BILDUNG: Immer mehr auffällige Kindergärtler

Die Zahl der Schüler, die spezielle Förderung benötigen, steigt. Das Problem fängt bereits bei den Kleinsten an.

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Kindergärtler in der Pause. (Symbolfoto) (Symbolbild Neue LZ)

Kindergärtler in der Pause. (Symbolfoto) (Symbolbild Neue LZ)

Yasmin Kunz

Sprachschwächen, Verhaltensauffälligkeiten, Behinderungen. In der Volksschule erhalten Schüler mit solchen Defiziten Sonderschulmassnahmen. Im vergangenen Schuljahr wurden im Kanton Luzern 1335 Schüler auf der Volksschulstufe mit Sondermassnahmen geschult. Das entspricht 3,4 Prozent aller Luzerner Schüler. Im Vergleich zum Schuljahr 2013/14 sind das 43 Schüler mehr.

Entwicklung ist gewollt

Von den 1335 Schülern mit Sonderschulstatus wurden letztes Jahr 395 integrativ (IF, siehe Kasten), also in der Regelklasse, geschult. Im Schuljahr zuvor waren es noch 317. Das ist ein Anstieg von fast 20 Prozent. Im gleichen Zeitraum haben die Zahlen der separativen Sonderschulmassnahmen, jene, die nicht im regulären Unterricht stattfinden, von 975 auf 940 abgenommen. Diese Entwicklung ist gemäss der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern (DVS) erwünscht. So sollen heute möglichst viele Schüler mit einer Behinderung in der Regelschule unterrichtet und gefördert werden.

Zudem wird folgende Beobachtung gemacht: «Es lässt sich tendenziell eine Zunahme von Kindern feststellen, die in den Kindergarten eintreten und überhaupt noch nicht sozialisiert sind», sagt Daniela Dittli von der DVS. Konkret heisst das: Diese Kinder können sich nicht in eine Gruppe einfügen und sind auch nach einer Eingewöhnungszeit in ihrem Verhalten massiv auffällig. Allgemeine Gründe dafür lassen sich auch hier nicht erschliessen. «Das muss immer im Einzelfall analysiert werden», so Dittli. Mögliche Faktoren könnten frühkindliche Traumatisierungen, belastende familiäre Situationen oder keine gesetzten Grenzen von den Eltern sein. Alois Buholzer, Leiter des Instituts für Schule und Heterogenität an der Pädagogischen Hochschule Luzern (PH Luzern), macht ähnliche Beobachtungen. Er ergänzt: «Oftmals ist nicht eine einzelne Ursache für die Auffälligkeiten verantwortlich, sondern ein Ursachengeflecht.»

Umso wichtiger sei die Früherkennung – «das Hinschauen beim Kind sowie das Überprüfen anderer Einflüsse». Zusammen mit Heilpädagogen könnten Lehrer daran arbeiten, dass alle Kinder die Chance erhalten würden und somit eine «normale» Schulkarriere absolvieren könnten, so Buholzer.

Fest steht: Massive Verhaltensprobleme im Kindergarten betreffen grösstenteils die Knaben. Weiter sagt Dittli, dass Kinder mit Migrationshintergrund anteilsmässig mehr Verhaltensprobleme aufweisen würden.

Vielseitige Gründe für die Probleme

Verhaltensbehinderungen sind nicht nur auf der untersten Stufe der Volksschule ein Problem, sondern auch in der Primar- und Oberstufe. Gemäss dem DVS-Jahresbericht 2014 haben die Schülerzahlen mit Verhaltensbehinderungen zugenommen. Dem liege die gesellschaftliche Entwicklung zugrunde.

Daniela Dittli erklärt: «Verhaltensprobleme sind systembedingt. Sie entstehen in einem Zusammenspiel zwischen dem Kind und seinem sozialen Umfeld.» Daher sei es nur begrenzt möglich, allgemeine Aussagen über die Gründe der Zunahme zu machen. Alois Buholzer von der PH Luzern vermutet, dass die steigenden Zahlen von Schülern mit Verhaltensbehinderungen von verschiedenen Ursachen abhängen. «Allgemein lässt sich aber sagen, dass die Anforderungen an das Aufwachsen der Kinder in den letzten Jahren bestimmt gestiegen ist.» Das würde unter anderem auch die Gefahr erhöhen, dass Kinder, Eltern und Lehrer sich überfordern würden.

Rekord: 200 Heilpädagogen

Unterstützt werden die Lehrer durch Heilpädagogen. Derzeit umfasst das kantonale IF-Pensum der Volksschule über 350 Vollzeitstellen. Charles Vincent, Dienststellenleiter der Volksschulbildung, sagte kürzlich gegenüber unserer Zeitung, dass es schwierig sei, Heilpädagogen zu rekrutieren. Von den 350 Vollzeitstellen sind nur 160 Vollzeitstellen mit ausgebildeten Heilpädagogen besetzt.

Dieses Jahr schlossen an der Pädagogischen Hochschule Luzern (PH Luzern) 40 Studenten die Ausbildung zum Schulischen Heilpädagogen ab. Gemäss PH Luzern werden im kommenden Studienjahr rund 70 Personen den 3-jährigen Studiengang der Schulischen Heilpädagogik belegen. Aktuell verzeichnet die PH bei diesem Studiengang mit über 200 immatrikulierten Studenten einen Rekord.

Drei Arten von Sonderschulung

  • Integrative Förderung (IF) ist für Schüler, die Lern- und Verhaltensschwierigkeiten oder besondere Begabungen aufweisen. Der Unterricht findet für diese Kinder integrativ im Regelklassenunterricht mit den anderen Kindern statt.
  • Integrative Sonderschulung (IS) ist für Schüler, deren Leistungen deutlich unter den Anforderungen des Lehrplans liegen. Das können Kinder mit geistigen Behinderungen, Sinnes- oder Verhaltensbehinderungen sein. Eine Integrative Sonderschulung ist eine verstärkte Sonderschulmassnahme und setzt eine schulpsychologische Abklärung voraus. Diese Kinder werden integrativ im Regelklassenunterricht gefördert.
  • Separative Sonderschulung (Ses): Schüler, die in der Regelschule nicht genügend gefördert werden können oder die in der Regelschule nicht oder nicht mehr tragbar sind, werden in die Separative Sonderschulung aufgenommen. Die Separative Sonderschulung setzt ebenfalls eine schulpsychologische Abklärung voraus und erfolgt in Sonderschulen.