BIBLIOTHEKEN: Mehr als eine Bücherausleihe

Seit Jahren gehen die Ausleihzahlen von Gemeindebibliotheken zurück. Warum es sie trotzdem braucht, lässt sich aber nicht in Zahlen fassen.

Beatrice Vogel
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Die neu eröffnete Gemeindebibliothek in Ebikon boomt: sowohl bei der Ausleihe, wie auch als Treffpunkt. (Bild Pius Amrein)

Die neu eröffnete Gemeindebibliothek in Ebikon boomt: sowohl bei der Ausleihe, wie auch als Treffpunkt. (Bild Pius Amrein)

Beatrice Vogel

Die Ausleihzahlen in den Gemeindebibliotheken gehen seit Jahren zurück. Dies zeigt ein Blick in die Statistiken. Es stellt sich die Frage, ob kommunale Bibliotheken ein Auslaufmodell sind. Braucht es sie überhaupt noch? «Ja», sagt Lilo Keller, Leiterin der Gemeindebibliothek Buchrain. «Ausleihzahlen zeigen nur einen Aspekt der Bibliothek.» Was sie sonst noch leiste, werde darin nicht abgebildet. «Wir haben Kunden, darunter viele Kinder, die in der Bibliothek Bücher, Comics oder Zeitschriften anschauen und sogar ganz lesen, letztlich aber gar nichts oder nur ein Medium ausleihen. Manche kommen mehrmals wöchentlich.»

Nutzung von E-Book nimmt zu

Dass Ausleihzahlen nicht der Weisheit letzter Schluss sind, bestätigt auch Josef Birrer, Leiter der Stadtbibliothek Luzern. «Insgesamt ist die Nutzung der Bibliotheken nach wie vor enorm hoch.» Es ändere sich aber etwas bei den Medien, die ausgeliehen werden. Auch dies ist statistisch erfasst: Bei den Buchausleihen ist die Abnahme weniger stark als bei anderen Medien wie CDs und DVDs. So verzeichnete beispielsweise die Bibliothek Adligenswil im letzten Jahr bei den Non-Books-Ausleihen einen Rückgang von 12 Prozent – bei den Büchern lediglich ein Minus von 1,3 Prozent. Birrer: «DVDs und CDs werden sich langsam, aber sicher aus den Bibliotheken verabschieden.»

Hingegen hat die Ausleihe von E-Books zugenommen. Seit 2013 bietet der Bibliotheksverband Region Luzern (Adligenswil, Emmen, Horw, Kriens, Meggen, Vitznau und Luzern) die «Digitale Bibliothek Zentralschweiz» an, bei der E-Books, E-Paper, E-Audios und E-Videos ausgeliehen werden können. 2014 hat sich die Bibliothek Buchrain angegliedert und dieses Jahr auch die Bibliotheken Ebikon und Root/Gisikon/Honau. Lilo Keller: «Die E-Books sind eine gute Ergänzung. Viele Kunden leihen sowohl normale Bücher als auch E-Books aus.»

Neue Kundschaft erreichen

Die Angliederung an die digitale Bibliothek ist in Root ein Versuch, neue Kundschaft zu erreichen und veränderten Bedürfnissen entgegenzukommen. In der kleinen Bibliothek ist der Rückgang der Ausleihzahlen markant. «Vor allem Erwachsene leihen immer weniger Bücher aus», sagt Leiterin Regula Roggenbach. «Viele sagen, sie kommen nicht mehr zum Lesen.»

Kommunale Bibliotheken brauche es nach wie vor als Begegnungsorte und für die Leseförderung, sagen alle Bibliothekare. Sie engagieren sich auch für das Dorfleben: In Root gibt es regelmässig Lesungen und andere Aktivitäten. In Buchrain wird dreimal im Jahr das Treffen «Wolle und Märchen» veranstaltet – so auch diesen Freitag –, bei dem Frauen zum gemeinsamen Stricken und Häkeln in die Bibliothek kommen und Geschichten erzählt werden.

Boom in Ebikon

Dass Bibliotheken immer mehr als Treffpunkt gefragt sind, zeigt das Beispiel Ebikon. Hier wurden am 4. Mai die neuen Räumlichkeiten beim neuen Gemeindehausplatz eröffnet. «Im Moment boomt es wie verrückt», sagt Leiterin Irene Sidler. Aber sie relativiert: «Das kommt natürlich auch daher, dass alles neu ist. Wir werden sehen, wie es sich entwickelt.» Doch der zentrale Standort und die längeren Öffnungszeiten der Bibliothek haben klar zum Ziel, einen Begegnungsort in Ebikon zu bieten. Die Bibliothek hat auch Platz für eine Kaffee-Ecke und für Arbeitsplätze, an denen Jugendliche ihre Hausaufgaben machen können.

In Sachen Leseförderung arbeiten die Bibliotheken eng mit der Schule zusammen. Damit leisten sie einen Beitrag gegen den Illettrismus. Wie der «Beobachter» kürzlich berichtete, können rund 800 000 Personen in der Schweiz einen einfachen Text nicht richtig lesen und verstehen. Gemäss einer Studie des Bundesamts für Statistik verursacht dies hohe Kosten: 1,1 Milliarden Franken der Ausgaben der Arbeitslosenversicherung sind auf Leseschwäche zurückzuführen – 18 Prozent der Gesamtkosten. Lilo Keller findet, dass es besser wäre, einen Teil dieser Ausgaben vorbeugend in die Leseförderung zu investieren und Projekte in Bibliotheken zu unterstützen.

Bibliotheken bessern Image auf

Um das Image der Bibliotheken aufzubessern, startete am 23. April die schweizweite Kampagne «Bibliofreak». Ziel ist es, die öffentliche Wahrnehmung der Bibliotheken zu verbessern, den Kreis der Nutzer zu erweitern und auf die vielfältigen Leistungen der Bibliotheken aufmerksam zu machen. Auch Bibliotheken aus der Region Luzern machen bei der Kampagne mit.