BILDUNG: Förderung auf Sparflamme

Das Interesse an Naturwissenschaften steigt an den Hochschulen. Auch an den Mittel- und Volksschulen will der Kanton Luzern diese Fächer fördern. Doch bei der Umsetzung hapert es.

Ismail Osman
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Kinder und Jugendliche sollen vermehrt für naturwissenschaftliche, technische und mathematische Themen sowie für die Informatik begeistert werden. Doch vielerorts fehlt das Geld. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Kinder und Jugendliche sollen vermehrt für naturwissenschaftliche, technische und mathematische Themen sowie für die Informatik begeistert werden. Doch vielerorts fehlt das Geld. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Ismail Osman

In der Schweiz herrscht nach wie vor ein Mangel an sogenannten Mint-Fachkräften. Mint steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Schon seit längerem ist man sich im Bildungssektor einig, dass die Volksschulen und Gymnasien mehr tun könnten und sollten. So kam bereits 2010 ein Bericht des Bundes zum Schluss, dass «die massgebliche Lebensphase für einen Entscheid pro oder kontra Mint zwischen den ersten Lebensjahren und dem 15. Altersjahr liegt».

Zuwachs an Hochschulen

Mit Pilotprojekten haben die Kantone seither versucht, junge Menschen wieder vermehrt für die Mint-Fächer zu begeistern. Eine kürzlich erschienene Mitteilung der Universität Zürich – welche über eine mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät mit rund 3800 Studenten verfügt – lässt aufhorchen. In den vergangenen 5 Jahren habe die Uni bei den Mint-Fächern einen Zuwachs von rund 22 Prozent festgestellt. Im Departement Technik und Architektur der Hochschule Luzern (HSLU) ist die Zahl der Studenten zwischen 2012 und 2015 um 14 Prozent gestiegen. Für beide Institutionen bedeutet diese Entwicklung auch Investitionen in die Infrastruktur. So sollen in Zürich am Standort Irchel bis 2019 zwei neue Laborgebäude entstehen. Für die HSLU wird, neben der Sanierung des Campus Horw, auch eine räumliche Erweiterung des Standorts notwendig sein (Ausgabe vom 8. Juni).

Erstes Projekt in Sursee

Daraus liesse sich ableiten, dass die Massnahmen zur Stärkung der Mint-Fächer Wirkung zeigen. Wo aber steht der Kanton Luzern heute in Sachen Mint-Förderung? Das Bildungs- und Kulturdepartement skizzierte 2014 eine Reihe von Massnahmen zur «Stärkung der Mint-Kultur an den kantonalen Gymnasien». An der Kanti Sursee startete vergangenen Herbst das Projekt «Gymnasium mit Life Sciences» (Lebenswissenschaften). Durch praxisorientiertes Lernen – etwa das Lösen eines fiktiven Mordfalls – sollen Themen wie Physik und Mathematik attraktiver vermittelt werden. Das Projekt wird im nächsten Schuljahr weitergeführt.

Geplant war auch, dass an den Kantonsschulen Reussbühl und Willisau während einer Pilotphase von zwei Jahren eine zusätzliche Lektion zu Gunsten der Naturwissenschaften eingeführt werden soll. Ende Dezember wurde jedoch bekannt, dass das Projekt auf noch unbestimmte Zeit sistiert wird. Grund dafür ist die finanzielle Schieflage des Kantons, welche die vorgesehenen Mehrlektionen nicht mehr finanzierbar macht. War es das also bereits mit der Mint-Förderung?

«In den Gymnasien musste tatsächlich der Ausbau der Naturwissenschaften im Untergymnasium auf Eis gelegt werden», sagt Regula Huber, Informationsbeauftragte des Bildungs- und Kulturdepartements. Auf gymnasialer Stufe seien jedoch noch «verschiedene kleinere und mittlere Vorhaben» in Planung. Darunter fällt etwa der Aufbau eines Netzwerks für Schülerinnen, um sie für ein Studium der Natur- oder technischen Wissenschaften zu animieren. Das Programm Mint-Mentoring versucht zudem, Praktika in Berufsfeldern wie dem Ingenieurwesen, Geomatik, Tief- und Hochbau, Elektronik, Informatik und Mechanik zu vermitteln.

Lehrplan 21 stärkt Mint-Bereich

Auf Stufe Volksschule bringt die Einführung des Lehrplans 21 die deutlichsten Massnahmen, da vorgesehen ist, die Lektionenzahl im Mint-Bereich zu erhöhen. Die Umsetzung erfolgt aber erst ab Schuljahr 2017/18 (Primarschule) beziehungsweise 2019/20 (Sekundarschule). Daneben besteht momentan das Projekt «Mint unterwegs» der Dienststelle Volksschulbildung. «Ab dem kommenden Schuljahr haben Schulen im Kanton Luzern die Möglichkeit, ein mobiles ‹Mint-Zelt› zu buchen und im Rahmen einer Projektwoche zu nutzen», erklärt Huber. Darin gibt es verschiedene Exponate zu naturwissenschaftlichen Phänomenen. Die Kosten werden mit Beiträgen von Stiftungen und Firmen sowie aus dem Lotteriefonds finanziert. An diesem letzten Punkt dürfte sich in absehbarer Zeit nichts ändern: Die Imageförderung der Mint-Fächer wird im Kanton Luzern künftig wesentlich von der Erschliessung von Beiträgen von Bund und Privaten abhängen.

Viele unzufriedene Mint-Fachkräfte

Studiered. Die Nachfrage nach Mint-Fachkräften (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) hat sich laut dem Bund in den letzten sechzig Jahren verzehnfacht. Der Mangel werde sich weiter zuspitzen. Eine Studie der Hochschule Luzern und der Berner Fachhochschule zeigt nun: Für viele Mint-Fachkräfte der Generationen X und Y (Jahrgang zwischen 1965 und 1999) ist die Arbeitssituation nicht befriedigend. Die Kündigungsbereitschaft sei beträchtlich höher als in anderen Berufszweigen. Für die befragten Fachkräfte gilt der Jobinhalt als der wichtigste Faktor für eine Bewerbung – gefolgt von Entwicklungsmöglichkeiten, dem Team und flexiblen Arbeitszeiten.