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Bildschirm statt Buch: So lernen neu Jugendliche an der Luzerner Berufsschule

Luzerner Kanti- und Berufsschüler arbeiten jetzt mit dem Laptop. Vielen macht das Freude – einige vermissen aber das Papier.
Yasmin Kunz
Ilaria Mendes Haider (Bild) und ihre Berufsschulkolleginnen- und kollegen sind im ersten Lehrjahr zum Coiffeur/Coiffeuse EFZ. Von fünf Lektionen arbeiten sie zwei bis drei mit ihrem eigenen Laptop. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 16. Oktober 2019)

Ilaria Mendes Haider (Bild) und ihre Berufsschulkolleginnen- und kollegen sind im ersten Lehrjahr zum Coiffeur/Coiffeuse EFZ. Von fünf Lektionen arbeiten sie zwei bis drei mit ihrem eigenen Laptop. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 16. Oktober 2019)

«Ich bin froh, muss ich dicke und schwere Bücher nicht mehr zum Unterricht mitbringen», sagt Dajana Marianovic (15). Sie ist im ersten Lehrjahr zur Coiffeuse EFZ am Berufsbildungszentrum Bau & Gewerbe (BBZB) Heimbach in der Stadt Luzern. Sie ist in einer von schweizweit vier Pilotklassen, die seit diesem Sommer mit einer digitalen Lernplattform arbeiten. Darum braucht sie grundsätzlich auch kein Buch mehr, weil dieses Lehrmittel digital verfügbar ist und am Bildschirm gelesen werden kann. Die Klasse zählt 19 Schülerinnen und 3 Schüler. Alle bringen ihren eigenen Laptop mit. Das nennt sich in Englisch «Bring your own device», kurz BYOD.

Der Kanton Luzern setzt seit diesem Schuljahr an den Gymnasien (nachobligatorische Schulzeit, ab der 4. Klasse) und Berufsfachschulen auf BYOD. Damit gehöre der Kanton punkto Digitalisierung im Schulzimmer zu den führenden in der Deutschschweiz, wie der parteilose Luzerner Bildungsdirektor Marcel Schwerzmann sagt.

Schülerin: «Inhalte im Buch kann ich mir besser einprägen»

Dajana Marianovic begrüsst das Arbeiten am Laptop. «Am Anfang war es nicht ganz einfach, aber nun finde ich mich mit dem System gut zurecht.» Ähnlich geht es ihrer Klassenkameradin Christa Leuenberger (17). Zu Beginn habe sie nicht kapiert, wo sie welche Unterlagen finde und wo sie diese nach Erledigung ablegen müsse. «Heute, ein paar Wochen nach der Einführung, ist das kein Problem mehr.» Dennoch arbeitet sie bei unserem Besuch mit dem mehrere hundert Seiten umfassenden Buch. Sie sagt dazu:

«Das Lesen im Buch fällt mir nach wie vor einfacher. Ich kann mir Inhalte besser einprägen, wenn ich sie im Buch lese als am Bildschirm.»

Gleich ergeht es Tauland Zekaj (16). Er ist einer von drei Lernenden dieser Klasse, die nach wie vor Unterrichtsunterlagen ausdrucken und die Dokumente in einem Ordner ablegen. «Das verschafft mir einen besseren Überblick. Zudem kenne ich mich mit den Computersachen nicht so gut aus.» Melanie Walker (15) findet, sie habe die digitale Lernplattform «nun gut im Griff». Und betont, wie toll es sei, dass die Rechtschreibung am Computer gleich korrigiert würde.

Lehrer fordert bessere Einführung für Lehrlinge

Die Lernenden sind sich einig: Es braucht eine gewisse Zeit, bis man die digitale Lernplattform versteht. Doch hat man sie erfasst, dann bringt sie einige Vorteile. Dem stimmt Heinz Lehmann zu. Er ist seit 22 Jahren Berufsschullehrer und leitet zugleich den Fachbereich Coiffeure am BBZB. Am Tag unseres Besuchs steht das Thema Gesundheitsvorsorge an. Zuerst wird ein kurzer Filmausschnitt über die Verbreitung von Keimen gezeigt, danach fordert Pädagoge Lehmann die Lernenden auf, die entsprechenden Aufgaben auf der Lernplattform zu holen. Die Lernenden öffnen das Word-Dokument und bearbeiten es direkt auf ihrem Laptop. Doch nicht immer macht das Gerät, was es sollte: hier ein Neustart, da kein Akku mehr, dort ein falsches Passwort.

Für den Berufskundelehrer ist das eine grosse Herausforderung. Dennoch sei er in der glücklichen Lage, dass er sich für Computer interessiere und «daher fast alle Probleme selber beheben kann». Reichen seine Kenntnisse ausnahmsweise nicht, gibt es eine Supportstelle. Lehmann hätte sich eine bessere Einführung in BYOD gewünscht, wie er sagt, und denkt darum darüber nach, wie diese künftig optimaler gestaltet werden kann. «Vier bis fünf Lektionen, um den Lernenden das Computersystem zu zeigen, sind schlicht zu wenig.»

Seit der Umstellung auf die digitale Plattform hat sich für Lehrer Lehmann einiges geändert. Insbesondere die Vorarbeit war happig, wie er im Gespräch betont. «Ein Grossteil der Unterrichtsunterlagen musste neu konzipiert werden.» Dafür verbringe er heute deutlich weniger Zeit am Kopierer und brauche kaum noch Papier. «Prüfungen sind allerdings zum grössten Teil noch auf Papier. Bis anhin habe ich nur zwei Tests am Computer durchführen lassen.» Dies, weil er bei komplexen Fragestellungen oder Fallbeispielen die Prüfungen von Hand korrigieren müsse.

Lehrlinge haben wenig Computerwissen

Seine Lernenden sitzen heute also alle mit einem Bildschirm vor sich im Schulzimmer und laden die Unterlagen herunter. Er selber agiert als Coach. Stellt sich die Frage, ob das Unterrichten dadurch nicht langweiliger geworden ist? «Im Gegenteil: Meine Arbeit ist vielseitiger geworden, weil sich durch die digitale Plattform didaktisch und methodisch neue Formen eröffnen.» Er sei immer noch daran, verschiedene Lernformen zu testen. Von total fünf Lektionen, die er pro Woche hält, finden etwa zwei bis drei über die digitale Lernplattform statt. Für die einen Schüler sind das zu viele, für andere stimmt es so. Fest steht gemäss Lehmann dies: «So computerversiert, wie man denken könnte, sind die jungen Erwachsenen nicht. Sie haben zwar die sozialen Medien wie Instagram und Twitter gut im Griff. Aber wenn es darum geht, mit Office-Programmen wie Excel oder Word zu arbeiten, tauchen oft Schwierigkeiten auf.» Das habe ihn erstaunt.

Die Lernenden kennen den Grund dafür: «Wir haben in der Oberstufe sehr wenig mit Computern gearbeitet und kennen uns darum nicht gut aus», sagen zwei Schülerinnen. Sie wünschten sich von der Volksschule eine bessere Vorbereitung auf die Berufslehre. Einerseits im Hinblick auf die Arbeit mit dem Computer, andererseits aber auch generell. «Dass die Lehre so viel Selbstständigkeit voraussetzt, hätten wir nicht gedacht», sagen Xenia Lüscher (16) und Kim Wiederkehr (15).

Um das Ablenkungspotenzial möglichst gering zu halten, deponieren die Lehrlinge anfangs Lektion ihr Handy. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 16. Oktober 2019)

Um das Ablenkungspotenzial möglichst gering zu halten, deponieren die Lehrlinge anfangs Lektion ihr Handy. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 16. Oktober 2019)

Shoppen, twittern, whatsappen – grosses Ablenkungspotenzial

Erfahren sind die Jugendlichen allerdings im Umgang mit den sozialen Medien. Generell verlange es viel Selbstdisziplin, während des Unterrichts mit dem Computer nicht im Internet zu surfen. Elena Ciampi (16) bestätigt, dass sie schnell abgelenkt ist. «Kurz ein Whatsapp schreiben, schnell Insta checken oder bei Zalando shoppen.» Ihre Kollegin Lynn Lichtsteiner (16) lässt sich weniger von den Möglichkeiten im Internet verführen und weist darauf hin: «Es ist ja nicht so, dass man sich ohne PC nicht auch ablenken lassen könnte.»

Lehrer Heinz Lehmann nimmt es gelassen, wenn Lernende während des Unterrichts kurz abdriften. Das sei auch nicht komplett zu verhindern. «Arbeitsaufträge müssen so erteilt werden, dass es möglichst keine Leerzeit gibt.» Stören tut er sich eher ab den Handys. Darum müssen die Schüler ihr Gerät anfangs Lektion abgeben. Das scheint jedoch kein Problem zu sein. Und: In der Pause – wo die Nutzung erlaubt wäre – lassen sie es liegen und plaudern angeregt miteinander.

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