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BILDUNG: Dürfen Religionslehrer ihre Meinung äussern?

Ein Religionslehrer wurde von der Katholischen Kirchgemeinde Luzern entlassen. Er soll den Islam kritisiert haben. Das wirft Fragen auf, wie mit anderen Religionen umgegangen werden soll.
Carole Gröflin
Thomas Bannwart wehrt sich gegen seine Entlassung als Religionslehrer. (Bild Pius Amrein)

Thomas Bannwart wehrt sich gegen seine Entlassung als Religionslehrer. (Bild Pius Amrein)

Carole Gröflin

Bis vor vier Monaten gab Thomas Bannwart Religionsunterricht an der Oberstufe. Doch dann wurde der 62-Jährige am 19. März entlassen und per sofort freigestellt. Grund: Ein Schüler beschuldigte ihn, den Islam mit dem «Bösen und Schlechten» in Verbindung gebracht zu haben («Zentralschweiz am Sonntag» vom 7. Juni). So schrieb es der Schüler in einem Brief an den Leiter eines Stadtluzerner Schulhauses. Es folgte ein reger schriftlicher Austausch zwischen Bannwart und dem Rektor für Religionsunterricht, Jürgen Rotner. Nachdem sich die Fronten zunehmend verhärtet hatten, wurde Bannwart gekündet und freigestellt. Dieser schaltete einen Anwalt ein, der beim Verwaltungsgericht eine Beschwerde eingereicht hat.

Religionsunterricht war beliebt

Der Vorfall zeigt auf, wie schwierig der Umgang mit verschiedenen Religionen im Klassenzimmer ist. Obwohl der konfessionelle Unterricht nur für reformierte und katholische Schüler obligatorisch ist, kommt es oft vor, dass auch andersgläubige Schüler den Unterricht besuchen – da sie ansonsten vom Klassenlehrer mit einer anderen Aufgabe beauftragt würden. «Bei den meisten Oberstufenklassen kamen alle Schüler zu mir in den Unterricht», sagt Thomas Bannwart gegenüber unserer Zeitung.

Stets auch eigene Sicht dargelegt

Mit der Frage konfrontiert, ob er denn auch seine eigene Meinung eingebracht habe, sagt er: «Wenn ich danach gefragt wurde, dann gab ich auch eine ehrliche Antwort.» – «Gehen Sie in die Kirche?», sei er beispielsweise oft gefragt worden. Aber auch kritische Fragen seien ihm während seiner 19 Jahre als Lehrer immer wieder gestellt worden. «Weshalb haben Christen Hexen verbrannt? Warum gab es Kreuzzüge?», nennt Bannwart einige davon. Darauf habe er stets sachlich geantwortet – aber natürlich auch seine eigene Sicht wiedergegeben. «Im Religionsunterricht gibt es keine Tabus, und die Jugendlichen sind froh drum!» So sei er auch zum Islamischen Staat (IS) befragt worden. «Ich habe dargelegt, weshalb der IS mit seinem Gedankengut die Menschen unterwirft und ein friedliches Zusammenleben verunmöglicht.» Ausserdem sei das ein aktuelles Beispiel dafür, wie Religion immer wieder für Machtzwecke missbraucht werde. «Ich habe aber auch versucht, aufzuzeigen, dass der IS nicht mit dem Islam gleichzusetzen ist.»

Einen Kodex, wie sich Religionslehrpersonen gegenüber anderen Religionen zu verhalten haben, gibt es gemäss Monika Jakobs nicht. Sie ist Leiterin des Religionspädagogischen Instituts der Universität Luzern. Allerdings wird ein sachgerechter Unterricht vorgeschrieben: «Das oberste Gebot ist, dass die Fakten, die vermittelt werden, stimmen», sagt Jakobs. Doch welche Fakten sind gemeint? Was steht im Lehrplan?

Schulstoff ist knapp formuliert

Ein Blick in den «Lehrplan ökumenischer Religionsunterricht für die Sek-Stufe 1» zeigt: Die Vorgaben für Bannwart und seine Berufskollegen sind vage. Als Grobziel in Bezug auf fremde Religionen ist etwa formuliert: «Der Jugendliche baut Wissen über die grossen Religionsgestalten, die heiligen Gesetze, die heiligen Orte und die Traditionen der anderen Weltreligionen auf.» Als Religionsgestalten aufgeführt sind Abraham, Moses, Jesus und Buddha. Zudem wird darauf hingewiesen, dass Christentum, Judentum und der Islam verbunden seien durch «die gemeinsame Abstammung von Abraham, den Eingottglauben und die goldene Regel». Letztere bedeutet so viel wie: «Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.»

Eltern waren über Inhalt informiert

Bannwart gab bei Oberstufenklassen achtmal pro Jahr Blockunterricht à vier Lektionen. Jedes Mal, wenn er eine neue Schulklasse übernommen hatte, liess er den Eltern der Schüler einen ausführlichen Brief mit dem geplanten Inhalt zukommen, wie er sagt. Im vierten Semester wurde der Islam behandelt. Hierbei vermittelte Bannwart vor allem Grundlagen zur zweitgrössten Weltreligion: «Sowohl das Leben des Mohammed als auch die Bedeutung der Pilgerfahrt und des Gebetes waren unsere Themen.»

Der promovierte Philosoph liess seine Schüler nach Ende der dreijährigen Unterrichtszeit jeweils ein Feedback verfassen. «Obwohl ich mich nicht für Religion interessiere, kam ich immer gerne in den Unterricht», steht in einer Rückmeldung an Bannwart zu lesen. Oder: «Herr Bannwart hat uns immer ehrlich geantwortet.» 536 Rückmeldungen sind so zusammengekommen, die Bannwart alle bei sich abgelegt hat.

Dass der Umgang mit anderen Religionen im konfessionellen Unterricht schwierig ist, attestiert Studienleiterin Monika Jakobs. «Der konfessionelle Unterricht hat zu Unrecht einen schlechten Ruf», moniert sie allerdings. Gerade der Islam habe schon seit jeher viel Platz gehabt im Unterricht, «denn das Thema interessiert sowohl die Lehrer als auch die Schüler».

Fremdreligionen beliebtes Thema

Jakobs betreute im Jahr 2009 eine Befragung unter konfessionellen Lehrpersonen in der Deutschschweiz. Die Untersuchung fand im Rahmen einer internationalen Studie statt. Ziel war es, herauszufinden, wie die Lehrpersonen mit den diversen Religionen umgehen. «Die Ergebnisse zeigten, dass nichtchristliche Religionen thematisiert werden und für die Lehrer Meinungsvielfalt wichtig ist.»

Dass Lehrer dabei jedoch einen so grossen Spielraum geniessen wie in Luzern, ist nicht unumstritten. Guido Estermann hat den derzeit gültigen Religionslehrplan für die Oberstufe mitgestaltet. Dennoch findet er, dass der Lehrplan in Bezug auf den Islam und auch weitere Religionen zu kurz greift. Estermann ist Präsident der Kirchgemeinde Kriens und doziert an der Pädagogischen Hochschule Schwyz Ethik und Religionen.

Neuer Lehrplan in Arbeit

Da der Lehrplan 21 auch Auswirkungen auf den Lehrplan des Religionsunterrichts hat, wird ein neuer ausgearbeitet. Guido Estermann arbeitet in der fünfköpfigen Projektgruppe mit, die mit dieser Aufgabe betraut ist. Der neue Lehrplan soll gemäss dem Theologen die religiösen Kompetenzen, die tatsächlich erzielt werden sollen, genauer umschreiben. «Ein besonderes Augenmerk wird auf die Wissensvermittlung gelegt», erläutert Estermann. Welche Neuerungen der Lehrplan im Detail mit sich bringen wird, kann er noch nicht sagen. Nach den Sommerferien will die Projektgruppe einen ersten Entwurf präsentieren. Allerdings brauche es nicht nur einen Lehrplan, um den Religionsunterricht der heutigen Zeit anzupassen: «Es ist ein Mix aus Lehrperson und Lehrmittel, der ebenfalls entscheidend ist – sowie natürlich das Interesse der Schüler», sagt Estermann.

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