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BILDUNG: Psychologin kritisiert Notendrill

Wenn Eltern schlechte Leistungen bestrafen und gute mit einem Geschenk belohnen, hat das Folgen für den Erfolg der Kinder. Experten erklären, warum.
Ein Mädchen betrachtet das Zeugnis der Volksschule im Kanton Luzern (Archivbild). (Bild: Philipp Schmidli)

Ein Mädchen betrachtet das Zeugnis der Volksschule im Kanton Luzern (Archivbild). (Bild: Philipp Schmidli)

Sarah Weissmann

In diesen Tagen werden in den Luzerner Schulen die Zeugnisse verteilt. Vorab erhielten einige Eltern Post von der Schulleitung. «Uns ist es ein grosses Anliegen, dass Sie schlechte Leistungen nicht bestrafen», schreibt die Schulleitung der Primarschule Horw. Dies löse gegenüber zukünftigen Zeugnissen Angst aus, was für die weitere positive Entwicklung der Kinder hinderlich sei. Weiter schreibt die Schulleitung, dass gute Leistungen gelobt werden dürften, Eltern aber von Geschenken absehen sollten, weil damit falsche Anreize geschaffen würden.

Druck lastet auf den Kindern

«Darf ich meine Kinder, wenn sie gute Zeugnisse nach Hause bringen, dann nicht zu Pommes und Schnitzel einladen?», fragt ein Kollege auf der Redaktion. Die Einladung, auswärts zu essen, sei ein vergleichsweise kleines Geschenk, weiss eine Lehrerin. Sie erlebte, dass Eltern noch viel tiefer in die Tasche greifen. «Es gab Eltern, die ihren Kindern versprochen haben, dass sie bei guten Leistungen ein Tablet oder gar Ferien nach Wahl bekommen würden.»

Verfasser des Briefs der Schule Horw sind David Schuler, Leiter der Schulhäuser Hofmatt-Kastanienbaum, und Urs Kaufmann, Schulleiter Allmend-Spitz. «Wir sind überzeugt, dass es kein Belohnungs- und Bestrafungssystem braucht, um Leistung zu generieren», sagt Schuler. Eine Belohnung für gute Noten, wenn man beispielsweise spontan Pizza essen geht, sei selbstverständlich in Ordnung. Ausschlaggebend für den Brief sei ein anderes Problem: «Uns fällt vermehrt auf, dass sehr viel Druck auf den Kindern lastet. Vor allem auch dann, wenn es Richtung Übertritt geht», sagt Schuler.

Die elterlichen Ansprüche an die Kinder seien in Horw, insbesondere in Kastanienbaum, sehr hoch. «Wir haben Eltern, die um jeden einzelnen Punkt kämpfen, nur damit die Benotung besser wird. Ich interpretiere diesen Druck aus einem Anreizsystem.»

Leistungen werden erzwungen

Den Kindern würden Geschenke in Form von Geld oder Materiellem schon zu Beginn eines Semesters für gute Noten in Aussicht gestellt. Einen solchen Anreiz bewusst zu setzen, gehe in die falsche Richtung, sagt Schuler. «Der finanzielle Anreiz kann dazu führen, dass Leistungen erzwungen werden und Kinder beispielsweise schummeln, um gute Noten zu erhalten.» In den Schulen beobachte man aber auch, dass Kinder teilweise Angst hätten, schlechte Noten den Eltern zu zeigen. «Das wiederum kann unserer Meinung nach nur daher kommen, wenn die Kinder für ihre Noten bestraft werden. Es ist wichtig, leistungsorientiert zu arbeiten, das ist auch unser Ziel. Aber was Kinder leisten können und deren Eltern sich wünschen, dass sie es leisten, muss man differenzieren.» Wenn das Kind beispielsweise eine Rechenschwäche habe, könne man es fördern und im Umgang damit unterstützen, aber kein Rechengenie aus ihm machen. «Wenn unter diesen Umständen zusätzlich Geschenke als Anreiz versprochen werden und das Kind die geforderte Leistung nicht bringen kann, ist die Enttäuschung auf beiden Seiten sehr gross. Und damit ist niemandem gedient», sagt Schuler.

Konditionierung und Drill

Auf der psychologischen Ebene könne ein solches Verhalten der Eltern ungünstige Folgen für ein Kind haben, sagt Margareta Reinecke vom Verband der Innerschweizer Psychologinnen und Psychologen. «Das ist Konditionieren, wie man es vom Umgang mit Tieren kennt», sagt Reinecke. «Geschenke für gute Noten zu versprechen, ist eher Drill. Das kann nicht als geeignete Methode betrachtet werden.»

Ähnlich verhalte es sich mit der Bestrafung: «Egal, in welcher Form man ein Kind für schlechte Noten bestraft, es zeigen sich kaum positive Effekte. Bestrafung verängstigt und blockiert Kinder Freude und Motivation können so sicher nicht entstehen», sagt Reinecke. Das Kind versuche zwar die Leistung zu erbringen, aber unter Angst.

Erst ab der dritten Klasse erhalten Schüler Noten, und gerade deshalb können laut Annamarie Bürkli, Präsidentin des Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverbands, solche Informationen wie im Brief der Primarschule Horw für die Eltern eine Hilfestellung im Umgang mit Noten sein. «Es ist wichtig, dass die Eltern das Zeugnis wohlwollend annehmen. Wenn ein Kind schlechte Noten nach Hause bringt, liegt es meist nicht daran, dass das Kind nicht will, sondern daran, dass es die Leistung einfach nicht erbringen kann.» Es gehe darum, den Druck zu vermindern. «In einem gemeinsamen Gespräch können Eltern herausfinden, was die Gründe für die schlechten Noten ihrer Kinder sind.»

Noten sind informationsarm

Hanni Lötscher, Studienbereichsleiterin Bildungs- und Sozialwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Luzern, sagt zudem: «Noten sind sehr informationsarm, sie ermöglichen keine genauen Aussagen über den Lernstand und die individuellen Fortschritte eines Kindes.» Studien zeigen laut Lötscher, dass Notendruck von Schule und Eltern bei Kindern Angst und Leistungsdruck auslösen kann. «Die Kinder leisten weitaus mehr als das, was aus einer Note ersichtlich ist. Deshalb sind Beurteilungsgespräche zwischen Lehrpersonen, Eltern und Lernenden wichtig: Da können die erbrachten Leistungen und Fortschritte der Kinder beschrieben und gewürdigt werden.»

Die Bildungsexpertin empfiehlt Eltern, sich für das Kind zu interessieren und nachzufragen, was es in der Schule lernt, was ihm leicht- oder schwerfällt. «Im Unterricht sollte entsprechend die lernbegleitende Funktion der Beurteilung in den Vordergrund rücken. Die Schüler erhalten dann differenzierte Rückmeldungen zur ihrem Lernstand und unterstützende Hinweise für die Weiterarbeit.» Mit einem solchen Austausch könnten die informationsarmen Noten in den Hintergrund rücken.

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