Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

BILDUNG: Paul Richli: «Ohne das KKL wäre ich nicht hier»

Paul Richli tritt als Rektor der Universität Luzern ab. Mit seinem Nachfolger möchte der passionierte Wanderer nicht tauschen.
Interview Cyril Aregger
Der abtretende Rektor Paul Richli (70) im Treppenhaus des Luzerner Universitätsgebäudes. (Bild Pius Amrein)

Der abtretende Rektor Paul Richli (70) im Treppenhaus des Luzerner Universitätsgebäudes. (Bild Pius Amrein)

Interview Cyril Aregger

Paul Richli, Ende Monat treten Sie als Rektor der Universität zurück. Sie sagten einmal, in Ihrer Familie werde gearbeitet, bis man sterbe. Müssen wir uns Sorgen machen?
Paul Richli:
(Lacht.) Natürlich weiss man nie ... Aber ich bin kein bisschen müde und nach wie vor streitlustig. Ich könnte sofort ein neues Unternehmen anfangen.

Gibt es konkrete Pläne?
Richli:
Nun, zunächst einmal werde ich mit meiner Frau längere Ferien machen. Dann habe ich noch einige Buchprojekte am Laufen, bin Alleinredaktor der «Blätter für Agrarrecht», werde immer wieder für Gutachten angefragt. Beim Schweizerischen Akkreditierungsrat bin ich Vorsitzender der Kommission für die Prüfung von Wiedererwägungsgesuchen – und nebenbei bin ich noch Stiftungsratspräsident von Rigi Historic, die sich für den Erhalt von historischen Fahrzeugen und Gebäuden am und auf dem wunderbaren Berg einsetzt. Sie sehen: Langweilig wird mir sicher nicht.

Sie sind seit dem Jahr 2000 in Luzern an der Universität tätig (siehe Kasten rechts). So lange haben Sie es zuvor noch nie an einem Ort ausgehalten. Was hat Sie hier gehalten?
Richli:
(Schmunzelt.) Privat hatten wir das Glück, eine tolle Wohnung in der Nähe des Hotels Hermitage zu finden. Ein Traum – und relativ nahe zur Rigi. Vorerst werden wir dort auch bleiben. Auch wenn ein Umzug ein Thema werden könnte – eine so grosse Wohnung zu zweit zu belegen, ist eigentlich auch ökologisch ein Unsinn.

Was hat Sie nach Luzern gelockt?
Richli:
Eigentlich wollte ich nicht aus Basel fort. Aber nach der Anfrage von Walter Kirchschläger, dem Gründungsrektor der Universität Luzern, gab es für mich drei Gründe, den Posten als Gründungsdekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät zu übernehmen: Ich stamme ja aus einfachen Verhältnissen, habe mir nach dem frühen Tod meines Vaters die Ausbildung selber finanziert. Und auch in der Zentralschweiz gab und gibt es viele Menschen, die nicht auf Rosen gebettet sind. Solchen Familien die Möglichkeit zu geben, Geld zu sparen, indem sie ihre Kinder in der Region studieren lassen können, hat mich gereizt. Und als unternehmerischer Typ war Luzern damals natürlich auch spannend – hier konnte ich viel mehr bewegen als in Basel mit seiner jahrhundertealten Tradition und den fixen Strukturen.

Und der dritte Punkt?
Richli:
Das KKL. Es zeigt mir, dass die Luzerner in der Lage sind, etwas Tolles, vielleicht sogar etwas Verrücktes auf die Beine zu stellen. Ohne das KKL wäre ich nicht in Luzern.

Was waren die Höhepunkte Ihrer 15-jährigen Tätigkeit an der Universität Luzern?
Richli:
Wir haben im Teamwork eine Universität aufgebaut, die heute sehr gut angesehen ist. Und wir haben auch tolle, einsatzwillige Studenten. Positiv war natürlich auch das Ja zum neuen Unigesetz am 30. November 2014, das den Weg frei machte für die Wirtschaftsfakultät. Nicht alle haben damals an einen Sieg geglaubt ... Er kam vor allem dank der grossen Unterstützung durch den Universitätsverein und viele Organisationen zu Stande.

Sie aber schon?
Richli:
Und ich habe immer versucht, mein Team und alle Beteiligten zu motivieren, damit alle an den Erfolg glauben. Aber das Schönste an diesem Abstimmungserfolg war etwas anderes.

Was?
Richli:
Nach der Abstimmung habe ich festgestellt, dass Doppleschwand mit 76 Prozent die höchste Zustimmung im gesamten Kanton aufwies. Da musste ich einfach hin. Und so habe ich kurz entschlossen angefragt, ob ich die Gemeindeversammlung besuchen dürfte. Ich durfte und habe mich vier Tage später an der Versammlung persönlich und im Namen der Universität für die grosse Unterstützung bedankt. Zudem habe ich der Gemeinde die Ehrenmitgliedschaft im Aufbauclub der Fakultät angeboten. Sie ist nun das erste und – bislang – einzige Ehrenmitglied des Clubs.

Und die negativen Erlebnisse?
Richli:
(Überlegt kurz.) Richtig Negatives habe ich nicht erlebt. Klar, gab es mal Streitigkeiten. Darunter haben einige Leute sicher auch gelitten. Aber sonst? Ich gehe unbeschädigt hier raus.

Reut es Sie, dass Sie den Start der neuen Wirtschaftsfakultät im September nicht mehr als Rektor erleben können? Damit Sie diese in die Spur bringen können, wurde ja eigens die Altersgrenze für Rektoren angehoben.
Richli:
Bei der Wirtschaftsfakultät rede ich inhaltlich nicht mehr rein. Das ist Sache des Gründungsdekans Christoph Schalt­egger und seines Teams. Ich war als Chef immer der Überzeugung, dass jeder seine Erfahrungen selber machen muss. Ich bin auch überzeugt, dass zehn Leute immer mehr wissen als einer allein. Aber es braucht jemanden, der die Ideen «büschelt». Dabei ist Überzeugungskraft wesentlich wichtiger als Durchsetzungsvermögen.

Bei den Negativpunkten hätte man vielleicht eine Bemerkung zum Thema Finanzen erwartet ...
Richli:
Bereits vor 16 Jahren wurde ich in Basel gewarnt, dass man in Luzern jeden Franken zweimal umdrehen würde, ehe man ihn ausgibt. Ich war also gewarnt.

Also alles kein Problem?
Richli:
Nun, schon bei der Rechtswissenschaftlichen Fakultät mussten wir externe Geldgeber finden, um den Betrieb überhaupt starten zu können. Und bei der Wirtschaftsfakultät, die im September startet, war es auch so. Da habe ich auch privates Geld zugesagt (Anm. d. Red.: 100 000 Franken), aber nicht nur ich, sondern auch Mitglieder des Universitätsrates und andere Mitglieder der Universität. Das gibt es so sonst nirgends. Die Universität Luzern ist innovativ – und auch ein bisschen verrückt.

Aber ist das der Weisheit letzter Schluss, wenn Unimitarbeiter privates Geld spenden müssen, damit eine neue Fakultät entstehen kann?
Richli:
Natürlich entspricht das nicht dem Bildungsideal. 2014 hatten wir vom Kanton Luzern noch eine Zusage über 1,5 Millionen Franken für die neue Wirtschaftsfakultät. Aufgrund der Sparprogramme fielen diese plötzlich weg. Die Frage lautete damals: Geben wir auf, oder machen wir weiter und besorgen uns die Mittel? Wir haben uns für Zweitgenanntes entschieden. Und machen wir uns nichts vor: Alle Schweizer Universitäten sind heute auf externe Geldgeber angewiesen. Die grossen, alten Unis haben es da bloss leichter. Wir sind ja quasi noch eine «Start-up-Bildungseinrichtung» ...

Der Kanton Luzern muss weitersparen. Machen Sie sich keine Sorgen um die Zukunft der Uni?
Richli:
Der Kanton hält die Uni schon jetzt an der kurzen Leine. Immerhin haben wir bis jetzt kein strukturelles Defizit und konnten regelmässig besser abschliessen als budgetiert. Aber die Signale für die Zukunft stehen gegen die Universität.

Wieso?
Richli:
Zum einen sollen auch die Bundesgelder gekürzt werden, indem Nationalfondsbeiträge für die kleinen Universitäten weniger Bundesbeiträge generieren und nicht mehr an die Nationalfondsbeiträge gekoppelt werden. Wir werden in Zukunft für 100 000 Franken Nationalfondsgelder nicht mehr (zusätzlich) um die 90 000 Franken Grundbeitrag des Bundes erhalten. Davon haben wir bislang profitiert. Dann haben wir in den nächsten Jahren aufgrund der Demografie sinkende Zahlen bei den Gymnasiasten. Und schliesslich will der Kanton weitere Beiträge kürzen. Das ist auf die Dauer mehr als ungemütlich. Es kann sogar ruinös werden.

Gilt das nur für die Universität?
Richli:
Nein. Als derzeitiger Vorsitzender der Rektorenkonferenz der Hochschulen in Luzern muss ich sagen, dass das für alle drei Schulen (Universität, Pädagogische Hochschule sowie Hochschule Luzern, Anm. d. Red.) eine schwierige Situation ist.

Was ist zu tun?
Richli:
Wir können nicht einfach die Arbeitszeit erhöhen, um so Personal zu sparen. Wenn wir in einem Fachbereich zwei Professuren haben, bringt das gar nichts, wenn die je etwas länger arbeiten. Der Kanton strebt mit der Idee der Arbeitszeiterhöhung ja keinen Leistungsausbau an, sondern einen Abbau von Personal. Das könnten wir nur durch lineare Kürzung des Anstellungsgrades erreichen, was nicht die Lösung sein kann.

Luzern soll in Zusammenarbeit mit der Uni Zürich ab 2017 auch einen Medizinmaster anbieten (Ausgabe vom 18. Juli). Auch das eine Budgetlösung?
Richli:
Ein Kooperationsmaster ist eine intelligente Lösung. Eine vollständige Medizinische Fakultät benötigt mindestens 30 Millionen Franken jährlich für ein gutes Studienangebot. Das ist viel zu teuer für den Kanton Luzern. Und ein eigener Masterstudiengang scheitert unter anderem daran, dass keine Universität ihre Bachelorstudenten an uns abgeben will. Details zum aktuellen Projekt wird die Uni wohl im August präsentieren können.

Wie wird die Universität Luzern in 15 Jahren aussehen?
Richli:
Falls noch eine neue Fakultät hinzukommt, dann höchstens eine für die Gesundheitswissenschaften, die heute der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät angeschlossen sind. Etwas völlig Neues wird es nicht geben. Wir sind gut aufgestellt mit den beiden «grossen Fächern» Rechtswissenschaft und Wirtschaftswissenschaften in den gleichnamigen Fakultäten sowie mit den «kleinen», aber ebenso wichtigen Fächern in der Theologischen und der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Von den Studentenzahlen her wird es sich zwischen 3000 und maximal 4000 einpendeln. Das reicht aber auch.

Würden Sie heute Ihre Stelle in Basel verlassen für Luzern?
Richli:
2016 würde ich das nicht mehr machen. Die Universität hat ihre Form gefunden. Nun geht es ums Konsolidieren und darum, die Qualität zu halten oder weiter zu verbessern. Das sind wichtige Aufgaben, aber mich reizte damals der Aufbau von etwas Neuem.

Rechtsprofessor und Rigi-Fan

Zur Personca. Paul Richli (70) stammt aus Hallau SH. Er studierte Rechtswissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Philosophie, Soziologie und Psychologie in Bern und Genf. Von 1974 bis 1990 war er in verschiedenen Positionen im Bundesamt für Justiz und im Sekretariat der Kartellkommission tätig. Er habilitierte 1984 an der Uni Bern und wurde 1990 Rechtsprofessor an der Uni St. Gallen. 1993 wechselte er nach Basel, wo er von 1998 bis 2001 Vizerektor war.

2000 bis 2005 war Richli Gründungsdekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Luzern. Er amtete als Agrarrechtsprofessor und Professor für öffentliches Recht und Rechtssetzungslehre. Seit August 2010 und noch bis Ende Monat ist Richli Rektor der Uni Luzern.

Viele Wege führen auf den Gipfel

Richli wohnt in Luzern, ist kinderlos verheiratet und gibt als Hobbys Joggen und Wandern an. Besonders die Rigi hat es dem fitten 70-jährigen angetan: Regelmässig besteigt er
den Berg («beim Hochgehen kommen mir die besten Ideen»), bergab geht es meistens mit der Bahn. «An der Rigi fasziniert mich, dass es so viele Wege auf den Gipfel gibt.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.