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BILDUNG: Kriens schafft die Hausaufgaben ab

Die Krienser Primarschüler erhalten ab dem kommenden Schuljahr keine Hausaufgaben mehr. Dafür sollen sie den Stoff in individuellen Lernzeiten vertiefen. Kriens dürfte in der Zentralschweiz die erste Gemeinde sein, die diesen Weg wählt.
Susanne Balli
In Kriens haben Hausaufgaben bald ausgedient: Kinder werden stärker in der Schule gefördert. (Symbolbild: Gaetan Bally/Keystone)

In Kriens haben Hausaufgaben bald ausgedient: Kinder werden stärker in der Schule gefördert. (Symbolbild: Gaetan Bally/Keystone)

Susanne Balli

susanne.balli@luzernerzeitung.ch

Welche Hausaufgaben sind sinnvoll? Wie gross ist ihr Nutzen? Wie viel Unterstützung braucht es? Über solche und ähnliche Fragen streiten sich Bildungsexperten, Politiker, Schulleiter, Lehrer und Eltern seit Jahren (siehe Kasten).

Die Gemeinde Kriens packt nun das heisse Eisen an und streicht auf das kommende Schuljahr hin die Hausaufgaben auf der Primarstufe. Kriens ist die erste Gemeinde im Kanton Luzern, die offiziell diesen Weg geht, wie die dortige Bildungsvorsteherin Judith Luthiger-Senn auf Anfrage bestätigt. Eltern und Schüler werden informiert, sobald die Umsetzungsdetails geklärt sind. Wie Recherchen unserer Zeitung zeigen, dürfte das Modell Kriens gar in der Zentralschweiz seinesgleichen suchen.

Individuelle Lernzeiten während des Unterrichts

Ersatzlos gestrichen werden die Hausaufgaben nicht. Neu sollen die Kinder jeden Vormittag während der regulären Lektionen 20 bis 30 Minuten individuelle Aufgaben lösen und Gelerntes vertiefen – je nach Wissenstand. Dies nennt sich «obligatorische Lernzeit». Zudem sollen die Kinder – je nach Stufe – an zwei bis drei Nachmittagen pro Woche je 20 bis 30 Minuten eine sogenannte freiwillige Lernzeit besuchen können, die vorgängig zwischen Schülern und Lehrern vereinbart wird. Der Gemeinderat hat das entsprechende Konzept verabschiedet, bewilligt und verlangt einen Wirkungsbericht. Laut Judith Luthiger werden derzeit Detailfragen zur Umsetzung geklärt. «Wir tragen Anregungen der Lehrpersonen zum neuen Modell zusammen, damit wir nach den Sommerferien erfolgreich starten können.»

Für die Abschaffung der Hausaufgaben im klassischen Sinn waren laut Rektor Markus Buholzer drei Punkte ausschlaggebend. Erstens: «Es ist eine Tatsache, dass Kinder mit der neuen Wochenstundentafel mehr in die Schule müssen.» Ab der 5./6. Klasse sei an jedem Nachmittag ausser am Mittwoch Unterricht, häufig bis 16 Uhr. Viele Kinder seien neben der Schule in Vereinen oder anderweitig engagiert. «Wir müssen uns fragen: Können wir als Schule diese knapp bemessene Freizeit mit Hausaufgaben füllen?» Freizeit sei sehr wichtig. «Wir sind überzeugt, dass Kinder auch in der freien Zeit sehr viel lernen. Das wollen wir stärker gewichten.»

Chancengleichheit dank neuem Modell

Zweitens gehe es um die Frage der Bildungsgerechtigkeit. «Es kommt sehr darauf an, in welchem sozialen Umfeld Kinder leben», so Buholzer. Viele Eltern seien berufstätig und können Kinder gar nicht oder erst am Abend spät bei den Hausaufgaben begleiten. «Kaum Unterstützung bei den Hausaufgaben erfahren in der Praxis zum Beispiel Kinder aus bildungsfernen Schichten.» Dies führe zu Chancenungleichheit. Das Lernzeitenmodell ziele darauf ab, allen Kindern aus bildungsfernen und bildungsnahen Familien Lernmöglichkeiten zu geben.

Drittens gebe es unter den Experten eine hohe Einigkeit darüber, dass Hausaufgaben nur wenig bis keine Wirkung zeigen. Laut dem Rektor müssten Hausaufgaben «auf den individuellsten Lern- und Entwicklungsstand der Schüler» angepasst sein, damit sie etwas bringen. Dies sei in der Praxis aber gar nicht zu leisten. «Hausaufgaben zu erteilen, weil man es immer gemacht hat, oder Hausaufgaben zu erteilen, damit der Stoff durchgebracht wird, ist heute keine Option mehr. Für das Üben der Selbstständigkeit gibt es andere Möglichkeiten.»

Hausaufgaben: Bindeglied zwischen Eltern und Schule

Fallen die klassischen Hausaufgaben weg, hat dies nicht nur Auswirkungen auf den Unterricht und auf die Schüler. Hausaufgaben dienen vielfach auch als Bindeglied zwischen Eltern und Schule. «Dessen sind wir uns bewusst», sagt Buholzer. Schulteams entwickeln derzeit ein Instrument, mit dem Eltern über den Unterricht und die aktuellen Themen informiert werden können.

Buholzer ist sich im Klaren darüber, dass mit der Abschaffung der klassischen Hausaufgaben eine heilige Kuh angefasst wird. «Es ist ein kontroverses Thema, bei dem es sehr unterschiedliche Sichtweisen gibt. Und es ist etwas Neues, das möglicherweise Ängste auslöst.» Dennoch sollte man laut Buholzer den Mut haben, längst überfällige Anpassungen vorzunehmen und Modelle, deren Wirkung nicht gegeben ist, zu ersetzen.

Der Entschluss, die Hausaufgaben abzuschaffen, ist in Kriens seit Längerem ein Thema. Rückmeldungen aus den Teams hätten die Notwendigkeit einer anderen Hausaufgabenpraxis angezeigt. Mit diesem Schritt geht auch die Tradition der Hausaufgabenhilfe für Primarschüler durch Doposcuola (Deutsch: nach der Schule) zu Ende. Doposcuola wurde in Kriens 1977 von den katholischen Landfrauen gegründet und war ursprünglich auf Kinder italienischer Gastarbeiter ausgerichtet. Vor vier Jahren plante Kriens, die Hausaufgabenhilfe in die Tagesstrukturen zu integrieren. Daraus wird nun nichts. «In Kriens wird es ab dem neuen Schuljahr Doposcuola in dieser Form nicht mehr geben», sagt Markus Buholzer. Beim Entscheidungsprozess seien die leitenden Personen von Doposcuola mit dabei und informiert gewesen.

Rechtliche Situation lässt Spielraum

Wie aber sieht die rechtliche Situation betreffend Hausaufgaben im Kanton Luzern aus? In der Vorordnung zum Gesetz über die Volksschulbildung steht: «Die Hausaufgaben müssen von den Lernenden selbstständig erledigt werden können. Umfang, Inhalt, Schwierigkeit und Häufigkeit müssen den Leistungsmöglichkeiten der Lernenden angepasst sein.» Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung, sagt: «Im Grundsatz können die Schulen selber entscheiden, ob und in welcher Form Hausaufgaben erteilt werden.» Dies sei weder gesetzlich geregelt noch vom Lehrplan vorgegeben. «Es sollten auf jeden Fall eine im Detail sinnvolle Aufgabenstellungen vorhanden sein.» Wenn aber eine Gemeinde «in einem vernünftigen Rahmen» einen anderen Weg betreffend Hausaufgaben beschreite als die herkömmliche Form, sei das möglich. Ohne individuelles Lernen geht es laut Vincent aber definitiv nicht. Dieses könne im Rahmen von Angeboten in der Schule oder zu Hause stattfinden.

Die Dienststelle Volksschulbildung hat auf ihrer Website eine Umsetzungshilfe für Schulleitungen und Lehrer zum Thema Hausaufgaben aufgeschaltet. Unter den erwähnten neuen Modellen ist das Krienser Beispiel explizit aufgeführt.

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