BILANZ: Ihre Arbeit besteht aus lauter Baustellen

Manuela Jost (GLP) hat nach zwei Jahren im Amt viele Grossprojekte in der Pipeline. Dass sie diese auch umsetzen kann, muss die Bau­direktorin erst noch zeigen.

Luca Wolf und Robert Knobel
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Baudirektorin Manuela Jost beim Pilatusplatz, wo bis 2010 die «Schmitte» stand. Der Platz gilt als städtischer Entwicklungsschwerpunkt und möglicher Standort für ein Hochhaus. (Bild Dominik Wunderli)

Baudirektorin Manuela Jost beim Pilatusplatz, wo bis 2010 die «Schmitte» stand. Der Platz gilt als städtischer Entwicklungsschwerpunkt und möglicher Standort für ein Hochhaus. (Bild Dominik Wunderli)

Seit dem 1. September 2012 ist Manuela Jost (51, GLP) Stadträtin. Etwas überraschend übernahm nach den Stadtratswahlen nicht etwa der ebenfalls neu gewählte Martin Merki (FDP) die zuvor von seinem Parteikollegen Kurt Bieder geführte Baudirektion. Sondern Jost, die sich im Wahlkampf eher für Kultur und Bildung starkmachte.

Volk gibt die Stossrichtung vor

Manuela Jost hat gleich zu Beginn ihrer Amtszeit den Tarif erklärt bekommen. Nicht von der Politik, sondern vom Volk. Dieses hat im Sommer 2012 nämlich zwei von linker Seite initiierte Initiativen angenommen. Zum einen die Wohnrauminitiative, die den Bau von mehr günstigem Wohnraum verlangt. Zum anderen haben die Stadtluzerner auch der Industriestrasseninitiative zugestimmt. Diese verlangt, dass das Areal auf der Industriestrasse nicht wie vom Stadtrat beabsichtigt an einen privaten Investor verkauft werden soll. Sondern dass dort ebenfalls günstiger Wohnraum sowie Platz für Kultur geschaffen werden muss.

Das lange Warten am Pilatusplatz

In der konkreten Arbeit fällt bei der grünliberalen Stadträtin auf:

  • Pilatusplatz und Steghof: Diese beiden (Hochhaus-)Areale hat der Stadtrat stets als Schlüsselareale bezeichnet, die besonders rasch entwickelt werden sollen, um neue Firmen nach Luzern zu locken. Doch von konkreten Taten ist wenig zu merken. Bis auf diesen ArealenBagger auffahren, dauert es noch Jahre. Es wird geplant und verhandelt – nur vorwärts gehts kaum. Jost sagt: «Viele Sachen dauern länger, als ich es gerne hätte.» Die Parzelle am Pilatusplatz sei äusserst komplex: relativ klein, mit denkmalgeschützten Gebäuden in der Nähe, lärmexponiert und anspruchsvoll in der Erschliessung. Zudem: «Es findet eine weitere Verzögerung statt, die jedoch von Seiten des Parlaments initiiert wurde», sagt Jost. Grund seien verschiedene Bedingungen, die die Baukommission gestellt habe – etwa, dass man zuerst die hängige Stadtbildinitiative abwartet, die keine Hochhäuser in der Innenstadt will. Dennoch macht Jost hier zuweilen einen ratlosen Eindruck. Dass sie kürzlich gesagt hat, auf dem Pilatusplatz sei auch nach einem Ja zur Stadtbildinitiative ein Hochhaus möglich, zeugt zudem nicht von Dossierfestigkeit. Denn die Initiative schliesst das glasklar aus. Manuela Jost betont gleichzeitig: «Mir ist wichtig, dass in der Stadtentwicklung keine Schnellschüsse gemacht werden. Denn was wir heute entscheiden, währt Jahrzehnte und sollte nachhaltig sein.»
  • Industriestrasse: Hier schien es lange, als werde unter der Federführung von Jost nur geredet statt gehandelt. Um die völlig unterschiedlichen Vorstellungen der involvierten Parteien über die künftige Überbauung in Einklang zu bringen, hat Manuela Jost einen «partizipativen Prozess» lanciert. Kostenpunkt: über 50 000 Franken. Viel einiger als vorher war man sich am Schluss dennoch nicht. Immerhin konnte man kürzlich das Projekt ausschreiben – zwei Jahre nach dem Ja des Volkes. Ob die Bewerber all die von der Stadt gestellten Bedingungen – Familienwohnungen, Energiesparbauweise, Raum für Kreativwirtschaft etc. – erfüllen werden, ist allerdings offen.
  • Wohnrauminitiative: Hier kann sich die Arbeit der Baudirektorin sehen lassen. In einem ansprechenden Tempo wird die Zusammenarbeit mit den sozialen Baugenossenschaften aufgegleist und konkretisiert. Zwar harzte es mit den Verhandlungen um günstigen Wohnraum an der Bernstrasse. Aber inzwischen gehts auch dort vorwärts.
  • Gütsch: Die Sanierung des Hotels Gütsch samt Bahn stellt für Jost und ihre Stadtratskollegen kein Ruhmesblatt dar. Es scheint fast, als ob sich der russische «Gütsch»-Besitzer etwas amüsiert hat ob der unzähligen, stets versandenden Aufforderungen, endlich vorwärtszumachen. Ob hier ein alt Baudirektor Kurt Bieder mit seinem manchmal sehr forschen Kurs mehr erreicht hätte? Immerhin: Jetzt ist das Hotel wieder offen, über den städtischen Kredit für die Bahn wird bald abgestimmt.
  • WC-Masterplan: Bei der leidigen «WC-Debatte» liess sich Manuela Jost meist von ihrer Stadtbaumeisterin vertreten. Doch die Debatte hat eine Dimension angenommen, welche sie längst zur Chefsache hätte werden sollen. Beispiel Löwendenkmal: Das dortige WC wurde zuerst ersatzlos geschlossen, dann wurde ein Provisorium hingestellt, um schliesslich doch das alte WC-Häuschen für 350 000 Franken zu sanieren. Der Masterplan für öffentliche Toiletten hat sich als unausgereift herausgestellt und muss angepasst werden. Ende Januar soll er erneut ins Parlament – nach fast fünfjähriger Planung und Überarbeitung.

Alles in allem kann der Baudirektorin ein ordentliches Zeugnis ausgestellt werden. Sie scheint ihre Dossiers langsam in den Griff zu bekommen. Jost tritt in der Öffentlichkeit meist gut vorbereitet auf, sie wirkt authentisch. Sie sucht den Kontakt zu den Leuten und nimmt sich Zeit, ihnen die Situation zu erklären. Ihre Kommunikation ist sehr darauf ausgelegt, nicht unnötig Geschirr zu zerschlagen. «Für die einen entscheide ich manchmal zu schnell, für die andern zu wenig schnell», sagt Jost.

Künftig wird sie jedenfalls beweisen müssen, dass sie nicht nur ausdauernd verhandeln, sondern auch energisch umsetzen kann. Ein Stadtrat kann es nie allen recht machen. Gerade als Vertreterin der Kleinpartei GLP braucht sie für die Wahlen 2016 einen starken Leistungsausweis.

Im zweiten Anlauf in den Stadtrat

lw. Manuela Jost sass als GLP-Vertreterin von 2010 bis Mitte 2012 im Stadtparlament. Von 2011 bis Mitte 2012 war sie zudem Kantonsrätin. Bei den Stadtratswahlen Mitte 2012 wurden im ersten Wahlgang die beiden Bisherigen Stefan Roth (CVP) und Ursula Stämmer (SP) sowie die Neuen Adrian Borgula (Grüne) und Martin Merki (FDP) gewählt. Jost musste in den zweiten Wahlgang und setzte sich dort gegen Beat Züsli (SP) durch. Dies dank Unterstützung der Bürgerlichen, die eine Mitte-links-Stadtregierung verhindern wollten.

Aufgewachsen ist Manuela Jost in Bern. Seit 1999 lebt sie mit ihrem Partner in Luzern. Vor ihrer Wahl in den Stadtrat arbeitete die Ökonomin als Dozentin für Unternehmensethik und als Studiengangleiterin Public und Nonprofit Management an der Hochschule Luzern – Wirtschaft. Zudem führte sie in Root ein Yoga-Studio.

«Manuela Jost kommt öfters nicht vom Fleck»

lw. Die sechs Parteien im Grossen Stadtrat und eine Vereinigung von Baugenossenschaften beurteilen zur Legislatur-Halbzeit die Arbeit der Baudirektorin Manuela Jost.

  • CVP: Prägnant äussert sich CVP-Fraktionschefin Franziska Bitzi: «Manuela Jost kann gut zuhören und einordnen. Sie sucht nach breit abgestützten Lösungen, prägt die Arbeit der Baudirektion jedoch noch nicht wahrnehmbar.»
  • FDP: Deutlich kritischer sieht das FDP-Fraktionschefin Sonja Döbeli-Stirnemann: «Manuela Jost kommt in der Baudirektion öfters nicht vom Fleck. Etwa mit der Industriestrasse oder am Pilatusplatz. Es wird zwar viel geredet und mit allen möglichen Involvierten verhandelt, aber irgendwann müsste sie mal einen Punkt setzen und entscheiden, was für die Gesamtbevölkerung am besten ist.»
  • Grüne: Ähnlich, nur in abgeschwächter Form, urteilt Grüne-Grossstadträtin Katharina Hubacher: «Manuela Jost hat schwierige Dossiers wie etwa Wohnpolitik zu bearbeiten und versucht, es möglichst allen politischen Kräften recht zu machen.» Oftmals jedoch sei dies kaum möglich. Jost führe ihre Dossiers sorgfältig und überlegt und versuche, die Mehrheiten zu suchen, was manchmal auch sehr zeitaufwändig sei. Aber: «Klare eigene politische Vorstellungen und Visionen sind bisher kaum sichtbar.»
  • SP: Fraktionschef Nico van der Heidens Zwischenbilanz lautet: «Manuela Jost setzt noch relativ wenig Akzente und ist politisch sehr zurückhaltend. Wir wünschten uns in der Stadtentwicklung etwas mehr Drive.» Bei der Wohnraumpolitik und der Industriestrasse sei man mit ihrer Arbeit jedoch sehr zufrieden. «Hier setzt sie Volksentscheide konsequent um.»
  • SVP: Nichts Konkretes an Jost auszusetzen hat SVP-Fraktionschef Marcel Lingg. Er bedauert jedoch, dass durch ihre Wahl «der Stadtrat als Ganzes etwas nach Mitte-links gerutscht ist».
  • GLP: Lob gibts, wen wunderts, von Josts eigener Partei. GLP-Fraktionschef András Özvegyi sagt: «Manuela Jost macht ihre Arbeit gut und seriös und stellt die Haltung des Stadtrates vor ihre eigene. An der Industriestrasse jedoch sollte es langsam vorwärtsgehen. Schon zwei Jahre laufen hier Diskussionen, ohne dass ein Resultat absehbar ist.» Selbstkritisch fügt Özvegyi fügt an: «Eigentlich blockiert hier eher das Parlament als der Stadtrat.»
  • Baugenossenschaften: Das G-Net ist als Zusammenschluss von Luzerner Baugenossenschaften der wichtigste Ansprechspartner der Stadt bezüglich Umsetzung der Wohnrauminitiative. G-Net-Koordinator Florian Flohr sagt: «Manuela Jost hat den Anstoss zur Gründung des G-Net gegeben und gleichzeitig von Anfang an auf einen intensiven Dialog gesetzt. Das hat bei den Genossenschaften eine neue Dynamik ausgelöst, und der Dialog hat eine neue Qualität bekommen». Zugleich werde aber deutlich, dass die Politik des Stadtrates in einem Dilemma stecke. «Einerseits will er den gemeinnützigen Wohnungsbau fördern, andererseits sollen die städtischen Grundstücke hohe Erträge bringen. Das bedarf noch einer Klärung.»