BILDUNG: Firmen zögern die Lehrverträge immer häufiger hinaus

Viele Lehrverträge sind erst im August unter Dach und Fach. Die Rekrutierung der zusätzlichen Berufsschullehrer während der Sommerferien verkommt damit zu einer Feuerwehrübung.

Yasmin Kunz
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Viele Firmen warten auf den passenden Lehrling. Mühe bekundet etwa die Bäckerbranche. Glück hatte seinerzeit die Konditorei Bebié in der Stadt Luzern, wo Alexandra Erni (Bild) nun ihre Ausbildung abschliesst. (Bild: Pius Amrein (6. Juni 2017))

Viele Firmen warten auf den passenden Lehrling. Mühe bekundet etwa die Bäckerbranche. Glück hatte seinerzeit die Konditorei Bebié in der Stadt Luzern, wo Alexandra Erni (Bild) nun ihre Ausbildung abschliesst. (Bild: Pius Amrein (6. Juni 2017))

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Für 3250 Schüler beginnt in wenigen Wochen ein neuer Lebensabschnitt: Die Volksschule ist absolviert, die Berufswelt erwartet sie. Bis Ende Mai wurden im Kanton Luzern 3475 Lehrverträge abgeschlossen – ähnlich viele wie im Jahr zuvor. Dies teilte die kan­tonale Dienststelle Berufs- und Weiterbildung gestern mit.

Christof Spöring, der diese leitet, ist zufrieden: «Über 70 Prozent der Schulabgänger entscheiden sich jedes Jahr für eine Lehre. Das zeigt, dass dieser Bildungsweg attraktiv ist.»

Gut ein Fünftel der Verträge trifft erst noch ein

Bis Ende August werden voraussichtlich – wie schon 2016 – noch weitere 800 Lehrverträge bewilligt. Das freut den Dienststellenleiter einerseits, andererseits schafft es auch Probleme. «Wenn so viele Lehrverträge spät, also in oder sogar nach den Sommerferien bei uns eintreffen, dann kann das Anpassungen der Klassenplanung in der Berufsschule zur Folge haben», erklärt er. Es sei kein Einzelfall, dass man während der Sommerferien noch Berufsschullehrer rekrutieren müsse. Dies bestätigt Peter Bucher, Präsident des Berufsschullehrervereins: «Es ist sehr schwierig, auf den letzten Drücker geeignete Berufsschullehrer zu finden. Die Rekrutierung verkommt damit zu einer Feuerwehrübung.» Bei Bucher, der Lehrlinge aus der Bau- und Autobranche unterrichtet, führten spätere Lehrverträge oft zu einer Pensumerhöhung.

Auch das umgekehrte Szenario ist möglich: Es gibt weniger Klassen als vorgesehen. Die fehlende Planungssicherheit ist nicht neu. Laut Spöring hat sich das Problem «in den letzten zwei, drei Jahren stark akzentuiert». Welches die konkreten Gründe für diese Entwicklung sind, kann er nicht sagen. Er vermutet hinter den nun noch eintreffenden Verträgen eine späte Selektion der Betriebe. «Je nach Branche wird lange gewartet, bis der passende Lehrling gefunden ist.»

Interessant: Noch vor wenigen Jahren tönte es ganz anders. Lehrstellen würden zu früh – zum Teil schon über ein Jahr vor Beendigung der Volksschule – abgeschlossen. Mit einer entsprechenden Kampagne wollte der Bund diesem Phänomen entgegenwirken, was allerdings nicht ganz geklappt hat. Spöring: «Es gibt immer noch Branchen, die ihre Lehrlinge zu früh mit einem Vertrag binden – insbesondere im kaufmännischen Bereich.» Zu früh oder zu spät: Könnte eine Abgabefrist dem Problem der späten Lehrverträge Abhilfe schaffen? Christof Spöring: «Wir möchten, dass jeder Schulabgänger unmittelbar nach der Schule eine Lehrstelle antreten kann, deshalb akzeptieren wir auch Lehrverträge, die erst im August, also auch nach Lehrbeginn, eintreffen, um unnötige Zwischenjahre zu verhindern.»

Besonders die Bäcker-Branche würde sich über weitere Lehrverträge freuen. Denn sie bekundet seit Jahren Mühe bei der Lehrlingsrekrutierung. Damit ist die Bäcker-Branche jedoch nicht allein. Gemäss Spöring kämpfen auch das Sanitär- und das Gastgewerbe um die Gunst der Schulabgänger. Josef Kreyenbühl, Präsident des Bäckerverbands des Kantons Luzern, bildet derzeit in seinen drei Filialen vier Lehrlinge aus und weiss, wie schwierig deren Rekrutierung ist. Kreyenbühl kennt auch die Gründe für das fehlende Interesse am Bäckerberuf: «Die Arbeitszeiten schrecken die Jugendlichen ab, und sie wollen sich die Hände nicht schmutzig machen.» Ein Rezept gegen Lehrlingsmangel gebe es nicht. Wichtig sei es für Betriebe, aktiv zu sein und beispielsweise Schulklassen in die Bäckerstube einzuladen.

Annina Keller, Sprecherin von Suissetec, dem Gebäudetechnikverband, kennt noch einen anderen Grund für den Lehrlingsrückgang in handwerklichen Berufen: «In der Volksschule haben handwerkliche Fächer einen niedrigen Stellenwert.» Die Kinder hätten weniger Kontakt mit unterschied­lichen Materialien. Deshalb sei es für sie schwierig, ein Gefühl dafür zu entwickeln, womit Handwerker eigentlich arbeiten.