BILDUNG: Lehrlinge zieht es ins Ausland

Obwohl Mobilität in der Berufsbildung noch einen geringeren Stellenwert hat als im Studium, wird sie immer wichtiger. Der Kanton Luzern ist hier besonders aktiv.

Roseline Troxler
Drucken
Teilen
Reisefreudig: Praktika im Ausland stossen bei Lehrlingen aus dem Kanton Luzern immer mehr auf Interesse. (Symbolbild Keystone/Gaetan Bally)

Reisefreudig: Praktika im Ausland stossen bei Lehrlingen aus dem Kanton Luzern immer mehr auf Interesse. (Symbolbild Keystone/Gaetan Bally)

Roseline Troxler

Ein Semester im Ausland zu verbringen, ist für viele Studenten selbstverständlich. Anders bei der Berufsbildung. Nur eine Minderheit von Lehrlingen sammelt im Ausland Arbeitserfahrung. Auffallend viele davon im Kanton Luzern. Vor drei Jahren hat der Kanton das Mobilitätsprogramm Mobilingua (siehe Kasten) geschaffen. Daniel Preckel, Leiter Schulische Bildung, bilanziert: «Während das Angebot vor vier Jahren in gewisser Weise belächelt oder der Sinn angezweifelt wurde, hat sich Mobilingua mittlerweile zu einem bekannten Programm entwickelt, das auch national Beachtung findet.» So werde Luzern zusammen mit Zürich als Vorbild für die Umsetzung der Sprachförderung des Bundes aufgeführt. «Praxistaugliche Fremdsprachenkenntnisse können den Lernenden helfen, sich nach der Lehre gut in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Wir reagieren also auf ein Bedürfnis der Wirtschaft.» Ziel sei ausserdem die Berufsbildung für leistungsstarke Lehrlinge attraktiv zu gestalten.

Zweisprachiger Unterricht

Zu den Bausteinen des Mobilitätsprogramms gehören laut Preckel der bilinguale Unterricht sowie die Förderung von Mobilitäten im In- und Ausland. Beim bilingualen Unterricht gilt als Unterrichtssprache neben Deutsch auch Englisch. Das Angebot gibt es für 18 Lehrberufe. Bei der Unterrichtsmethode wird mindestens ein Drittel der Unterrichtszeit in der Fremdsprache durchgeführt. «Während andere Kantone das bilinguale Angebot vor allem bei der Berufsmaturität eingeführt haben, hebt sich der Kanton Luzern dahingehend ab, dass er den zweisprachigen Unterricht bei Berufen wie Logistiker oder Coiffeur anbietet», sagt Preckel. Das Angebot sei freiwillig und richte sich an motivierte Lehrlinge. «Künftig sollen auch kaufmännische Berufe zweisprachig unterrichtet werden.» Haben 2008 erst 36 Schüler den zweisprachigen Unterricht besucht, sind es aktuell 769. Im Kanton besuchen aktuell rund 10 500 Luzerner eine Berufsschule.

Auch die Praktika im Ausland, die mit Bundesgeldern von der «ch Stiftung» umgesetzt werden, geniessen zunehmend Beliebtheit. Laut der «ch Stiftung» wurden vor drei Jahren 12 Praktika von Luzernern für Lernende beantragt, im letzten Jahr waren es bereits 130. Zum Vergleich: In der gesamten Schweiz wurden 673 Praktika beantragt. Damit haben die Mobilitätsprojekte für Lehrlinge letztes Jahr auch national zugenommen. Alain Neher, der bei der Stiftung für das Programm Leonardo da Vinci zuständig ist, sagt: «Der Kanton Luzern ist bei der Mobilität auf der Stufe der Berufsbildung sehr aktiv.» Die beantragten Praktika dauern zwischen zwei Wochen bis zu einem Jahr, wie Neher sagt. Praktika im Ausland sind besonders bei den kaufmännischen Berufen und Mediamatikern beliebt, wie Preckel weiss.

«Nachfrage nach Plätzen ist gross»

Bei den Auslandpraktika beteiligen sich mehrere Schulen. Die Frei’s Schulen bieten mit dem «KV Business English» eine ganze Ausbildung mit einem Arbeitssemester in London an. Das Angebot gibt es seit drei Jahren. Patrick Spielhofer, Abteilungsleiter dieser Ausbildung, sagt: «Erhebungen bei Betrieben in der Zentralschweiz zeigen die Notwendigkeit von guten Fremdsprachenkompetenzen.» Die Ausbildung dauert drei Jahre. Das dritte Semester verbringen die Lehrlinge im Ausland. Sie absolvieren dabei in einem Betrieb ein Praktikum und besuchen eine Sprachschule. Im kommenden August reist die nächste Klasse mit 21 Schülern nach England. «Die Nachfrage nach den Plätzen ist durchaus gross. Es erfüllen aber nicht alle Kandidaten die Kriterien.» Dazu zählen laut Spielhofer ein gewisses Sprachlevel, Motivation, Reife, Selbstständigkeit und gute schulische Leistungen. Der Aufenthalt wird zu einem Grossteil von der «ch Stiftung» übernommen. Die Schulgelder zahlen die Kantone.

Für neun Monate ins Tessin

Ein neuer Partner des Kantons ist das KV Luzern mit der KV Lehre Plus. Von vier Ausbildungsjahren wird eines im Ausland absolviert. Weiter gibt es Schulpartnerschaften mit Plymouth und Bremen. Künftig will Luzern den Austausch in der Schweiz selber stärken. «Im Oktober erhalten fünf Luzerner Lehrlinge die Möglichkeit, für neun Monate ein bezahltes Praktikum im Tessin zu unternehmen», erklärt Preckel.

Elemente von Mobilingua

Das Mobilitätsprogramm Mobilingua des Kantons Luzern setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen. Hier einige Beispiele:

Programm Leonardo da Vinci der «ch Stiftung»: www.ch-go.ch/de/meta/programm-uebersicht/europa/leonardo-da-vinci/mobilitaet/

Visite, Austausch von Lehrlingen: www.visite.ch/de/was.htm

Piaget, Berufspraktikum: www.ch-go.ch/de/meta/programm-uebersicht/schweiz/piaget/mobilitaet-offene-stellen/

KV Business English der Frei’s Schulen: www.freisschulen.ch/kaufmaennische-grundbildung/kv-business-english.html

KV plus Lehre vom KV Luzern: www.kvlu.ch/berufsfachschule/news/kv-plus-lehre
Bilingualer Unterricht: www.beruf.lu.ch/grundbildung/MobiLingua/bilingualer_unterricht