BILDUNG: Lehrer unter strenger Kontrolle

Emmer Lehrer müssen ihre Arbeitszeit erfassen. Statt Bauchgefühl sollen nun Fakten her, sagt der Rektor. Der Lehrerverband ist zufrieden – die Lehrer gar nicht.

Christian Hodel
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Lehrer in Emmen müssen genau festhalten, wie viel Zeit sie für welche Tätigkeiten im Schulbetrieb aufwenden (Symbolbild). (Bild: Keystone / Gaetan Bally)

Lehrer in Emmen müssen genau festhalten, wie viel Zeit sie für welche Tätigkeiten im Schulbetrieb aufwenden (Symbolbild). (Bild: Keystone / Gaetan Bally)

In Unternehmen ist es gang und gäbe: Die Arbeitszeit wird erfasst. Nicht so in der Schule. Emmen ändert dies nun. Seit August muss rund ein Drittel der 370 Lehrer ein Jahr lang ihre Arbeitszeit aufschreiben – auf 15 Minuten genau und unterteilt in verschiedene Arbeitsfelder. «Wir wollen Fakten, wie hoch die eigentliche Belastung ist», sagt Bruno Rudin, geschäftsleitender Rektor der Volksschule Emmen.

Bisher entscheidet das Bauchgefühl

Ein Luzerner Lehrer muss im Vollzeitpensum pro Jahr 1908 Stunden arbeiten. 87,5 Prozent der Stunden sind für den Unterricht vorgesehen – darunter fallen neben dem Unterrichten auch das Vorbereiten und Auswerten. Die restliche Zeit steht für übrige Arbeiten zur Verfügung – etwa Elterngespräche, schulinterne Projekte oder die eigene Weiterbildung. In der Praxis seien die Vorgaben des Kantons aber nicht immer umsetzbar, sagen Lehrer. Lehrerverbände fordern seit Jahren mehr Lohn und Zeit, weil die Arbeitsbelastung gestiegen sei. Der Kanton Luzern indes muss sparen. «Politische Entscheide dürfen nicht aus einem Bauchgefühl heraus gefällt werden», sagt nun Rudin. Die Zeiterfassung sei eine Möglichkeit, um herauszufinden, wer in welchen Bereichen wie viel arbeite.

Ist die Erfassung also blosse Provokation, um die Aufteilung der Arbeitszeit in Frage zu stellen? «Darum geht es nicht», sagt Rudin. In erster Linie sollen «Kenntnisse gewonnen werden, wie wir unsere Ressourcen intern optimieren können». Je nach Ergebnis könnte etwa eine Anpassung sein, eine Projektwoche nicht im Juni durchzuführen, wenn viele Lehrer wegen Elterngesprächen eh schon stark beansprucht seien. «Und wenn wir sehen – rein hypothetisch – dass Fachlehrer wegen weniger Elternarbeit eher Kapazitäten für administrative Ämtchen haben als Klassenlehrer, kann man die Arbeiten anders verteilen.»

Misstraut Schulleitung den Lehrern?

Bei vielen Emmer Lehrern kommt die Zeiterfassung schlecht an. Sie sprechen auf Anfrage von «einer Misstrauenspolitik». Lehrer würden gegeneinander ausgespielt. Ebenso sei unklar, was genau zu erfassen sei. Eine Lehrerin sagt: «Wenn ich zu Hause Zeitung lese, mir Ideen zum Unterricht in den Sinn kommen, soll ich das dann als Arbeitszeit erfassen?» Für sie wie auch viele andere ihrer Kollegen sei klar: «Wir schreiben lieber mehr Stunden auf als zu wenig.»

Rudin räumt ein, dass die Lehrer unterschiedlich reagierten. Demnächst finde eine Standortbestimmung mit einem Dutzend Lehrer statt, sagt er. «Mitte Schuljahr machen wir ein Zwischenfazit der Ergebnisse.» Doch wie will man prüfen, ob die Lehrer die Zeit gewissenhaft notieren? Wenn jemand 20 Stunden persönliche Weiterbildung pro Monat eintrage, werde man nachfragen, sagt Rudin. «Die Zeitangaben müssen nachvollziehbar sein.» Und wenn nicht? «Dann haben wir ein Problem bei der Loyalität und dem Vertrauen.»

Spielraum der Schule ist beschränkt

Es gebe immer wieder Schulen, die die Arbeitszeit ihrer Lehrer erfassen, sagt Annamarie Bürkli, Präsidentin des Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverbands. Dass dies nun in Emmen fast flächendeckend und ein Schuljahr lang passiert, sei aber eher aussergewöhnlich. «Ich bin gespannt auf die Ergebnisse.» Klar sei aber, dass der Handlungsspielraum der Schule beschränkt sei. «Den Lohn und wie viel Zeit ein Lehrer in den einzelnen Arbeitsbereichen zur Verfügung hat, regelt der Kanton.» Dennoch könnten die Ergebnisse aus Emmen aufzeigen, in welchen Bereichen die vorgegebene Zeit eben nicht ausreiche. Um dann beim Kanton Forderungen zu stellen? «Ob der Kanton reagiert und Anpassungen vornimmt, ist eine andere Frage», sagt Bürkli. Die Zeiterfassung diene in erster Linie der Schulleitung. Zudem erhalte «jede Lehrperson einen Überblick, mit welchem Zeitaufwand sie die vorgegebenen Ziele erreichen kann oder sollte».

Der Kanton empfehle den Schulleitungen, Arbeitserfassungen von Zeit zu Zeit durchzuführen, sagt Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern. «Aber die Ergebnisse sagen noch nichts über die Effizienz aus.» Neben der Schulleitung sei es auch für die Lehrer von Interesse, zu wissen, wie viel sie arbeiten.

In der Tendenz haben laut Vincent in den vergangenen Jahren mehr Schulen die Zeiterfassung angewendet, zumindest für gewisse Arbeiten oder auf beschränkte Zeit. Der Kanton stellt dazu ein Tool zur Verfügung. Laut einer Befragung der Dienststelle Volksschulbildung verlangen rund 2,1 Prozent der Schulleitungen im Kanton eine Zeiterfassung. In den meisten Schulen ist dies freiwillig oder auf einzelne Arbeitsbereiche beschränkt.

 

So machen es andere Gemeinden

chh. Man stelle das Instrument für die Zeiterfassung zur Verfügung, sagt Christof Burkart, Leiter der Schule Ruswil. «Es stösst bei den Lehrern aber nicht besonders auf Gegenliebe.» Der Aufwand, um jede Minute Arbeitszeit einzutragen, werde als zu gross eingestuft. Arbeitszeiterfassung würde die Schulleitung von Lehrern verlangen, «die für spezielle Aufgaben entschädigt werden». Jedem Lehrer sei es freigestellt, seine Arbeitszeit aufzuschreiben, sagt auch Peter Hurter, Schulleiter der Volksschule Sursee. Punktuell schreibe die Schulleitung die Arbeitszeit vor – etwa wenn Projektgruppen eingesetzt würden.

So auch in Willisau. Lehrer mit Spezialaufgaben würden die investierte Zeit aufschreiben, sagt Pirmin Hodel, Hauptschulleiter der Volksschule Willisau. «Wir gehen davon aus, dass alle Lehrer eher mehr arbeiten, als sie entschädigt werden und machen keine flächendeckende Zeiterfassung.» Eine solche bringe auch wenig, weil die Schulen keinen Handlungsspielraum haben. «Überstunden können weder kompensiert noch ausbezahlt werden, da der Kanton die Arbeitszeit und Entschädigung festlegt.» In Willisau richte sich jeder Lehrer nach den Pensenvereinbarungen des Kantons. In diesen Merkblättern ist geregelt, wie viel Zeit ein Lehrer für welchen Arbeitsbereich zur Verfügung hat, um auf die vorgeschriebene Arbeitszeit zu kommen. «Jeder Lehrer ist selbst verantwortlich, dass er sich daran hält.»

In der Stadt Luzern sei bis jetzt keine detaillierte Zeiterfassung bei Lehrpersonen gemacht worden, sagt Vreni Völkle, Rektorin der Volksschule, auf Anfrage der Neuen Luzerner Zeitung.

So viel arbeiten die Lehrer

Die Aufgaben der Lehrer werden in vier Bereiche unterteilt. Die Stundenangaben beziehen sich auf ein 100-Prozent-Pensum. Pro Jahr arbeitet ein Lehrer 1908 Stunden.

1670 Stunden oder 87,5 Prozent der Arbeitszeit werden im Bereich Unterricht geleistet. Darunter fallen etwa das Unterrichten, Vorbereiten, aber auch das Erledigen von organisatorischen Aufgaben.

95 Stunden oder 5 Prozent der Arbeitszeit leisten Lehrer im Bereich Schüler. Dazu gehören neben der Beratung und Begleitung der Schüler auch Elternkontakte.

95 Stunden oder ebenfalls 5 Prozent werden in den Bereich Schule investiert. Darin eingeschlossen sind etwa die Teilnahme an Sitzungen oder das Durchführen von Projekten.

48 Stunden oder 2,5 Prozent der Arbeitszeit gehören zum Bereich Lehrerperson. Das heisst etwa, die eigene Tätigkeit zu reflektieren.