BEZIRKSGERICHT: Sanitäterin rettet Mann vor Alkoholvergiftung – und wird verletzt

Lena Berger
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Die Verletzte wurde mit der Ambulanz ins Spital gebracht. (Symbolbild Neue UZ)

Die Verletzte wurde mit der Ambulanz ins Spital gebracht. (Symbolbild Neue UZ)

Der ist bestimmt im falschen Gerichtssaal. Dass der Mann im adretten Jackett getan hat, was er getan haben soll, erscheint geradezu absurd. Das Hand­gelenk schmückt eine Smartwatch, die weissen Turnschuhe sind auf Hochglanz poliert, die Hände sehen aus, als käme der Mann gerade aus der Maniküre. Er hat ein Auftreten, dass es Knigge eine wahre Freude gewesen wäre. Und doch verbergen sich hinter der sauberen Fassade auch dunkle Seiten.

Luzern im Herbst 2015. Es ist ein sonniger, wenn auch eher kühler Dienstag. Der Beschuldigte ist zu Hause. Gerade erst hat er seinen Job in einer Kaderposition verloren. Schon um die Mittagszeit trinkt er das erste Bier. Die Stunden ziehen ereignislos vorbei. Er trinkt immer weiter. Gegen Abend beschliesst er rauszugehen.

Auf der Strasse läuft er zwei Bekannten in die Arme. Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits derart betrunken, dass die beiden Frauen ihn wieder nach Hause bringen. Dort angekommen, wirft er drei verschreibungspflichtige Beruhigungs­tabletten ein – und spült sie mit einer Flasche Wein runter.

Alkohol und Benzodiazepine sind generell eine unberechenbare Mischung. Im schlimmsten Fall kann es zu einer Lähmung des Atemzentrums kommen. Die Frauen wollen den Mann in seinem Zustand nicht alleine lassen. Sie rufen die Ambulanz.

Der Strafbefehl der Staats­anwaltschaft schildert, was aus ihrer Sicht danach geschah. Demzufolge war der Beschuldigte unfähig, aufzustehen oder zu sprechen. Er hatte sich sogar eingenässt. Trotzdem wollte er nicht mit dem Rettungsdienst ins Spital gebracht werden und hat um sich geschlagen. Die beiden Rettungssanitäterinnen hieven den 90 Kilogramm schweren Mann daher in einen Rettungsstuhl und verfrachten ihn in den Sanitätswagen.

Als der Wagen losfährt, will er sich wieder losreissen und zerrt die Rettungssanitäterin an der Kleidung. Dabei stürzt die Frau und zieht sich eine Rückenverletzung an der Bandscheibe zu. Sie muss sich in der Folge einer Operation unterziehen. Die Anklage fordert deshalb eine Verurteilung wegen Körper­verletzung sowie Gewalt und Drohung gegen Behörden.

Eine Blutabnahme im Spital ergibt einen Alkoholwert von 3,5 Promille. Für ungeübte Trinker könnte das selbst ohne die gefährlichen Medikamente tödlich sein. Der Einsatz der Ambulanz könnte dem Mann also das Leben gerettet haben.

In der Befragung vor Gericht räumt er ein, ein Alkoholpro­blem zu haben. Geschlagen habe er die Sanitäterin aber nicht. Er habe bloss nicht festgeschnallt werden wollen. Er wäre auch so mitgegangen. «Kein Problem», sagt er, als hätte man ihn nur anständig darum bitten müssen. Überhaupt scheint er nicht recht einzusehen, warum er vor Gericht steht. Klar sei es tragisch, wenn jemand bei einem Krankentransport verletzt werde, aber er denke nicht, dass er dafür die Verantwortung trage. Er habe ja niemandem einen Schaden zufügen wollen.

Der Mann hatte sich über Jahre in eine verantwortungsvolle Position hochgearbeitet – jetzt steht er vor dem Nichts. Einerseits ist er einsichtig, versucht sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, eine Therapie zu machen und seine Schulden zurückzuzahlen. Andererseits hat er noch immer das leicht arrogante Auftreten des erfolgreichen Mannes, der er mal war, und scheint die Tragweite seines Problems bis heute nicht richtig zu erkennen. Er ist arbeitslos, spricht aber davon, sich derzeit eine «Pause zu gönnen, um sich um sich zu kümmern». Vom anstehenden Entzug spricht er, als würde ihm ein Wellness-Urlaub bevorstehen.

Der Verteidiger wiederum zweifelt an den Aussagen des «angeblichen Opfers», wie er die Sanitäterin nennt. Es sei nicht bewiesen, dass sie durch seinen Mandanten hingefallen sei. Es sei auch möglich, dass sie einfach im Urin ausgerutscht sei. Auf die Aussagen seines Mandanten dagegen könne man abstützen – er wisse ja sogar noch, welches Wetter an dem Tag gewesen sei.

Unzurechnungsfähig oder ein verlässlicher Zeuge? Das Gericht kommt zum Schluss, dass sich der Mann neben der Gewalt und Drohung gegen Behörden auch der fahrlässigen Körperverletzung in selbst verschuldeter Unzurechnungsfähigkeit schuldig gemacht hat. Dass er die Sanitäterin verletzen wollte, ist nicht bewiesen. Es ist aus Sicht des Gerichts aber erwiesen, dass er sie zu Fall brachte und sie sich dabei verletzte. Er wird zu 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Das Urteil ist rechtskräftig.

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch