BILDUNG: Schüler kämpfen mit drei Sprachen

Fremdsprachige Kinder müssen in der Schule neben Französisch und Englisch zusätzliche Deutschstunden besuchen. Führt das zu einer Überforderung?

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Symblbild Schule (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ (Archiv))

Symblbild Schule (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ (Archiv))

Sarah Weissmann

5814 Schüler zählt die Stadt Luzern derzeit auf den Stufen Kindergarten, Primar- und Sekundarschule. Davon besuchen 1723 den Zusatzunterricht Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Somit ist Deutsch für knapp einen Drittel der Schüler in der Stadt Luzern bereits die erste Fremdsprache. In der Gemeinde Kriens sind es etwa ein Viertel: Von den 2500 Primarschülern sind hier 490 DaZ-Schüler. SVP-Politiker, wie etwa der Krienser Gemeinderat Paul Winiker, sind deshalb der Meinung, dass zwei weitere Fremdsprachen zu viel sind. Und vor allem die leistungsschwachen Kinder damit überfordert werden. Der Kanton Luzern zählt im Schuljahr 2013/2014 auf der Stufe Volksschule insgesamt 28 752 Schüler. Davon sind 7038, also rund 25 Prozent, fremdsprachig (siehe Grafik).

Kein vorschnelles Handeln

Um das Thema der Überforderung klar einordnen zu können, hat die Bildungsdirektorenkonferenz Zentralschweiz eine Evaluation des Fremdsprachenunterrichts in den sechs Zentralschweizer Kantonen in Auftrag gegeben. Laut Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung, gilt es, diese abzuwarten.

«Es wird geprüft, welche Leistung die Kinder erreichen. Auch die Lehrpersonen müssen eine Einschätzung abgeben, ob die Schüler dies schaffen.» Erst wenn diese Evaluation im Januar des nächsten Jahres vorliege, könne man fundierte Aussagen darüber machen, ob die Kinder wirklich wegen der Fremdsprachen überfordert sind oder eben nicht, sagt Vincent. «Englisch in der Primarschule wurde erst vor acht Jahren als zweite Fremdsprache in der Primarschule eingeführt», erklärt Vincent. Und bevor man das schon wieder ändere, solle man zuerst versuchen, etwas zu verbessern und die Bedingungen anzupassen. «Wir plädieren jedenfalls dafür, nicht vorschnell zu handeln, sondern erst dann zu entscheiden, wenn die Ergebnisse der Evaluation und die gesamtschweizerische Ausrichtung vorliegen.»

Seiner Einschätzung nach stimmt es nicht, dass alle ausländischen Kinder mit den Fremdsprachen in der Schule überfordert sind. «Es gibt darunter Kinder, die es sich gewohnt sind, eine andere Sprache zu lernen, und das sehr gut können», sagt Vincent. Natürlich gebe es Kinder, die kognitiv nicht so stark sind und in einzelnen Fächern überfordert sind. «Das darf man aber nicht nur auf die Fremdsprachen zurückführen. Diese Kinder haben vielleicht auch Schwierigkeiten in Mathe. Es würde aber niemandem in den Sinn kommen, deshalb den Matheunterricht abzuschaffen oder für diese Kinder zu streichen», sagt Vincent.

Nicht nur Ausländer haben Mühe

Auch laut Vreni Völkle, Rektorin Volksschule Stadt Luzern, ist es wichtig, die Studie abzuwarten. «Es handelt sich bei dem Thema um eine politische Debatte. Und die Verführung ist hoch, zu sagen, dass ein ausländisches Kind Schwierigkeiten damit hat, Fremdsprachen zu lernen.» Auch Schweizer Kindern könne das Erlernen von Fremdsprachen Schwierigkeiten bereiten. «Das Leistungsvermögen von Lernenden ist eng gekoppelt an intellektuelle Fähigkeiten. Deshalb gibt es auch ausländische Kinder, die hervorragend Fremdsprachen lernen,» sagt Völkle.

Um festzustellen, welche Kinder zusätzlich Deutsch als Zweitsprache besuchen müssen, gibt es seit zwei Jahren ein Testverfahren (siehe Kasten), erklärt Vreni Völkle. «Man hat verschiedene Instrumente zum Erfassen eines Sprachstandes zusammengestellt, mit denen der aktuelle Kenntnisstand in Deutsch ermittelt werden kann.» Damit könne man erheben, wie viel zusätzlichen Deutschunterricht ein Kind benötigt. «Das ist eine gute Grundlage, um die Sprachkenntnisse individuell einzuschätzen», sagt Völkle. Welche Kinder durch das sogenannte Sprachstandsinstrumentarium abgeklärt werden, ist von verschiedenen Faktoren abhängig. «Wenn beispielsweise beide Elternteile fremdsprachig sind, ist es offensichtlich, dass Massnahmen angezeigt sind.» Und wenn ein Kind bilingual aufwächst, sei abzuklären, welche Sprache sich zu Hause manifestiert hat. «Je nach Situation würde auch ein solches Kind den DaZ-Unterricht besuchen.» Spricht es jedoch so gut Deutsch wie seine Schweizer Mitschüler, müsse es diesen Unterricht nicht besuchen.

Zurückhaltend mit Dispensierungen

In Sursee besuchen 129 Kinder den Kindergarten, 44 davon sind DaZ-Lernende. In der Primarschule besuchen 98 der insgesamt 475 Schüler den DaZ-Unterricht. Hier ist das Thema Überforderung durch Fremdsprachen in der Lehrerschaft zwar ein Thema. «Allerdings muss man immer auch berücksichtigen, was hinter dieser Überforderung steckt», sagt Peter Hurter, Rektor Stadtschulen Sursee. Es würde Kinder geben, welche die Leistung nicht erbringen können und deshalb überfordert sind. «Es kann aber auch sein, dass die Kinder zwar das Potenzial dazu hätten, das Lernumfeld aber zu wenig unterstützend ist», sagt Hurter.

Wenn die Lehrer sehen, dass ein Schüler mit den drei Sprachen überfordert ist, gibt es die Möglichkeit der Dispensierungen. Doch damit sei man in Sursee sehr zurückhaltend. «Gerade in der Primarschule versuchen wir darauf zu verzichten. Der Unterricht ist hier noch sehr breit gefächert, und die Kinder werden auf die Sekundarstufe vorbereitet.» Erst in der Orientierungsstufe, wenn die Kinder ihrem Niveau entsprechend eingeteilt sind, würde man erkennen, ob die Schüler wirklich überfordert sind. Aber selbst dann würde man zuerst versuchen, sie durch individuelle Lernziele zu fördern, bevor man sie von einer Fremdsprache dispensiert. «Wenn wir dann feststellen, dass es nichts bringt, besprechen wir mit den Eltern eine mögliche Dispensierung.» Es sei dann allerdings nicht so, dass diese Schüler mehr Freizeit haben. «Der Fokus liegt dann beispielsweise auf Mathe und Deutsch. Und die Schüler kompensieren den Fremdsprachenunterricht mit mehr Stunden in diesen Fächern.»