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BILDUNG: Rituale sorgen für nötigen Kitt

Der Handschlag, die Pausenglocke oder der Klassenrat: Ritualen wie diesen haftete lange etwas Konservatives an. Zu Unrecht.
Evelyne Fischer
Rituale sollen den Zusammenhalt unter Schülern stärken. (Symbolbild Neue LZ)

Rituale sollen den Zusammenhalt unter Schülern stärken. (Symbolbild Neue LZ)

Evelyne Fischer

Packen Sekschüler der Abschlussklasse aus Rain oder Hildisrieden ein Znüni aus der Tasche, machen sie damit ihren Klassenkollegen eine Freude. Aber nicht nur: Zugleich signalisieren sie, eine Lehrstelle gefunden zu haben. Denn dafür steht das Mitbringsel symbolisch.

Das Lehrstellen-Znüni ist eines von vielen etablierten Ritualen des Sekundarschulkreises Rain/Hildisrieden. Der Entscheid, solche fix in den Alltag einzubauen, fiel hier vor zwei Jahren. «Wir mussten feststellen: Die Klassenbande auf der Sekstufe ist aufgrund der verschiedenen Niveauzüge heute viel weniger eng als auf der Primar», sagt Schulleiter Alois Grüter. «Daher wollten wir gemeinschaftsbildende Elemente bewusst fördern.» Die Schule führte in der Folge Weiterbildungen zum Thema durch, die Lehrerschaft erarbeitete Grundlagenpapiere. Grüter ist vom Sinn von Ritualen überzeugt: «Sie sorgen für Auflockerung und klären Abläufe. Der Übergang zu Regeln ist fliessend.»

«Klebstoff sozialer Gruppen»

Vom Nutzen dieser wiederkehrenden Handlungen begeistert ist auch Erich Lipp, Dozent für Lebenskunde und Klassenlehrperson an der Pädagogischen Hochschule Luzern (PH). Er zitiert den englischen Anthropologen Harvey White­house: «Rituale sind der Klebstoff, der soziale Gruppen zusammenhält.»

Zu den ganz simplen Ritualen gehöre die Schulglocke. «Sie markiert Anfang und Ende des Unterrichts und fördert die bessere Nutzung von Arbeits- und Lernzeit.» Gang und gäbe sei auch der Handschlag. Dieser wurde vor nicht langer Zeit in Therwil BL zum Politikum: Zwei Schüler hatten sich geweigert, ihrer Klassenlehrerin die Hand zu geben (Ausgabe vom 5. April). Für Lipp macht dieses Ritual nach wie vor Sinn: «Mit dem Handschlag signalisiert die Lehrperson dem Schüler: Du bist willkommen im Unterricht.» Es sei ein Zeichen von Akzeptanz und Respekt.

Lipp empfiehlt Lehrern zudem, am Montagmorgen mit einer kurzen Rückschau das Wochenende hinter sich zu lassen. Und umgekehrt am Freitag die letzten Tage Revue passieren zu lassen und sich per Handschlag zu verabschieden. «So kann man die Woche hinter sich lassen, selbst wenn nicht alles perfekt gelaufen ist.»

In den 90ern drohte das Aus

Rituale haben eine bewegte Geschichte hinter sich. In den 70er- und 80er-Jahren hat man gemäss Lipp übermässig auf Gruppenprozesse gesetzt, «alles psychologisiert». In den 90ern kams dann zur Gegenbewegung. «Man fragte sich, ob es überhaupt noch Rituale braucht», sagt Lipp. «Nun schlägt das Pendel wieder zurück.» Und das sei gut so. «Die Schule hat heute den Hang zur Individualisierung. Da ist es wichtig, mit gemeinschaftsfördernden Ritualen Gegensteuer zu geben.»

Dass Lehrer in den letzten Jahren vermehrt Rituale in den Unterricht einbauen, fiel auch Schulleiter Alois Grüter auf. «Rituale werden wieder bewusster gepflegt.» Wie oft diese zum Zuge kommen, hänge jedoch davon ab, welchen Wert eine Lehrperson dem Klassenklima beimesse. «Die Schulleitung will hier kein Machtwort sprechen. Rituale sollte man aus Überzeugung pflegen.»

Pflichtstoff für künftige Lehrer

Obwohl der Lehrplan ein enges Korsett vorgebe, lohne es sich, Zeit in Rituale zu investieren, sagt Lipp. Dem Thema werde daher auch in der Ausbildung der nötige Platz eingeräumt. Im Modul «Klassenführung» Pflichtstoff für angehende Seklehrer im sechsten Semester. «Wenn man sich mit Regeln und Ritualen auseinandersetzt, bleibt mehr Zeit für den Unterrichtsstoff», sagt Lipp. Versäume man dies, tauchen im sozialen Gefüge Störungen auf. «Wenn sich ein Jugendlicher in der Klasse wohl und von der Lehrperson akzeptiert fühlt, besteht weniger Grund, verhaltensauffällig zu werden.» Die Studierenden seien sehr offen für den Einsatz von Ritualen in der Schule. «Negativbeispiele kennen viele aus eigener Erfahrung.»

Je älter, desto mehr Partizipation

Allerdings gelte für Rituale: Was im Kindergarten richtig ist, muss nicht zwingend auch auf der Oberstufe funktionieren. «Je älter die Schüler sind, umso zentraler wird die Partizipation», sagt Lipp. Ein gutes Beispiel hierfür sei ein Klassenrat, der in regelmässigen Abständen prüfe, ob «es irgendwo Handlungsbedarf gibt». Da die Jugendlichen jenes Gremium meist selber leiten, Protokolle verfassen und versuchen, gemeinsam einen Konsens zu finden, «erfassen sie die Möglichkeiten demokratischer Strukturen».

An der Sekundarschule Rain/Hildisrieden wird ein solcher Klassenrat einmal monatlich durchgeführt. «Hier werden soziale Probleme besprochen oder Wünsche gegenüber Lehrpersonen geäussert», sagt Grüter. Ähnlich funktioniere der Schülerrat – ein Gremium mit zwei Delegierten pro Stufe. Jener habe beispielsweise beschlossen, ein Grillfest zu organisieren. Doch gibts auch Rituale, von denen man abrät? PH-Dozent Lipp verneint. «Wenn man als Lehrperson von einem Ritual überzeugt ist, kommt dies selten schlecht an. Wichtig ist, dass die Schüler dessen Sinn erfassen und das Ritual regelmässig hinterfragt wird.»

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