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BILDUNG: Hier profitieren Klein und Gross

An immer mehr Schulen wird in altersgemischten Klassen unterrichtet. Sowohl Pädagogen als auch Eltern sind skeptisch. Dafür gibt es keinen Grund, wie ein Experte erklärt.
Yasmin Kunz
In Gisikon erprobt: altersdurchmischtes Lernen. Drittklässler Leandro Seifert und Fünftklässlerin Ruby Crouch helfen sich gegenseitig. (Bild Eveline Beerkircher)

In Gisikon erprobt: altersdurchmischtes Lernen. Drittklässler Leandro Seifert und Fünftklässlerin Ruby Crouch helfen sich gegenseitig. (Bild Eveline Beerkircher)

Yasmin Kunz

Mehrere Jahrgangsstufen werden gemeinsam unterrichtet: Diese Lernform heisst altersdurchmischtes Lernen, kurz ADL. Wie viele Schulen im Kanton Luzern das altersgemischte Modell praktizieren, ist nicht bekannt. Klar ist: Gisikon betreibt dieses Modell schon seit drei Jahren. Dort werden Dritt-, Viert-, Fünft- und Sechstklässler im selben Raum unterrichtet. Ab dem kommenden Schuljahr führt auch das Schulhaus Maihof in Luzern dieses Modell schrittweise ein. Dort sollen im Schuljahr 2016/17 Kinder der ersten und der zweiten Primarklasse gemeinsam unterrichtet werden. Ziel ist es, später auch die dritte und die vierte Primarstufe zusammenzulegen. Das neue System ruft vor allem bei den Eltern Bedenken hervor. Doch auch Lehrpersonen sind skeptisch.

Eltern und Lehrer sind skeptisch

Urs Grüter, Schulleiter der Primarschule Maihof, räumt ein, dass die Meinungen über ADL unter den Lehrern auseinandergehen. Einige fürchten sich besonders vor dem grösseren Vorbereitungsaufwand. Der Schulleiter ist sich dessen bewusst. «Der Aufwand wird am Anfang sicher grösser sein, vor allem was die Organisation und die Vorbereitung des Unterrichts betrifft.» Er ist sich jedoch sicher, dass die Lehrer auch Synergien nutzen können. «Wichtig ist, dass die Eltern und die Lehrer die Vorteile dieses Modells kennen», sagt Grüter. Der Schulleiter kennt auch die Bedenken der Eltern: «Oft haben sie das Gefühl, ihr Kind würde in einer gemischten Klasse weniger lernen, weil sie vermuten, dass losere Strukturen herrschen.»

Dem widerspricht Detlev Vogel, Dozent für Bildungs- und Sozialwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Luzern. «Dieses Modell hat nichts mit einem Laissez-faire-Stil zu tun.» Vogel beruft sich auf Studien, die besagen, dass das Lernen in altersdurchmischten Klassen zu gleichen Schulleistungen führt wie in herkömmlichen Jahrgangsklassen. Es zeigen sich jedoch deutliche Vorteile beim sozialen Lernen. Dennoch versteht Vogel die Befürchtungen der Eltern: «Verunsicherung ist nachvollziehbar, weil die Eltern es selber in ihrer Schulzeit nicht erlebt haben.»

Trotz Skepsis: Die Schüler profitieren vor allem punkto Selbst- und Sozialkompetenz. «Diese Fertigkeiten werden dann auch im Lehrplan 21 stärker gewichtet», erklärt Vogel. Ausserdem begrüsst er, dass Kinder in jahrgangsübergreifendem Unterricht verschiedene Rollen einnehmen können. So gehören sie mal zu den jüngeren Schülern und ein Jahr später zu den älteren. Vogel: «Durch diesen Rollenwechsel werden bei den Kindern wichtige Lernprozesse ausgelöst und starre Rollenpositionen innerhalb der Klasse aufgeweicht.»

Für kleine Gemeinden von Vorteil

Stellt sich die Frage, ob Kinder diese Fertigkeiten in regulären Klassen nicht lernen. Vogel: «Auch in Jahrgangsklassen können viele dieser Kompetenzen erlangt werden. Doch in altersdurchmischten Klassen wird die Heterogenität noch offensichtlicher, was von den Lehrern verstärkt individualisiertes Unterrichten fordert, ihnen aber auch mehr Möglichkeiten für neue Lernformen eröffnet.»

Nicht nur aus pädagogischer Sicht ist die Zusammenlegung von Klassen sinnvoll, auch organisatorisch kann sie Abhilfe schaffen, wie ein Beispiel aus Gisikon zeigt. Wegen der geringen Schülerzahl konnte nicht mehr im herkömmlichen Modell unterrichtet werden. Seit 2013 besuchen vom Drittklässler bis zur Sechstklässlerin alle die gleiche Klasse. Vor allem Eltern haben dieses System anfangs massiv kritisiert (wir berichteten). Deswegen hat die Gisikoner Primarschule eine Sonderevaluation veranlasst.

Eltern wünschen kleinere Klassen

Die Resultate sind eindeutig: Die Kinder bewerten ihre Schule nicht schlechter als vor der Einführung des altersdurchmischten Lernens. Die Eltern hingegen sind deutlich unzufriedener damit: 10 bis 30 Prozent der Eltern bemängeln etwa, dass ihr Kind nicht angemessen gefördert wird oder mit der verlangten Selbstständigkeit überfordert ist. Sie wünschen Korrekturen wie kleinere Klassen oder intensivere Betreuung.

Silvia Imfeld, Schulleiterin in Gisikon, sagt dazu: «Diese Anliegen der Eltern haben wir aufgenommen. Mit der Einführung einer weiteren Klasse hat die Gemeinde bereits reagiert und die Klassengrössen angepasst. Nun zählen die Klassen je 17 bis 19 Kinder. Das ermöglicht eine angemessene individuelle Betreuung der Kinder.»

Unterstützung braucht es für die Lernentwicklung, weil individualisierter und differenzierter Unterricht besondere Anforderungen an die Konzentrationsfähigkeit und die Selbstständigkeit stellt. Imfeld hält fest, dass die Eltern spürbar zufriedener sind. Nur ganz wenige seien mit dem Schulmodell grundsätzlich nicht einverstanden. Ein Wechsel zu den Jahrgangsklassen käme für sie nicht mehr in Frage. «Unsere Lehrpersonen unterrichten aus pädagogischer Überzeugung in diesem System.»

«Heute bin ich Fan davon»

Trotz anfänglicher Skepsis ist es für Alexandra Christen, die in Gisikon seit drei Jahren eine Klasse mit Dritt- bis Sechstklässlern führt, nur schwer vorstellbar, wieder Jahrgangsklassen zu unterrichten. Rückblickend sagt sie: «Die ersten zwei Jahre in diesem neuen Modell waren hart und haben uns Lehrpersonen zuweilen an die Grenzen gebracht.» Das neue System verlange viel organisatorisches Geschick und auch Mut, neue Lernformen auszuprobieren. Mittlerweile ist die 29-Jährige «ein Fan des Systems» und ist überzeugt, dass die Kinder mit ihren unterschiedlichen Rollen viel voneinander profitieren.

Christen räumt ein, dass es auch heute noch Eltern gibt, die sich mit dem System nicht anfreunden können. «Das muss ich als Lehrerin akzeptieren. Für mich ist aber wichtig, dass ich auch von diesen Eltern das Vertrauen spüre.» Dem fügt die Schulleiterin Silvia Imfeld an: «Mit der Einführung des ADL veränderte sich die Lern- und Schulkultur. Solche grundlegenden Veränderungen brauchen Zeit, um sich zu etablieren.»

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