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BEVÖLKERUNG: Der Altstädter ist ein «Experimentalist»

Wie ticken die Stadt­luzerner Quartiere? Eine soziologische Analyse bringt Überraschendes zutage.
Robert Knobel
Legende: Dunkelblau: Postmaterielle (links-liberal). Orange: Experimentalisten (individualistisch). Dunkelgrün: Statusorientierte (Mittelschicht). Rot: Konsumorientierte Arbeiter (Kampf gegen sozialen Abstieg). Bordeaux: Eskapisten (Ablehnung von bürgerl. Werten). Grün: Moderne Performer (leistungsorientiert). Blau: Bürgerliche Mitte (Wunsch nach harmonischem Leben). (Bild: Grafik Oliver Marx / Neue LZ)

Legende: Dunkelblau: Postmaterielle (links-liberal). Orange: Experimentalisten (individualistisch). Dunkelgrün: Statusorientierte (Mittelschicht). Rot: Konsumorientierte Arbeiter (Kampf gegen sozialen Abstieg). Bordeaux: Eskapisten (Ablehnung von bürgerl. Werten). Grün: Moderne Performer (leistungsorientiert). Blau: Bürgerliche Mitte (Wunsch nach harmonischem Leben). (Bild: Grafik Oliver Marx / Neue LZ)

Robert Knobel

Sag mir, wo du wohnst, und ich sage dir, wer du bist. Wie in jeder Stadt haben auch die Luzerner Quartiere und deren Bewohner unterschiedliche Eigenheiten, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen. Es ist kein Geheimnis, dass die Leute im Wesemlin wohl mehr verdienen als an der Baselstrasse. Oder dass die Littauer konservativer ticken als die Neustadtbewohner. Diese Eigenheiten zu kennen, kann ein Vorteil sein – zum Beispiel für die Werbeindustrie. Oder für die Kirche, die ihre Quartierangebote möglichst präzis auf die Bedürfnisse der dortigen Bewohner zuschneiden will. Genau dies ist die Absicht der katholischen Kirchgemeinde Luzern. Sie wollte wissen, wie ihre Schäfchen in den einzelnen Pfarreien ticken. Deshalb liess sie eine detaillierte soziologische Analyse der Stadtquartiere erstellen. Die Marketingfirmen Microm Consumer Marketing und Künzler Bachmann Directmarketing AG untersuchten dafür das gesamte Gebiet der Kirchgemeinde Luzern, welche das alte Stadtgebiet ohne Littau umfasst. Im Visier waren nicht explizit die Katholiken, sondern die gesamte Bevölkerungsstruktur.

Gut situierte Linksliberale

Die Analyse teilt die Bevölkerung in 10 Prototypen auf, die sich durch charakteristische Eigenschaften bezüglich Lebensstil und Wertehaltungen auszeichnen. Der in Luzern am stärksten verbreitete Typ sind die «Postmateriellen». Gemäss der Analyse zählt jeder fünfte Stadtluzerner zu dieser Kategorie. Auf den Punkt gebracht handelt es sich dabei um gut situierte Linksliberale. «Werte wie Ökologie und soziale Gerechtigkeit sind ihnen besonders wichtig», sagt Roger Muffler von der Firma Künzler Bachmann. Die Postmateriellen geniessen eine hohe materielle Sicherheit, sind aber auch bereit, auf ein Maximaleinkommen zu Gunsten von mehr Lebensqualität zu verzichten. «Auffallend viele Postmaterielle arbeiten Teilzeit», sagt Muffler. Allerdings sei bei diesem Typ auch eine hohe Scheidungsrate zu beobachten. Die «Postmateriellen» machen in zahlreichen Quartieren die grösste Gruppe aus (siehe Grafik). Besonders verbreitet sind sie in den Gebieten Bramberg/St. Karli, Halde/Lützelmatt und Wesemlin/Dreilinden.

Telefon-Interviews und Statistik

Doch woher wissen das die Analysten so genau? Gemäss Roger Muffler wurden zunächst schweizweit mehrere tausend Telefon- und Online-Interviews gemacht. Diese dienten dazu, die zehn Typen möglichst genau zu definieren. Damit hatte man schon einmal ein Abbild der Schweizer Bevölkerung. Für die geografische Verteilung der Typen wurde dann statistisches Material aus dem Jahr 2012 verwertet. Im Fall von Luzern flossen diverse Statistiken über die Quartiere in die Analyse ein – beispielsweise über die Gebäude- und Wohnstruktur. Ergänzt wurde die Analyse mit Marketingdatenbanken, welche zusätzliche Informationen über die Quartiere lieferten. Roger Muffler betont, dass es sich bei den Endresultaten um Hochrechnungen handelt. Sie sind also kein exaktes Abbild der Realität. Kommt hinzu, dass sich nicht jede Person ohne weiteres in ein Typenschema pressen lässt. Das ist auch Muffler bewusst. «Wir gehen davon aus, dass im Grunde jeder Mensch jeden Typ in sich trägt – einfach in unterschiedlicher Ausprägung.»

Freiräume im dicht besiedelten Gebiet

Interessant ist auch die Bevölkerungsstruktur in der Alt- und Neustadt. Dort ist der Typ «Experimentalist» am stärksten vertreten. Dieser ist gemäss Definition «stark individualistisch geprägt». Ein wichtiges Lebensziel sei denn auch die Schaffung von persönlichen Freiräumen. Und dies ausgerechnet in den am dichtesten besiedelten Quartieren der Stadt? «Experimentalisten sind gerne mitten unter den Leuten», begründet Roger Muffler. Man sei sehr kosmopolitisch veranlagt und lasse sich nur ungern in ein Schema pressen. Dies sei übrigens auch kein Widerspruch zum mittelalterlichen Flair der Altstadt. «Die Experimentalisten nehmen traditionelle Werte auf, um sie für sich selber neu zu interpretieren.»

Eine typisch städtische Kategorie sind auch die «modernen Performer». Roger Muffler erklärt: «Diese sind permanent online, wobei die Unterschiede zwischen Arbeit und Freizeit fliessend sind.» Leistung stehe dabei im Vordergrund. Dies gilt auch für die «Statusorientierten», die etwa im Würzenbach und im Langensand/Matthof häufig vorkommen. «Das ist der typische Chrampfer, der seinen Erfolg gerne zur Schau stellt», so Muffler. Häufig seien dies etwa Handwerker, die sich einen eigenen, erfolgreichen Betrieb aufgebaut haben.

Gewaltakzeptanz

Allerdings gibt es auch Kategorien, in denen man sich vielleicht nicht unbedingt wiederfinden möchte. Die «Eskapisten» lehnen nicht nur bürgerliche Werte ab, sondern haben eine «hohe Gewaltakzeptanz». Sie findet man etwa im Gebiet um die Voltastrasse oder im Ibach. Roger Muffler betont, dass diese Menschen nicht einer klaren politischen Richtung zuzuordnen sind. «Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich gegenüber anderen Gesellschaftsgruppen abgrenzen wollen.» In der extremsten Ausprägung finden sich unter den Eskapisten beispielsweise Punks oder Hooligans. Einen anderen Fokus haben dagegen die «konsumorientierten Arbeiter», deren Leben vom Kampf gegen den sozialen Abstieg geprägt ist.

Ankommen im Bellerive-Quartier

Am anderen Ende der sozialen Leiter befinden sich die «Arrivierten». Sie sind, wie der Name sagt, zuoberst angekommen und zeichnen sich durch hohe Affinität zu Kultur und Luxusprodukten aus. Sie haben ein hohes Standesbewusstsein und nehmen die Herausforderungen der Globalisierung und Digitalisierung gern an. In Luzern ist dieser Typ allerdings nicht sehr dominant. Im Bellerive-Quartier gehört aber immerhin jeder Fünfte zu den «Arrivierten».

Und welche Schlüsse zieht nun die Katholische Kirche als Auftraggeberin aus dieser Studie? Die Resultate sollen ins Projekt «Zukunftsfähige Kirche: Für lebendige Quartiere und eine offene Stadt» einfliessen, sagt Projektleiter Florian Flohr. Dessen Ziel ist es, in den Pfarreien gezielte Angebotsschwerpunkte zu setzen.

Bürgerliche Dorfkerne im Rontal

Die Luzerner Kirchgemeinde ist übrigens nicht die erste, die ihr Angebot aufgrund soziologischer Studien anpassen will. Schon 2013 haben Katholiken und Reformierte im Rontal gemeinsam eine solche Analyse erstellen lassen. So leben in den Rontaler Dorfzentren insbesondere Menschen aus der «bürgerlichen Mitte». Dabei handelt es sich oft um Alteingesessene – während die Neuzuzüger in den Aussenquartieren für eine Durchmischung sorgen: Sie gehören den «Statusorientierten», den «Postmateriellen» und den «Modernen Performern» an.

Welcher Typ sind Sie?

Soziologie red.Die im Haupttext erwähnten zehn Bevölkerungsprototypen werden in der Fachsprache «Sinus Geo Milieus» genannt. Sie sollen ein repräsentatives Abbild der soziologischen Bevölkerungsstruktur wiedergeben.

Prototypen wieder angepasst

Da sich die Bevölkerung ständig wandelt, werden auch die Typisierungen immer wieder angepasst. Einige der in der Analyse der Stadtluzerner Quartiere erwähnten Prototypen wurden in der Zwischenzeit weiter präzisiert und teils auch umbenannt. Der «Postmaterielle» ist geblieben, den «konsumorientierten Arbeiter» gibt es hingegen nicht mehr. Dafür gehören neu der «digitale Kosmopolit» und der «adaptiv Pragmatische» zu den soziologischen Prototypen.

Wer wissen will, welche Bezeichnung nach der aktuellsten Typisierung am besten auf ihn zutrifft, kann dies auf folgender Website nachschauen: www.sinus-geo-milieus.ch

Die detaillierten Resultate der Studie für die Luzerner Quartiere finden Sie auf www.luzernerzeitung.ch/bonus

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