BILDUNG: Ist der 45-Minuten-Takt zu schnell?

Längere Lektionen in Gymnasien haben viele Vorteile, sagen Experten. Voraussetzung ist aber eine spannende Unterrichtsgestaltung. Und Mut zur Veränderung bei Schulen und Lehrern.

Alexander von Däniken
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Bei 70-minütigen Lektionen müssten Schüler weniger oft am Tag durch die Schulgänge laufen. Laut Experten gibt es aber noch viele weitere Vorteile. (Symbolbild Keystone/Gabriele Putzu)

Bei 70-minütigen Lektionen müssten Schüler weniger oft am Tag durch die Schulgänge laufen. Laut Experten gibt es aber noch viele weitere Vorteile. (Symbolbild Keystone/Gabriele Putzu)

Alexander von Däniken

70 statt 45 Minuten: Nach dem privaten Gymnasium Immensee ist in der Zentralschweiz auch die staatliche Luzerner Kantonsschule Seetal auf längere Lektionen umgestiegen (Ausgabe vom 12. Oktober). Geht es nach Susanne Wildhirt, sollen und werden noch weitere Mittelschulen das Modell übernehmen. Wildhirt ist Erziehungswissenschaftlerin und seit zehn Jahren Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Luzern. Sie sagt offen: «Ich bin ein Fan von 70-Minuten-Lektionen.»

Die sonst üblichen 45 Minuten habe die Schweiz von den Preussen übernommen. «Diese kurzen Lektionen bringen viel Hektik in den Schulbetrieb und bergen das Potenzial von zu viel Hausaufgaben.» Was Wildhirt meint: Bei durchschnittlich 17 Hausaufgaben, die pro Woche aufgegeben werden, und empfohlenen 10 Minuten Hausaufgaben pro Fach ergibt das beinahe drei zusätzliche Stunden am heimischen Schreibtisch – zusätzlich zum regulären Schulalltag. Längere Lektionen hätten hingegen den Effekt, dass sich die Schüler auf weniger Fächer pro Tag konzentrieren können. Aber nicht nur.

Frontalunterricht beschränken

Auch der Unterricht selbst böte Vorteile, wie die PH-Dozentin erklärt: «Üblicherweise wird der Stoff zuerst eingeführt, dann erarbeitet, vertieft, geübt und schliesslich angewendet. Das Üben und Anwenden hat in der Regel aber bei 45-Minuten-Lektionen keinen Platz mehr.» Geübt wird also zu Hause. Oder alternativ: Das Thema wird eingeführt, geübt, angewendet. Dann fehlt die Erarbeitung und Vertiefung. Gerade diese beiden Punkte seien jedoch entscheidend, um die Jugendlichen auf selbstständiges Arbeiten vorzubereiten.

Schlafen die Schüler bei Langlektionen nicht ein? Nein, sagt Wildhirt. Sie hat selbst schon in diesem Modell unterrichtet. «Voraussetzung ist natürlich, den Anteil des Frontalunterrichts auf kurze Phasen zu beschränken.»

Private Schulen flexibler

Doch warum verabschieden sich die Mittelschulen nur zögerlich vom preussischen 45-Minuten-Unterricht? Wildhirt erklärt sich das mit den aufwendigen Umstrukturierungsmassnahmen, die es vor allem im staatlichen Bereich gebe. Anders als bei privaten Schulen, die nicht so stark auf vorgegebene Lektionentafeln angewiesen sind, brauche es hier mehr Willen zur Flexibilität – von der Schulleitung bis zu den Lehrern.

Immerhin, merkt Wildhirt an, sei bei den angehenden Lehrern das Bewusstsein immer stärker ausgeprägt, den individuellen Bedürfnissen der Schüler gerecht zu werden. Im Jargon der Pädagogischen Hochschule nennt sich das pädagogische Diagnostik. Laut der Erziehungswissenschaftlerin ist das Thema in der Lehrerausbildung in den letzten Jahren stets ausgebaut worden. Auch darum hegt sie die Hoffnung, dass die Umstellung dereinst auch andernorts vonstatten gehen wird.

Lehrerverband ist skeptisch

Die Umstellung auf 70-minütige Unterrichtslektionen müsste allerdings von den Schulen selbst kommen. Aldo Magno, Leiter der Dienststelle Gymnasialbildung beim Kanton Luzern, hat bereits erklärt, dass den Schulen nicht vorgeschrieben wird, wie sie ihre Lektionen organisieren. Wichtig sei, dass Lehrplan und Totalmenge an Lektionen eingehalten werden.

Die Luzerner Mittelschullehrer begegnen längeren Lektionen mit Skepsis. Präsident Remo Herbst hegte Zweifel, ob die Konzentration tatsächlich über 70 Minuten hochgehalten werden könne. Zudem sei ein höherer Aufwand für die Lehrpersonen zu erwarten. Angesichts der wiederkehrenden Sparübungen des Kantons könne eine Systemumstellung die Motivation der Lehrer noch mehr auf die Probe stellen.

Schulalltag wird «massiv beruhigt»

Schon seit 1988 gibt es im Gymnasium Immensee 70-Minuten-Lektionen. Prorektorin Rahel Stocker, seit 11 Jahren am Gymi tätig, streitet nicht ab, dass die Lehrer gefordert sind: «Es braucht eine seriöse Vorbereitung, damit der Unterricht möglichst innovativ und in einem guten Rhythmus gestaltet wird.» Doch die Vorteile würden klar überwiegen. «Der Schulalltag wird massiv beruhigt. Sowohl für Schüler, aber auch für Lehrpersonen.» Denn bei längeren Lektionen hätten die Fachlehrer weniger Klassen pro Tag. Entsprechend können die Lehrer auch besser auf die Schüler eingehen. Und die Schüler können sich besser auf ein Thema konzentrieren. Ebenso würden Wiederholungen bei Themen wegfallen.

Stocker betont, dass die 70-Minuten-Lektionen im Gymi Immensee zu einem ganzen Paket gehören, zu dem auch das Selbstorganisierte Lernen (SOL) oder auch der Epochenunterricht (Themenschwerpunkte während mehrerer Wochen) gehören. Insofern soll jede Schule für sich entscheiden, ob sie die längeren Lektionen einführen wolle. «Grundsätzlich ist unser Fazit aber klar: Die 70-Minuten-Lektionen sind bei Schulleitung, Lehrpersonen, Schülern und Eltern unbestritten.» Zwar sei es für Lehrer, die von einer anderen Schule kommen, ein Umgewöhnen. Doch das gehe schnell: «Ich habe noch nie vom Wunsch gehört, zu 45-Minuten-Lektionen zurückzukehren.»

Wie die Mutter, so die Kinder

Melanie Bosshard aus Altdorf ist im Elternrat des Gymnasiums Immensee. Die Tochter geht dort in die zweite, der Sohn in die fünfte Klasse. Bosshard bestätigt: «Durch die 70-Minuten-Lektionen können die Schüler ein Thema viel vertiefter bearbeiten. Der Unterricht wird ruhiger. Trotzdem ist am Gymi Immensee der Unterricht sehr abwechslungsreich gestaltet. So kommt es weder zu Konzentrationsdurchhängern noch zu Langeweile.» Bosshard ging vor rund 25 Jahren selbst ins Gymi und gehörte zu den ersten Klassen mit 70-Minuten-Lektionen. Das ist aber nicht der einzige Grund, weshalb jetzt auch ihre Kinder im Bezirk Küssnacht zur Schule gehen. «Wir haben auch die Kantonsschule in Altdorf zusammen besichtigt. Das Gymi Immensee ist im Vergleich viel familiärer und legt gleichzeitig mehr Wert auf Selbstständigkeit und Sozialkompetenz der Schüler.» Die Umstellung vom 45-Minuten-Unterricht bereite den Jugendlichen keine Mühe. Der offensichtliche Nachteil, dass bei einem krankheitsbedingten Fehlen mehr Stoff nachgeholt werden muss, werde durch die Hilfe der Klassenkameraden schnell wieder wettgemacht.

Qualität vor Dauer

Für den renommierten Kinderarzt und Sachbuchautor Remo Largo ist gar nicht so entscheidend, wie lange Schullektionen dauern: «Entscheidend ist, dass der Stoff auf spannende Weise vermittelt wird.» In 70 Minuten könne ein Thema durchaus tiefer und in ruhigerem Klima vermittelt werden, «solange es nicht nach dem Schema Frontalunterricht abläuft». Auf der anderen Seite können auch 45 Minuten für die Schüler zu lange sein. Generell stellt Largo ein Manko in den Schulen fest: «Kinder und Jugendliche lernen am nachhaltigsten, wenn sie eigene Erfahrungen machen können. Die entsprechende Didaktik ist leider unter den Lehrern noch wenig verbreitet.»

Später in den Schultag starten

Das gelte auch für ein verwandtes Thema: Jugendliche sollen laut Largo morgens später in die Schule gehen dürfen. Trotz mehrerer Studien, die den Erfolg eines solchen Modells beweisen, bleibe der starre Zeitrahmen erhalten. «Eltern und Lehrer wollen einen späteren Schulanfang verhindern, weil es vermeintlich gegen ihre eigenen Interessen spielen würde.» Exemplarisch sei ein früherer politischer Vorstoss, der einen verschobenen Schulstart verlangt hat – aber nicht wegen der Jugendlichen, sondern um mehr Platz im öffentlichen Verkehr zu schaffen.

Dabei habe die Schlafforschung bewiesen, dass sich in der Pubertät der Zeitpunkt des Einschlafens um 1,5 Stunden nach hinten verschiebt. «Und das nicht, weil die Jugendlichen lieber gamen oder sich mit Gleichaltrigen treffen, sondern weil sie schlicht nicht vorher einschlafen können.» Largo verweist auf verschiedene US-Bundesstaaten, in denen sich Jugendliche später im Schulzimmer einfinden dürfen. Die langjährigen Erfahrungen von jenseits des Atlantiks sind laut Largo eindeutig: «Die Jugendlichen gehen dann nicht noch später ins Bett. Ihre Leistungs- und Aufnahmefähigkeit verbessert sich deutlich.»

40 bis 50 Minuten pro Lektion

avd. Gemäss einer Umfrage der Schweizerischen Erziehungsdirektorenkonferenz EDK im Schuljahr 2013/14 gibt es an den öffentlichen Gymnasien der Kantone mit überwiegender Mehrheit 45-Minuten-Lektionen. Hier der Überblick:

  • 40 Minuten: Schaffhausen, Graubünden.
  • 45 Minuten: Aargau, Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden, Bern, Basel-Stadt, Baselland, Freiburg, Genf, Glarus, Jura, Luzern (ausser Kanti Seetal: 70 Minuten), Neuenburg, Nidwalden, Obwalden, St. Gallen, Solothurn, Schwyz, Thurgau, Uri, Waadt, Wallis, Zug, Zürich (ausser Kantonsschulen im Lee und Rychenberg in Winterthur: 40 Minuten).
  • 50 Minuten: Tessin.