberatung. Symbolbild vom Europaplatz beim Bahnhof Luzern. (Bild: Nadia Schärli)

Seit dem brutalen Angriff auf fünf Frauen in Genf steht das Thema der Gewalt im öffentlichen Raum stärker im Fokus. Überfälle aus heiterem Himmel gibt es auch in Luzern.

Zwei Raubdelikte ereigneten sich an einem Sommerabend im August mitten in der Altstadt. Kurz nach 22 Uhr sprach die Gruppe einen Passanten an. Die Männer schlugen ihn, traten ihn und klauten ihm den Rucksack. Beim zweiten Opfer handelt es sich um eine Frau. Sie wurde zu Boden geworfen. Ein zweiter Mann nahm ihr die Handtasche weg, während zwei andere Komplizen ihre Begleitperson abschirmten.

Vier Männer im Alter zwischen 21 und 30 Jahren wurden verhaftet, teilte die Luzerner Polizei kürzlich mit. Sie sind geständig, am 25. August die Passanten überfallen zu haben. Sie hätten «kein Geld mehr gehabt» und sich spontan für diese Raubdelikte entschieden (wir berichteten).

Das erschreckt. Wer durch die Meldung vom Vorfall erfuhr, fragt sich: Kann man in Luzern abends noch sorglos ausgehen? Laut der Kriminal-Statistik des Kantons Luzern durchaus. Denn die Zahlen sind rückläufig: 2017 gab es 62 Raubstraftaten auf dem ganzen Kantonsgebiet, im Vorjahr waren es noch 70 und 2014 gar deren 83 gewesen.

Die Raubdelikte mit Schusswaffen (7), Schneid- und Stichwaffen (7) nahmen um die Hälfte ab. Die Straftaten sind mit 18'715 Delikten im ganzen Kanton Luzern sogar auf dem tiefsten Stand der letzten 10 Jahre.

Wie viele der Raubdelikte sich in der Stadt Luzern ereigneten, ist zurzeit nicht eruierbar. Laut dem aktuellsten Sicherheitsbericht der Stadt Luzern war jedoch 2012 ein Rekordjahr, 118 passierten auf Stadtgebiet. Im Vergleich zu 35 Raubdelikten im restlichen Kanton. Danach sank die Zahl kontinuierlich.

Die Kriminallage ist also ruhiger als auch schon. Was jeweils genau geschah – die Geschichten und persönlichen Schicksale hinter der Statistik – gehen aber aus den nackten Zahlen nicht hervor.

Abnahme: Zahlen zu den Raub-Delikten im Kanton Luzern 2016/17.

Abnahme: Zahlen zu den Raub-Delikten im Kanton Luzern 2016/17.

Polizei spricht von «Strassenräubern»

In der Luzerner Kriminal-Statistik gibt es ausserdem einen wenig beruhigenden Hinweis, dass bei Raubdelikten mehr körperliche Gewalt angewendet wurde. Und zwar in 42 Fällen (2016: 32).

Statistik zu Raubdelikten aus dem Sicherheitsbericht 2016 der Stadt Luzern. Dazu zählen auch Überfälle auf Geschäfte.

Statistik zu Raubdelikten aus dem Sicherheitsbericht 2016 der Stadt Luzern. Dazu zählen auch Überfälle auf Geschäfte.

Statistische Angaben zu Diebstählen. Quelle: Sicherheitsbericht 2016.

Statistische Angaben zu Diebstählen. Quelle: Sicherheitsbericht 2016.

Statistik zu Trick- und Taschendiebstahl. Quelle: Sicherheitsbericht 2016.

Statistik zu Trick- und Taschendiebstahl. Quelle: Sicherheitsbericht 2016.

Beim erwähnten Vorfall vom 25. August spricht Polizeisprecher Urs Wigger von «Strassenräubern». Eine Person wurde leicht verletzt bei einem der Raubdelikte. «Aufgrund der eher geringen körperlichen Verletzungen ist nicht auf ein aussergewöhnlich brutales Vorgehen zu schliessen», sagt Wigger. «Es ist aber zu erwähnen, dass ein Raub für das Opfer auch traumatisierend sein kann, ohne dass die Täterschaft ein aussergewöhnlich brutales Vorgehen anwendet».

Opfer von Raubüberfällen werden laut dem Polizeisprecher auf die Opferberatungstelle des Kantons hingewiesen. «Meine Erfahrung aus meiner der Arbeit an der Front ist, dass dieses Angebot geschätzt wird», sagt Wigger. Wenn jemand eine Anzeige wegen eines Raubdelikts macht, sei die Polizei verpflichtet das Opferhilfegesetz zu erklären. Dabei frage man die Person auch, ob man die Kontaktdaten an die Fachstelle weiterleiten soll. Diese hat ihr Büro an der Obergrundstrasse 70 in Luzern.

Seit dem brutalen Überfall auf eine Gruppe von Frauen in Genf sei das Thema der Gewalt im öffentlichen Raum zwar in der Öffentlichkeit stärker präsent, sagt Reto Wiher von der Opferberatungsstelle des Kantons Luzern. «Wir stellen jedoch in unserer Beratungstätigkeit keinen markanten Anstieg von Beratungsfällen aus diesem Kontext fest».

Die Opferberatungsstelle ist da für Menschen, welche durch Straftaten in ihrer körperlichen, psychischen oder sexuellen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden sind.

Mehr Delikte im Nachbarkanton Nidwalden 2017

Ab 2019 können sich Opfer von Straftaten aus Nidwalden an die Opferberatungsstelle des Kantons Luzern wenden. Grund sind steigende Fallzahlen in Nidwalden. Im Kanton Nidwalden war bisher das Amt für Justiz für die Opferberatung zuständig. Wegen steigender Fallzahlen (von 18 Fällen im Jahr 2014 auf 33 Fälle 2017) wäre nun der Aufbau einer spezifischen Beratungsstelle nötig. Stattdessen haben die Kantone Nidwalden und Luzern eine Vereinbarung abgeschlossen, wonach ab Januar 2019 die Opferberatungsstelle des Kantons Luzern die Betreuung von Betroffenen aus dem Kanton Nidwalden übernimmt. Dies teilten die Kantone am Mittwoch mit.

200 Personen melden sich im Jahr

Durchschnittlich melden sich laut Wiher zirka 200 Personen pro Jahr wegen «Gewalt im öffentlichen Raum». Darunter fallen alle Fälle, in denen Personen nicht Opfer von häuslicher oder sexueller Gewalt wurden oder einen Unfall erlitten.

Die 200 Gewaltopfer machen ungefähr einen Fünftel aller Fälle der Stelle aus; diese beriet 2017 1356 Personen auf Kantonsgebiet und im laufenden Jahr bisher zirka 1000 Personen.

Laut Wiher ist die von der Fachstelle angebotene Hilfe bei Opfern von Gewalt im öffentlichen Raum von Fall zu Fall individuell. «Die angebotene Hilfe orientiert sich einerseits an den aktuellen Bedürfnissen und Fragestellungen der betroffenen Personen sowie an der Notwendigkeit. Im Vordergrund steht oft die Information, beispielsweise über ihre Rechte in einem Strafverfahren gegen die Täter.»

Man berate Opfer über die Möglichkeit einer Anzeige. Die Opferberatungsstelle vermittelt bei Bedarf ausserdem juristische Fachpersonen, wenn Betroffene gegenüber der Täterschaft finanzielle Forderungen wie eine Genugtuung oder eine Entschädigung einfordern wollen.

Psychologische Hilfe

Reto Wiher fügt hinzu: «Wir vermitteln auch therapeutische Fachpersonen, wenn jemand Hilfe bei der Verarbeitung von psychischen Folgen der Straftat benötigt. Dass Betroffene von Gewaltdelikten nebst körperlichen Verletzungen auch psychische Beeinträchtigungen erleiden, lässt sich praktisch immer beobachten.» Es sei Aufgabe der Stelle, den Personen zu helfen beim Finden der individuellen Bewältigungs-Strategien.

Wie reagieren Opfer eines Überfalls in der Regel? Gewisse mit sozialem Rückzug oder der Vermeidung von potenziell gefährlichen Situationen. «Bei anderen Personen treten Schlafstörungen, Gefühle des Ausgeliefertseins oder der Verlust einer Grundsicherheit auf. Wichtig ist sicher, dass sich betroffene Personen auch Unterstützung beim Umgang mit den psychischen Folgen einer Straftat holen».

Sechs Monate bis zehn Jahre Gefängnis für Raub

Zurück zum Überfall in Luzern: Den vier Männern drohen happige Strafen. Auf Raub (Diebstahl mit Gewalt oder Androhung derselben) stehen Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zehn Jahren. Nicht unter zwei Jahren Gefängnis sieht das Strafgesetzbuch vor, wenn der Räuber Mitglied einer Bande war. Die Luzerner Polizei schliesst das bandenmässige Vorgehen in diesem Fall jedoch laut Sprecher Urs Wigger aus: Wie in der Medienmitteilung erwähnt, hätten diese sich spontan für die Raubdelikte entschieden.

Maurice Illi, Sicherheitsmanager der Stadt Luzern (Bild: Archiv)

Maurice Illi, Sicherheitsmanager der Stadt Luzern (Bild: Archiv)

Städtischer Sicherheitsmanager Maurice Illi: «Sicherheitslage in Luzern ist zufrieden stellend»

Momentan erarbeitet die Stadt Luzern den Sicherheitsbericht 2019. «Er soll im Sommer des nächsten Jahres erscheinen», sagt der Sicherheitsmanager Maurice Illi auf Anfrage. Luzern gibt seit 2007 alle drei Jahre einen städtischen Sicherheitsbericht heraus. Dieser enthält spezifische Zahlen über die Kriminalität in der Stadt. Laut dem letzten Bericht von 2016 nahmen die Raubdelikte von 2010 bis 2012 markant zu und erreichten mit 118 im Jahr 2012 einen Höhepunkt. Danach sinken sie kontinuierlich, bis zum Tiefstand von 44 im Jahr 2015.

Illis Einschätzung ist, dass die Situation bei Nutzungskonflikten im öffentlichen Raum und bei Gewaltvorfällen stabil blieb; tendenziell gar leicht rückläufig. «Die Situation ist zufrieden stellend, die Konflikte sind zurückgegangen», sagt Illi. Gemeint sind Probleme mit Ruhestörungen, Littering, der Strassenprostitution oder Hooliganismus. Maurice Illi führt diese Entwicklung auf die gute Zusammenarbeit der SIP, dem Strasseninspektorat und der Luzerner Polizei zurück. Auch stehe die Stadt in engem Kontakt mit Bars und Clubs. Auf die im Haupttext erwähnten Raubdelikte angesprochen, meint der Sicherheitsmanager, eine Stadt könne noch so friedlich sein, kriminelle Handlungen gebe es leider immer. Die Gewalt gegen Frauen in Genf verurteilt Maurice Illi. «Verallgemeinern lassen sich solche Vorfälle aber nicht und auf andere Städte übertragen», sagt er. Ihm sei nichts ähnliches in der Stadt Luzern bekannt.

Infos über die Kriminalität spezifisch in der Stadt Luzern, oder gar in einzelnen Quartieren, sind nicht öffentlich verfügbar. «Wir führen eine deliktsbezogene Statistik und veröffentlichen keine separaten Auswertungen zu einzelnen Gemeinden oder Gebieten», sagt Urs Wigger, Mediensprecher der Luzerner Polizei. Bei der Opferberatungsstelle des Kantons Luzerns wird nur der Tatkanton, aber nicht der Ort des Verbrechens, erfasst. Nur für den erwähnten Sicherheitsbericht werden die Zahlen vom Kanton extra herausgezogen und der Stadt Luzern geliefert.

Hinweis

Die Schweizerische Kriminalprävention (SKP) hat eine informative Homepage mit Tipps gegen Gewalt, sexuelle Übergriffe, Cyberkriminalität etc. Die SKP ist eine interkantonale Fachstelle im Bereich Prävention von Kriminalität und Kriminalitätsfurcht.