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BILDUNG: Religionsunterricht wird in der Stadt Luzern an den Rand gedrängt

Durch die zusätzlichen Lektionen im Lehrplan 21 gerät der Religionsunterricht unter Druck. Ist dieser überhaupt noch zeitgemäss? Jürgen Rotner, Rektor der Katholischen Kirchgemeinde Luzern, nimmt Stellung.
Robert Knobel
Jürgen Rotner, Rektor der Katholischen Kirchgemeinde Luzern, vor der Peterskapelle beim Kapellplatz. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 23. Februar 2018))

Jürgen Rotner, Rektor der Katholischen Kirchgemeinde Luzern, vor der Peterskapelle beim Kapellplatz. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 23. Februar 2018))

Interview: Robert Knobel

robert.knobel@luzernerzeitung.ch




Jürgen Rotner, wie viele Kinder besuchen heute noch den katholischen Religionsunterricht?

In den vergangenen Schuljahren besuchten rund 97 Prozent der katholischen Schülerinnen und Schüler den konfessionellen Religionsunterricht. Seit der Einführung des Lehrplans 21 auf der Primarstufe sind es noch 90 Prozent. Das ist eine markante Veränderung, die ich für noch nicht dramatisch halte.

Was hat dies denn mit dem Lehrplan 21 zu tun?

Die Kinder haben mit dem neuen Lehrplan in der Primarschule mehr Unterricht pro Woche. Die Fünftklässler erhielten beispielsweise mit einem Schlag vier Lektionen zusätzlich. Da gibt es Eltern, die ihre Kinder von der zusätzlichen Religionslektion befreien wollen. Die zeitliche Überlastung ist tatsächlich der häufigste Grund, weshalb Eltern ihre Kinder vom Religionsunterricht abmelden.

Im neuen Schulfach «Natur, Mensch, Gesellschaft» ist auch Religion ein Thema. Wozu braucht es da noch den konfessionellen Unterricht?

Es stimmt, dass in diesem Schulfach auch religiöse und ethische Kompetenzen vermittelt werden, es finden sich Themen aus der christlichen Religion wie aus anderen Religionen. Ich befürworte das sehr. Wir leben in einer religiös heterogenen Gesellschaft. Daher liegt es im Interesse einer allgemeinen Bildung, dass jeder nicht nur über seinen eigenen Glauben Bescheid weiss, sondern auch über die anderen Religionen. Wenn eine Lehrperson im schulischen Unterricht allerdings einen Bibeltext verwenden will, stösst sie an Grenzen, muss beschreibend und neutral bleiben. Im katholischen Unterricht können wir christliche Themen tiefer behandeln, sozusagen aus der Innenperspektive des Glaubens. Zudem erleben die Kinder, dass Toleranz und Respekt genuin christliche Haltungen sind, denen die Kirche verpflichtet ist.

Wie machen Sie das konkret?

Im Zentrum steht nicht bloss eine reine Wissensvermittlung. Wie im Lehrplan 21 vorgesehen, wollen auch wir, dass die jungen Menschen Kompetenzen, also Fertigkeiten und Haltungen bilden. Die Entwicklung des Kindes zu einer eigenständigen, starken Persönlichkeit erhält grosse Aufmerksamkeit. Wir wollen diesen Prozess begleiten und unterstützen. Die kirchlichen Traditionen und unser Glaube bieten da viel, und die Bibel ist voll von tollen Geschichten, welche die Persönlichkeitsentwicklung fördern.

Was ist mit dem spezifisch katholischen Wissen? Wo lernen die Kinder, wie eine Liturgie funktioniert?

Spezielle konfessionelle Kom­petenzen erwerben die Kinder hauptsächlich in der Pfarrei, etwa im Rahmen der Vorbereitung auf die Erstkommunion und auf die Firmung. Diese Angebote gehö­ren zum Bereich der sogenannten Gemeindekatechese und sind nicht Teil des Religionsunterrichts an der Schule.

In Emmen kann der Religionsunterricht aus Platzgründen nicht mehr in den Schulhäusern stattfinden. Wie ist es in der Stadt Luzern?

Die Stunden- und Raumplanung für den Religionsunterricht hat sich mit dem Lehrplan 21 verschärft. Seit der Einführung der Blockzeiten 2006 müssen wir uns mit Nachmittagsstunden begnügen. Unser Unterricht wurde nun weiter an den Rand gedrängt, und zurzeit müssen 10 Prozent der Religionsklassen am Samstagvormittag oder Mittwochmittag unterrichtet werden, teilweise auch ausserhalb des Schulhauses. Die grosse Mehrheit der konfessionellen Lektionen sind weiterhin innerhalb der Stundenplanzeiten platziert.

Wozu braucht es denn überhaupt noch diese Nähe zwischen Kirche und Schule? Sie könnten den Unterricht ja auch ganz in die Pfarreien verlagern.

Diese Nähe hat einerseits historische Gründe. Auch wenn wir nicht um jeden Preis in der Schule bleiben wollen, so ist es andererseits unser Anliegen, an einer umfassenden Bildung mitzuwirken und die Schule in ihren Zielen zu unterstützen, die sich weitgehend mit den unseren decken. Die Deutschschweizer Bischofskonferenz hat übrigens für den kirchlichen Religionsunterricht ebenfalls einen neuen Lehrplan verabschiedet, der genau wie der Lehrplan 21 kompetenzorientiert ist. Wir werden diesen Lehrplan im kommenden Schuljahr einführen. Im kirchlichen wie im schulischen Lehrplan steht die persönliche Entwicklung der Kinder im Zentrum. Bei uns kommt noch die Verwurzelung im Glauben und die Orientierung an Jesus hinzu.

Fühlen Sie sich an den staatlichen Schulen willkommen?

Ja. Trotz der zeitlichen und räumlichen Probleme wird unsere Präsenz an den Schulen nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Zur Akzeptanz unserer Lehrpersonen trägt bei, dass diese nicht bloss für ihre Lektion in die Schulhäuser kommen. Sie engagieren sich für das Schulleben, indem sie etwa bei Schulhausfeiern und Projektwochen mitwirken, Klassen ins Lager begleiten oder bei sozialen Massnahmen, wie den «Peacemaker»-Projekten auf den Pausenplätzen, involviert sind. In den Sekundarschulen arbeiten kirchliche und staatliche Lehrpersonen teilweise sogar zusammen.

Das müssen Sie erklären.

In den vier Sekundarschulhäusern auf dem Gebiet unseres Pastoralraums hat sich in den letzten 20 Jahren die Praxis herausgebildet, dass Religionslehrpersonen stärker mitwirken und im Sinn einer Zusammenarbeit mit dem obligatorischen Fach Lebenskunde auch mit der ganzen Klasse in bekenntnisneutraler Perspektive Unterricht halten. Das eröffnet neue Möglichkeiten.

Aber es ist doch schon ein Unterschied, ob jemand katholischen Religionsunterricht oder das Fach Lebenskunde erteilt. Wie funktioniert das in der Praxis?

Die katholischen und reformierten Lehrpersonen sind sich sehr bewusst, dass sie in solchen Situationen vor einer gemischt religiösen Klasse stehen. Sie halten sich mit ihrer konfessionellen Perspektive zurück und nehmen eine neutrale Perspektive ein. Die Zusammenarbeit ermöglicht attraktive Lernformen, beispielsweise Ausflüge ins Haus der Religionen in Bern oder Exkursionen nach Zürich zum Thema Reformation. Letzteres geschieht sogar in Kooperation mit dem Fach Geschichte. Das Zusammenspannen von Lebenskunde und Religionsunterricht hat auch einen strukturellen Vorteil: Unsere Lehrpersonen können blockweise innerhalb der Stundenplanzeiten unterrichten und müssen sich nicht an den Randstunden organisieren.

Existiert so ein kooperativer Unterricht auch auf Primarstufe?

Abgesehen vom interreligiös offenen heilpädagogischen Religionsunterricht bisher nicht. Es besteht noch keine Tradition solch einer Zusammenarbeit in den Primarschulen. Wir arbeiten daran, entsprechend angepasste Modelle zu entwickeln und vorzuschlagen. Ich würde begrüssen, wenn kooperative Formen des Unterrichts zu religiösen Kompetenzen auch in der Primarschule Realität würden, nach und nach vielleicht sogar unter Einbezug weiterer Religionsgemeinschaften.

zur Person

Jürgen Rotner ist 1963 in Köln geboren. Er studierte Theologie in Freiburg i. Br. und in Fribourg, den Abschluss machte er 1995. Danach war er elf Jahre als Pastoralassistent und Gemeindeleiter im Aargau tätig. Seit Januar 2007 ist er Rektor für Religionsunterricht und Gemeindekatechese in der katholischen Kirche Stadt Luzern.

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