Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

BILDUNG: Jetzt wird mehr Mathematik gebüffelt

Die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer haben ein Imageproblem. In der Kantonsschule Sursee soll sich das jetzt durch ein praxisorientiertes Projekt ändern.
Ismail Osman und Sarah Weissmann
Der Mathematikunterricht an Luzerner Kantis soll gefördert werden – in Sursee startet ein Pilotprojekt. (Bild: Getty)

Der Mathematikunterricht an Luzerner Kantis soll gefördert werden – in Sursee startet ein Pilotprojekt. (Bild: Getty)

Ismail Osman und Sarah Weissmann

Die Vielfalt und Dynamik des menschlichen Lebens soll den Schülern der Kantonsschule Sursee nähergebracht werden. Seit rund einem Jahr redet man in der Luzerner Bildungslandschaft davon, die Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) verstärkt zu fördern. Mit dem Start des Schuljahres 2015/16 wird nun in der Kantonsschule ein erster Schritt zur Umsetzung dieser Strategie gemacht.

Konkret startet ein Schulversuch mit zwei Klassen, die das «Gymnasium mit Life Sciences» antreten werden. Gemäss Rektor Michel Hubli hat sich rund ein Viertel des Jahrgangs, also 17 Mädchen und 19 Knaben, für den Lehrgang angemeldet. «Das liegt weit über unseren Erwartungen. Wir sind aber in der guten Lage, mit zwei Klassen parallel starten zu können», sagt Hubli.

Life Sciences (Lebenswissenschaften) steht für einen Fächermix. «Im Gymnasium mit Life Sciences bündeln wir Lerninhalte aus den Natur- und Bewegungswissenschaften, der Mathematik und dem Sport in einem neuen Integrationsfach Lebenswissenschaften», erklärt Hubli. Im Zentrum stehen der moderne Mensch sowie die Themen Gesundheit, Bewegung und Umwelt.

«Brutaler Mord im Milieu»

Wie muss man sich diesen Unterricht vorstellen? In einer Informationsbroschüre macht die Kanti Sursee Unterrichtsbeispiele. So züchte man im ersten Jahr im Labor Bakterien und mache Versuche, deren Wachstum mit Hilfe von antibiotischen Mitteln zu hemmen.

Ein anderes Beispiel ist das Modul «Teamführung und Führungsstile in Sport und Gesellschaft». Dabei lernen die Schüler, welche Art von Führungsstilen es gibt und diese in verschiedene Kategorien einzuordnen. Dann werden in der Turnhalle die Führungsstile ausprobiert.

Aufhorchen lässt das Modul mit dem Namen «Brutaler Mord im Milieu». Dieses soll Einblicke in die Methoden der Forensik bieten und Vernetzungen zwischen Gerichtsmedizin, Rechtswissenschaften, Mathematik und Physik aufzeigen. So werde etwa ein Gesetz zur Abkühlung von Leichen erarbeitet und das gewonnene Wissen eingesetzt, um einen fiktiven Mordfall zu lösen.

«Gesundheitsbewusstsein, Bewegung und Sport sind in der Lebensgestaltung der jungen Menschen von zentraler Bedeutung», erklärt Hubli die Idee hinter dem Projekt. «Es spricht sie an und motiviert sie, sich mit Arbeitsmethoden und konkreten Fallstudien, praktischem Arbeiten im Labor, Computereinsatz in Feldforschung und Erkundungen in ihren möglichen künftigen Einsatzfeldern auseinanderzusetzen.» Begeistern will man mit dem neuen Lehrgang laut Hubli einerseits junge Männer für einen Studiengang im Bereich Natur- und Sportwissenschaften. «Andererseits wollen wir auch die jungen Frauen für ein Studium in Bewegungs- und Gesundheitswissenschaften motivieren.»

Perspektiven sind gut und vielfältig

Während die Auswahl an solchen Modulen wohl den einen oder anderen Schüler anlocken wird, dürfte die Eltern mehr interessieren, was man mit dieser Ausbildung danach anfangen kann. Nun, unter den Berufsfeldern wird alles von der Biotechnologie bis zu Tanz aufgeführt – und unter den Tätigkeiten findet man alles vom Turnlehrer bis zum Pharma-Chemiker (siehe Kasten).

Ein sehr breites Spektrum also. Zu breit? «Das Aufzeigen der Perspektiven für das mögliche Studium und Tätigkeitsfeld entspricht einem Bedürfnis», sagt Hubli. Auch dass sich die Schüler bereits orientieren könnten, wo sie in ihrem Berufsleben einmal tätig sein könnten.

Notendurchschnitt von 4,5 nötig

Das Gymnasium mit Life Sciences wird ab dem 3. Jahr der Kantonsschule angeboten. Aufnahmebedingung ist, dass man im Durchschnitt des Semesterzeugnisses der 2. Klasse mindestens ein 4,5 vorweisen kann. Zudem braucht es die Empfehlung des Klassenlehrers sowie ein schriftliches Aufnahmegesuch inklusive Motivationsschreiben. Ein ziemlich exklusiver Klub mit abschreckender Wirkung also?

«Die Aufnahmebedingungen decken sich mit den Übertrittsbedingungen ins Kurzzeitgymnasium», sagt Hubli. Es gehe darum, dass man leistungswillige und für die Lebenswissenschaften motivierte Schüler gewinnen könne. «Ein Lehrgang mit einem speziellen Fokus muss nicht unbedingt exklusiv und erst recht nicht abschreckend wirken. Es ist allerdings zu sagen, dass uns schweizweit auf der Gymnasialstufe kein gleicher Lehrgang bekannt ist – das wäre das Exklusive daran.» Rektor Hubli vermutet jedenfalls, dass der Mehrwert für die Lernenden erheblich sein wird und die Kanti Sursee «mit ihrem Einsatz dadurch einen guten Beitrag zur Mint-Förderung leisten wird».

Vom Sozialarbeiter bis zum Sportarzt

saw. Mit dem Bildungsgang «Life Sciences» ab der 3. Klasse des Gymnasiums sollen sich Schüler vertieft mit den Themen Gesundheit, Medizin, Technik, Naturwissenschaften, Bewegung, Sport oder Pädagogik auseinandersetzen. In diesen Lebenswissenschaften stehen der moderne Mensch, die Gesundheit, Bewegung und Umwelt im Zentrum. Deren Erhaltung und Förderung soll zur persönlichen Aufgabe der Schüler werden. Nach Abschluss des Gymnasiums mit «Life Sciences» und einem Studium an einer Universität oder Hochschule stehen den Schülern viele Möglichkeiten offen.

  • Berufsfelder sind Biotechnologie, Schule/Unterricht, Rehabilitation, Robotik, Prävention und Gesundheitsförderung, Jugend- und Sozialarbeit, Pharmazie, Tanz/Animation, Geriatrie, Theater/Performance, Medizin und Lebensmitteltechnologie.
  • Tätigkeiten sind folgende möglich: Turnlehrer, Lebensmittelingenieur, Ernährungsberater, Spitzensportler, Physiotherapeut, Lehrperson, Sportarzt, Chiropraktiker, Life-Sciences-Forscher, Sportingenieur, Pharma-Chemiker, Sportmanager und Umweltwissenschaftler.

«Die Lehrer können unmöglich alles machen»

Aldo Magno (48) ist Leiter der Dienststelle Gymnasialbildung des Kantons Luzern. Er erläutert die Probleme im Zusammenhang mit den sogenannten Mint-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Magno erklärt, wie der Kanton Luzern diese Fächer fördert und so dem Fachkräftemangel entgegenwirken will.

Aldo Magno, das Interesse der Kantischüler für Mint-Studienrichtungen bereitet der Schweiz schon seit einigen Jahren Sorgen – folglich fehlen Hochschulabsolventen. Können Sie den Zusammenhang erörtern?
Aldo Magno:
Die Förderung des Interesses für diese Fächer ist eine komplexe Sache. Die Schweiz verzeichnet seit Jahren einen starken Mangel an Fachkräften im Mint-Bereich. Der Bundesrat liess 2010 in einer wissenschaftlichen Studie den Zustand der Mint-Fachkräfte in der Schweiz evaluieren und veröffentlichte daraufhin einen Bericht.

Was hat die wissenschaftliche Studie denn ergeben?
Magno:
Darin und in anderen Studien wird gezeigt, dass vor allem die Bereiche Informatik, Technik (Ingenieurwissenschaften), Bauwesen sowie Chemie und Biotechnologie von einem Fachkräftemangel betroffen sind. Den Fächern Mathematik und Physik kommt dabei – für die vom Fachkräftemangel am meisten betroffenen Bereiche – eine Schlüsselfunktion zu.

Weswegen soll die Förderung der Mint-Fächer die Situation der fehlenden Fachkräfte entschärfen?
Magno:
Mittlerweile unumstritten ist die Erkenntnis, dass die Interessen und damit verbunden die berufliche Ausrichtung von Jugendlichen in einem hohen Grade bereits am Ende der obligatorischen Schulzeit feststehen. Die Entscheidung pro oder kontra Mint erfolgt in den meisten Fällen bis zum 15. Altersjahr.

Was sind die Ursachen für die geringere Attraktivität der Mint-Fächer?
Magno:
Die Gründe, weswegen sich die Schüler für diese Fächer nicht begeistern lassen, sind vielschichtig. Ein paar Beispiele: wenig Vorbilder in den Schulen beziehungsweise zu Hause. Schlechte Mathematiknoten, die dazu führen, dass man die Fächer innerlich abschreibt. Ein wenig anschaulicher Unterricht. Ein Promotionsreglement, das erlaubt, eine Tiefnote in Mathematik mit einer anderen Note spielend zu kompensieren. Gewisse Kreise sprechen sogar von einer ungenügenden Didaktik. Und ganz generell haben die Naturwissenschaften in der Schweiz ein Imageproblem, vor allem bei jungen Frauen. Sie assoziieren völlig falsche Bilder mit naturwissenschaftlichen Berufen.

Welche Schritte unternimmt der Kanton nun, um diesem Problem entgegenzusteuern?
Magno:
Im Kanton Luzern wurde das Problem mit den tiefen Mathematiknoten früh erkannt. Es wurden entsprechende Massnahmen eingeleitet. Stichwort Anschaulichkeit: So findet zum Beispiel alle zwei Jahre eine Mathematikausstellung statt. 2013 war diese in Luzern, 2015 wird sie im Herbst an der Kantonsschule Seetal stattfinden. Diese Ausstellung dient dazu, den Schülern das Fach anschaulich näherzubringen und so Freude an der Mathematik zu vermitteln. Dazu kommt noch, dass Aufgabensammlungen erarbeitet wurden, die im Mittelgymnasium (3. und 4. Klasse) zum Einsatz kommen. Neben den Bestrebungen in Sursee läuft derzeit ein Projekt in Reussbühl, wo es darum geht, den naturwissenschaftlichen Unterricht im Untergymnasium zu optimieren.

Wie können die Fächer für die Schüler attraktiver gemacht werden?
Magno:
Begeisternde Lehrer sind sehr wichtig, wobei es nicht einfach ist, für Physik und Mathematik überhaupt Lehrer und Lehrerinnen zu finden. Ausserdem ist der Aufbau von vorhandenem Wissen wichtig, aber auch, dass das aufgebaute Wissen in späteren Schulstufen genutzt wird. Von Vorteil ist selbstverständlich auch ein anschaulicher, praxisnaher Unterricht. Und zuletzt: Den Schülern sollte auch die kulturhistorische Bedeutung von Technik und Naturwissenschaften nähergebracht werden. Die Realität ist aber auch die, dass an den Schulen die Zeit knapp ist und entsprechend die Lehrpersonen unmöglich alles machen können.

Sarah Weissmann und Alexandra Hirsiger

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.