BILDUNG: Kritik wegen Eintritten unter dem Jahr

Mit dem Zweijahreskindergarten können Kinder auch im Februar in den Kindergarten eintreten. Dies stellt Gemeinden vor Herausforderungen – und wird kritisiert.

Roseline Troxler
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Auch im Kindergarten Maihofhalde in der Stadt Luzern können Kinder im Februar eintreten. (Bild Jakob Ineichen)

Auch im Kindergarten Maihofhalde in der Stadt Luzern können Kinder im Februar eintreten. (Bild Jakob Ineichen)

Die Luzerner Gemeinden müssen ab nächstem Schuljahr den zweijährigen Kindergarten oder die Basisstufe anbieten. Die Basisstufe vereint zwei Kindergartenjahre mit zwei Jahren Primarschule. Der zweijährige Kindergarten bedeutet: Ein Kindergartenjahr ist freiwillig, eines obligatorisch.

Ein Drittel meldet sich wieder ab

Eltern können ihr Kind aber nicht nur ein oder zwei Jahre in den Kindergarten schicken. Sie haben eine weitere Option: Ein Eintritt ist auch halbjährlich möglich – im August und im Februar. Die Option, ein Kind ab Februar in den Kindergarten zu schicken, stellt gewisse Gemeinden vor Probleme. Die SP-Grossstadträte Theres Vinatzer und Daniel Furrer haben eine Interpellation zum Thema eingereicht. Der Stadtrat schreibt in seiner Antwort: «Es liegt jeweils in der Verantwortung der Eltern, ob sie ihr Kind für den Eintritt schon im August oder erst im Februar anmelden.» Ein Eintritt im Februar ist möglich, wenn das freiwillige Jahr vor dem obligatorischen erfolgt.

Im aktuellen Schuljahr gibt es 435 Kinder im freiwilligen Kindergartenjahr – davon wurden 164 für den Eintritt im Februar angemeldet. «Bis Mitte Januar wurden bereits 54 Kinder wieder abgemeldet», so der Stadtrat. Dies erschwere die Klassenplanung. «Die Plätze müssen für die Februareintritte freigehalten werden, mit der Unsicherheit, dass die für den Februar angemeldeten Kinder dann doch nicht erscheinen.» Der Stadtrat will nun handeln. Künftig müssen Abmeldungen mit Begründung beim Rektorat eingereicht werden.

«Kanton hat uns dies untergejubelt»

Nicht nur in der Stadt führen die Februareintritte in die Kindergärten zu Problemen. Hans-Jörg Luginbühl, Bildungsvorsteher von Oberkirch, sagt: «Die Gemeinden und vor allem die Schulen tun sich schwer mit dieser Vorgabe. Kommen im Februar neue Kinder in eine bestehende Klasse, bringt dies Unruhe und Stress für die Lehrer.» Auch organisatorisch seien die Februareintritte in den Kindergärten ein Problem. «Wir müssen schauen, dass wir für die Kinder noch einen Platz haben, da wir ja im Januar keine neue Lehrperson einstellen können», sagt Luginbühl. Er betont aber auch, dass das Angebot von wenigen Kindern genutzt werde. Obwohl es wenig Fälle gibt, ärgert sich Luginbühl. «Der halbjährliche Eintritt in den Kindergarten wurde den Gemeinden untergejubelt, da dieser Umstand in den Vernehmlassungen nicht thematisiert wurde.»

Wenig Einführungszeit für Kinder

Schulleiterin Anneliese Schuler ergänzt: «Aktuell haben wir drei Kinder, welche diese Woche in den Kindergarten eingetreten sind. Bei Einführung des Zweijahreskindergartens waren es noch viel mehr.» Am Elternabend würden die Eltern auf die Möglichkeit des Februareintritts hingewiesen. «Wir zeigen dort auch auf, dass es für Kinder nicht unproblematisch ist, mitten im Jahr in den Kindergarten zu gehen.» Der Unterricht gehe regulär weiter, und es gebe wenig Zeit für die Einführung. Die Klasse müsse sich neu finden. «Vor allem für schüchterne Kinder oder Kinder mit wenig Sprachkenntnissen ist ein Eintritt unter dem Jahr schwierig.» In diesen Fällen profitiere ein Kind mehr, wenn es volle zwei Jahre den Kindergarten besuche. «Die Kindergartenlehrpersonen sind nicht glücklich mit der Situation und würden die Regelung gerne abschaffen.»

Anders tönt es aus Ruswil, das den Zweijahreskindergarten zum ersten Mal anbietet. Bildungsvorsteher Dieter Hodel: «Die Option wird von den Eltern sehr wenig genutzt, weshalb die Februareintritte kein Problem darstellen.» Dies bestätigt Schulleiter Christof Burkart: «Ein Viertel der Kindergarteneintritte sind im Februar, der Rest im Sommer.» Wie die Februareintritte sich auf den Schulalltag auswirken, werde sich in den nächsten Wochen zeigen. Ähnliches lässt sich aus Triengen und Schenkon vernehmen. Lukas Bucher, Rektor der Schule Triengen, sagt: «Wir haben fünf Kindergärten, also gibt es pro Kindergarten einen Eintritt im zweiten Semester. Daher ist bei uns der Februareintritt prozentual kein Problem.» Andreas Dürig, Schulleiter von Schenkon, erzählt: «Die bisherigen Erfahrungen für die Kinder waren positiv.» Bisher hätten sich keine Probleme ergeben, für die Schuladministration und Lehrer bedeute die Regelung aber einen Mehraufwand.

Schon 2005 getestet

Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung, sagt zum halbjährlichen Kindergarteneintritt: «Der Eintritt ins zweite Semester wurde erstmals bei der Erprobung der Basisstufe im Jahr 2005 eingeführt. In den Rückmeldungen der Schulen wurde diese Lösung sehr positiv bewertet.» Deshalb sei diese Möglichkeit auch beim Zweijahreskindergarten eingeführt worden. Sowohl in der Botschaft an den Kantonsrat als auch in der Abstimmungsbotschaft sei auf diese neue Lösung hingewiesen worden, so Vincent. Und er betont: «Der Eintritt ins zweite Semester ist für einige Kinder eine sinnvolle Lösung, weil in einem halben Jahr das Kind eine grosse Entwicklung machen kann.» Im Durchschnitt treten laut Vincent 3,4 Prozent der rund 6600 Kindergärtler im zweiten Semester in den Kindergarten sowie in die Basisstufe ein.

Vincent sieht in der Regelung «nicht eine besonders grosse organisatorische Herausforderung». Der Eintritt ins zweite Semester könne ja bei der Anmeldung für den Kindergarten bereits erfragt werden. «Daher ist die Planungsunsicherheit relativ klein.» Zudem ergänzt Vincent, dass es in einem Schuljahr auch andere Wechsel geben könne. «Es hat in den meisten Kindergartenklassen problemlos Platz für ein bis zwei zusätzliche Kinder.»

Evaluation in drei bis vier Jahren

GLP-Kantonsrätin Claudia Huser Barmettler (Luzern) hat im September eine Anfrage zum Thema halbjährlichen Kindergarteneintritt eingereicht. In der Antwort weist die Regierung die Zahlen der Kinder aus, die im zweiten Semester eingetreten sind. Während es 2012 55 Kinder waren, stieg die Zahl im letzten Jahr auf 225 Kinder an. «Die Zunahme ist sowohl auf das stärkere Interesse der Eltern als auch auf die Zunahme der Gemeinden mit dem Zweijahreskindergarten zurückzuführen», schreibt die Regierung. In drei bis vier Jahren sei eine Evaluation geplant, bevor allfällige Korrekturen angeordnet würden.
 

Roseline Troxler