BILANZ: Das Prestigeprojekt lässt auf sich warten

Ursula Stämmer muss als Kulturdirektorin ein neues Theater planen. Doch das Projekt ist noch wenig ausgereift. Derweil kommen weitere Begehrlichkeiten auf sie zu.

Hugo Bischof und Robert Knobel
Drucken
Teilen
Ursula Stämmer im Kulturzentrum Südpol. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Ursula Stämmer im Kulturzentrum Südpol. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Luzern soll ein neues Theater erhalten. Darin sind sich Stadt und Kanton einig. Wie dieses aussehen soll, an welchem Standort und mit welcher inhaltlichen Ausrichtung, steht aber noch in den Sternen. Die Neubaupläne voranzutreiben, ist eine der grossen Aufgaben der städtischen Bildungs- und Kulturdirektorin Ursula Stämmer. Sie übernahm dieses Departement vor zwei Jahren von Urs W. Studer, nachdem sie zuvor zwölf Jahre lang Sicherheitsdirektorin war.

Einig sind sich Stadt und Kanton auch, dass die Salle Modulable, das vom inzwischen verstorbenen Mäzen Christof Engelhorn lancierte Projekt eines flexiblen Musiktheatergebäudes, in den neuen Theaterbau integriert werden soll. Wie genau, ist ebenfalls noch ungewiss.

Damit nicht genug: Den Interessen des heutigen Luzerner Theaters stehen zunehmende Begehrlichkeiten aus der freien Kulturszene gegenüber. Zwar besteht bei Stadt und Kanton Luzern ein Konsens, dass die freie Szene stärker unterstützt werden soll. Doch insgesamt ist das Riesenprojekt Neue Theaterinfrastruktur (NTI) noch kaum fassbar. Stadträtin Stämmer hält sich, gleich wie der kantonale Kulturdirektor Reto Wyss, in dieser Frage bedeckt und verweist auf die intensive Planung im Hintergrund. Zuwarten in Ehren, aber die Luzerner – in der Stadt ebenso wie auf dem Land – haben ein Anrecht, hier auf dem Laufenden gehalten zu werden. Sowohl Stämmer als auch Wyss müssten hier deutlich kommunikativer agieren.

Stadt braucht Bermuda-Geld

Das gilt auch für die langwierige Geschichte mit dem Salle-Modulable-Prozess. Ob und wie viele Millionen aus dem Prozess nach Luzern fliessen, ist absolut entscheidend für die Theater-Erneuerung. Dass man stets beteuerte, für das Theaterprojekt sei man nicht auf das Geld aus Bermuda angewiesen, war von Beginn weg wenig glaubwürdig. Inzwischen sagt auch Ursula Stämmer: «Ein positiver Ausgang des Prozesses ist entscheidend für eine realistische Umsetzung der Neuen Theaterinfrastruktur in naher Zukunft.» Wobei mit «naher Zukunft» ein Baubeginn nicht vor 2022 gemeint ist.

Der Richter in Bermuda gab der Stadt und der Stiftung Salle Modulable eine grosszügige Frist bis Ende 2015, um eine Machbarkeitsstudie auszuarbeiten. Doch es ist nicht einmal sicher, ob bis dahin auch ein Standort feststeht. Stämmer sagt zwar: «Die Standortfrage ist sehr wichtig. Deshalb wird mit Hochdruck an Entscheidungsgrundlagen gearbeitet.» Stadt- wie Regierungsrat scheinen es dennoch nicht allzu eilig zu haben. So ist zu befürchten, dass eine öffentliche Diskussion über das neue Theater mangels Grundlagen vor 2016 kaum möglich ist.

Kultur wird total umgebaut

Auch sonst bleibt in Sachen Kultur kein Stein auf dem anderen. Wer erhält wie viel Geld von Stadt und Kanton? Wer darf welche Räume nutzen? Darüber wird zurzeit heftig diskutiert. Mögliche Antworten darauf finden sich in der Kultur-Agenda 2020, dem 45-seitigen Planungsbericht des Stadtrats. Er ist eine Standortbestimmung der städtischen Kulturpolitik der kommenden zehn Jahre, entstanden in Abstimmung mit dem Kanton. Neben vielen floskelhaften Bekenntnissen zur «Kulturstadt Luzern» steht darin, wie viel Geld die einzelnen Institutionen in Zukunft erhalten sollen.

Ein zentrales Stichwort ist der Luzerner Kulturkompromiss. Geprägt wurde es Ende der 1980er-Jahre, beim Bau des KKL. Er bezeichnet einen gerechten Ausgleich zwischen etablierter und alternativer Kultur. Mit der Schliessung des alternativen Kulturhauses Boa 2007 kam er arg ins Wanken. Die freie Kulturszene konnte sich mit dem neuen Südpol an der Grenze zwischen Luzern und Kriens nie ganz anfreunden – kritisiert wurde unter anderem dessen periphere Lage. Die diversen Interessen unter einen Hut zu bringen, ist eine Herkules-Aufgabe. Ob Ursula Stämmer in der Lage ist, hier allseits akzeptierte Lösungen zu finden, muss sie erst noch beweisen.

«Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie realistisch ist es, dass der Kulturkompromiss gerettet werden kann?», fragen wir Ursula Stämmer. Nach kurzer Überlegung zeigt sie acht Finger (siehe Bild). Stämmer glaubt also an den Kulturfrieden in Luzern. Die Kritik an der «Randlage» des Südpols hat sie mitbekommen. «Der Vorwurf stimmt nicht», findet sie. «Der Südpol ist mitten im Gebiet Luzern Süd, das gut erschlossen ist.» Klar sei aber auch: «Die freie Kulturszene steht vor Riesenherausforderungen; es ist der Kampf um Mittel, das Ringen um Anerkennung.»

Tatsächlich hat die freie Theaterszene bereits klargemacht, dass sie neben der Subventionserhöhung für den Südpol mittelfristig weitere Beiträge brauche. Umso wichtiger sei es, das Projekt Kulturagenda 2020 auf gute Wege zu bringen, sagt dazu Ursula Stämmer. Einen Zwischenerfolg konnte sie am 25. September verbuchen: Die Kulturagenda wurde nach längerer Debatte über Subventionen, Kulturpolitik und -strategien vom Parlament zustimmend zur Kenntnis genommen.

Stolz auf Hort-Ausbau

Im Gegensatz zur Kultur präsentiert sich der Schul- und Bildungsbereich, der auch unter Stadträtin Stämmers Leitung steht, ruhig. Bildungspolitik wird vor allem auf Kantonsebene gemacht. Was nicht heisst, dass die Stadt keine Akzente setzen muss. Gerade in Sachen Kostendiktat durch die kantonale Politik nimmt man die Stimme der grössten Gemeinde kaum wahr.

Als einen Erfolg wertet Stämmer die Ausweitung der schulergänzenden Betreuungsangebote. «Die Stadt macht in diesem Bereich mehr, als wir noch vor drei Jahren für möglich hielten.» Stämmer bezeichnet es als «parteiübergreifend akzeptiertes Projekt». Sie will den Weg konsequent weitergehen: «Betreuungsangebote müssen im schulischen Angebot und auch örtlich integriert sein.» Stämmer verweist auf Pilotprojekte in Zürich, welche die Tagesschule als Standard für alle etablieren sollen. Das ist in Luzern zwar kein Thema. Doch bei der Betreuungsqualität an sich sei man absolut auf der Höhe.

Tarif-Dschungel im Sport

Wo hat Stämmer laut eigener Einschätzung ihre Ziele nicht erreicht? «Unbefriedigend sind die sehr unterschiedlichen Tarife für die Nutzung der Sportstätten», sagt sie. «Hier haben wir ein Chrüsimüsi.» Entstanden sei dies nicht zuletzt durch die Fusion mit Littau vor vier Jahren. In Littau konnten viele Vereine die Turnhallen gratis nutzen. Heute liege der finanzielle Deckungsgrad bei der Nutzung städtischer Sportstätten durch Vereine bei nur 1,5 Prozent, sagt Stämmer. «Ziel ist es, diesen Wert auf 8 Prozent zu steigern.» Ein ambitioniertes Ziel – vor allem wenn man um die Kritik von Sportvereinen weiss, zwischen Kultur- und Sportförderung herrsche in der Stadt Luzern ein Ungleichgewicht. Hier hat Stadträtin Stämmer also noch einige Hausaufgaben zu erledigen.