BILDUNG: Sie verzichten auf die Schule

Ohne Druck lernen, was einem gefällt: Familie Sidler aus Grosswangen unterrichtet ihre Tochter seit August zu Hause – und stösst im Dorf auf Widerstand.

Christian Hodel
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Die Mutter ist auch die Lehrerin: Seit August unterrichten Kerstin und Franz Sidler aus Grosswangen ihre Tochter Antonia zu Hause. (Bild Boris Bürgisser)

Die Mutter ist auch die Lehrerin: Seit August unterrichten Kerstin und Franz Sidler aus Grosswangen ihre Tochter Antonia zu Hause. (Bild Boris Bürgisser)

«Mama, können wir jetzt auf 100 zählen?», fragt Antonia (5½). «Natürlich, wenn du das möchtest», antwortet Kerstin Sidler (36) aus Grosswangen.

Antonia lernt Zahlen, so wie es andere Kinder in ihrem Alter tun. Sie lernt Buchstaben, Seilspringen, Velofahren, Mathematik und Deutsch. Irgendwann wird sie wissen, was der Satz des Pythagoras ist, was Nomen sind, Verben, Adjektive. Nur wann sie es wissen wird, ist ungewiss. «Dann, wenn es für sie wichtig ist», sagt Kerstin.

Lernen ohne Druck und Trimmen

Antonia ist eines von 27 Kindern im Kanton Luzern, das zu Hause von ihren Eltern unterrichtet wird. Für dieses Schuljahr hat die Dienststelle für Volksschulbildung deutlich mehr Gesuche für das sogenannte Homeschooling genehmigt als die Jahre zuvor (siehe Kasten rechts). Zwei Jahre gilt Sidlers Bewilligung. Drei Bundesordner mit Auflagen und Lehrplänen des Kantons Luzern hat sich Kerstin Sidler bestellt, um über die Schule Bescheid zu wissen. «Im Moment lernt Antonia all das was sie wirklich möchte und ihr gefällt», sagt Franz «Sidi» Sidler, Antonias Vater.

Natürliches Lernen, nennt er es. So wie es Kleinkinder täten, wenn sie zu laufen beginnen, zu sprechen, zu fragen, die Welt zu entdecken. «Das Homeschooling ermöglicht uns das individuelle, begeisterte, natürliche Lernen.» Das Schulsystem erziehe die Kinder nach einem festen Schema, nur wenige Fächer zählen, die Persönlichkeit werde meist nicht angeschaut, sagt Sidi Sidler. Wer Hausaufgaben macht, wird belohnt – wer sie nicht macht, bestraft. Trimmen. Leistungsdruck. Noten.

Zoff wegen der Hausaufgaben

Wenn Sidi Sidler über die Schule spricht, schwingt auch Widerstand mit. Er redet von «da oben» und zeigt mit der Hand Richtung Dorfschule. Sidlers wohnen ein paar hundert Meter ausserhalb von Grosswangen, bewirtschaften einen Biohof auf einer Anhöhe. Die Eltern, die Schwester und ein Freund leben auf der Liegenschaft. Kühe, Geissen, Hühner. Antonia und ihre Brüder Elias (4), Roman (2?) und Oliver (9 Monate).

«Ich habe auf dem Hof ein ganz neues Leben kennen gelernt», sagt Kerstin Sidler. Wenn sich die promovierte Tierärztin an ihre Studienzeit zurückerinnert, dominiert ein Gefühl: Druck und Angst. «Damit möchte ich mit meinen Kindern ganz natürlich umgehen.» Und Sidi Sidler sagt: «Heute erkenne ich deutlich, dass Homeschooling einen Raum schaffen kann, um die Potenzialentfaltung eines Kindes in vielfältiger Weise zu ermöglichen.» Wenn der Meisterlandwirt an seine Schulzeit denkt, denkt er etwa an den Zoff mit seiner Mutter wegen Hausaufgaben «und des oft zeitraubenden Schulbesuchs».

Am Anfang habe sich der Entscheid, Antonia zu Hause zu unterrichten, auch gegen das Schulsystem gerichtet, sagt er. «Heute schauen wir auf uns. Wir sind überzeugt, dass wir das machen, was für uns stimmt. Egal, was die anderen denken.»

Grosseltern bekunden Mühe

Die anderen, das sind Sidis ehemalige Schulkameraden, Eltern, Freunde, Bekannte. Er wisse nicht, was im Dorf gesprochen werde. «Häufig kommt die Frage und die Angst um die fehlende Sozialisierung.» Auch Sidis Eltern haben Mühe mit dem Heimunterricht. «Sie haben Angst, dass aus ihrer Enkelin nichts Anständiges wird. Und dass sie sich in der Gesellschaft nicht zurechtfindet.» Aber Antonia nehme am gesellschaftlichen Leben teil. «Sie besucht den Turnverein, den Trachtenchor, den Malort, die Freundschaftskindergruppe und geht regelmässig mit der Grossmutter ins Altersheim.»

Neues Institut in Grosswangen

Seit sich Sidlers fürs Homeschooling entschieden haben, hat sich auch ihr Leben verändert. Sie vernetzen sich mit anderen Homeschoolern und lernen andere Schulformen kennen. So sind sie auch auf die Laisschule in Klagenfurt (A) gestossen und gründeten vor einigen Monaten das erste Lais-Institut Schweiz mit – nach dem Vorbild der pädagogischen Strömung aus Österreich. «Lernen und Leben – ganz natürlich» lautet der Grundsatz. Es finden regelmässige Treffen in ihrer Jurte in Grosswangen mit Gleichgesinnten statt. «Hier hat es Platz und Raum für den Austausch, neue Impulse und neue Wege zu gestalten», sagt Kerstin Sidler.

Tochter war nie in einer Klasse

Doch bleibt bei der Einstellung der Eltern nicht das Wichtigste auf der Strecke – Antonia? Ausser dem Vorkindergarten an einer alternativen Schule war sie nie in einem Klassenverband unter Gleichaltrigen. Kerstin sagt: «Wenn sie möchte, kann sie jederzeit die normale Schule besuchen.» Der Entscheid liege bei ihr. Im Moment scheint es Antonia ohne Schule zu gefallen. Sie balanciert auf einer Spanngurte im Garten zwischen zwei Zwetschgenbäumen. Zuvor besuchte sie mit der Grossmutter Pensionäre im Altersheim.

Angst, dass ihre Tochter einst im Berufsalltag nicht bestehen kann, haben Sidlers nicht. Wolle Antonia etwas über den Kaminfeger wissen, dann werde sie diesen beim nächsten Besuch fragen. Und Sidi fügt an: «Wenn Antonia was will, dann macht sie das auch. Ganz natürlich und ohne Druck und Zwang.» Und Antonia will jetzt auf 100 zählen. 1, 2, 3, 4, 5 ...

Christian Hodel

Heimunterricht ist beliebter denn je

Luzern chh. Es sind wenige, aber es werden immer mehr. 27 Kinder im Kanton Luzern werden im laufenden Schuljahr zu Hause unterrichtet. Vor einem Jahr waren es 19, vor fünf Jahren 13. Grund für die Zunahme ist eine Anpassung der Volksschulbildungsverordnung. Seit diesem Jahr wird laut Katrin Birchler, stellvertretende Leiterin der Dienststelle Volksschulbildung, für die Erteilung von Privatunterricht an die eigenen Kinder eine Matura sowie methodisch-didaktische Kenntnisse vorausgesetzt. Früher musste mindestens ein Elternteil die Ausbildung zum Lehrer auf der entsprechenden Stufe haben.

Unterschiedliche Regeln
In jedem Kanton gelten andere Voraussetzungen für den Heimunterricht. In Schwyz braucht es etwa ein Lehrerdiplom. In Zug, Uri, Nidwalden oder Obwalden wird Homeschooling auch dann nur in Ausnahmefällen zugelassen, wie den entsprechenden Verordnungen zu entnehmen ist. Überall sind Eltern verpflichtet, eine Planung über die Fächer vorzulegen, sich an den Lehrplan zu halten und den Leistungsstand zu erfassen. In Luzern prüft dies die Dienststelle für Volksschulbildung. Birchler: «Es findet jedes Jahr ein Unterrichtsbesuch statt.»

Pädagoge: «Nur in Ausnahmefällen sinnvoll»

Volksschule chh. Zum Thema Homeschooling gibt es in der Schweiz kaum empirische Daten. Heimunterricht ist vor allem in den USA eine Alternative zum staatlichen Bildungssystem. In der Schweiz sind die Zahlen steigend, aber tief – gut 500 Kinder werden zu Hause unterrichtet. Wohl auch darum, «weil wir eine qualitativ gute Volksschule haben», sagt Michael Zutavern, stellvertretender Rektor der Pädagogischen Hochschule Luzern. «Und, weil von Eltern verstanden und akzeptiert wird, warum es eine demokratisch verankerte gesetzliche Schulpflicht gibt.»

Verantwortung übernehmen
In der Schweiz ist die Erziehung der Kinder nicht nur reine Privatsache. «Mit der Volksschule trägt die Gesellschaft dazu bei, dass die Kinder einmal Verantwortung für sich und auch das Gemeinwohl übernehmen», sagt Zutavern. Weiter sei der Klassenverband an der öffentlichen Schule ein Übungsfeld für das Zusammenleben der verschiedenen Gesellschaftsschichten.

Rund 40 000 Schüler im Kanton Luzern besuchen eine öffentliche Schule. «Dabei geht es nicht nur um Noten und schon gar nicht um Drill», sagt Zutavern. Auch die Volksschule arbeite mit pädagogischen Konzepten, «die kinderorientiert sind». Heimunterricht erachte er «nur in Ausnahmefällen als sinnvoll». Etwa wenn Kinder krank oder derart beeinträchtigt seien, dass sie an der öffentlichen Schule nicht betreut werden können oder viel unterwegs seien, etwa bei Zirkuskindern.

Laut Zutavern gibt es aber weitere Gründe, die weniger nachvollziehbar seien, warum Eltern ihre Kinder selber unterrichten wollen. «In einigen Fällen verfolgen die Eltern ideologische oder gar fundamentalistische Ziele.» Dabei spielt oft die Religion eine Rolle. Andererseits gebe es Eltern, die Mühe mit der Volksschule haben und alternativen, pädagogischen Strömungen folgen würden. «Häufig kritisieren sie den Leistungsdruck und das Notensystem an der Volksschule», sagt Zutavern.

Kein Unterschied zu Volksschüler
In Luzern kann das Bildungs- und Kulturdepartement Bewilligungen für den Privatunterricht ausstellen. «Die Dienststelle Volksschulbildung prüft, ob die Lernziele der Volksschule eingehalten werden», sagt Zutavern. Weiter müssen die Eltern unter anderem auch die soziale Integration der Kinder gewährleisten können.

Doch haben die Homeschoolingschüler nach neun Schuljahren auch denselben schulischen und sozialen Reifegrad wie Volksschulabgänger? «Genaue Untersuchungen dazu gibt es nicht», sagt Zutavern. Aber in einer Masterarbeit an der Pädagogischen Hochschule Luzern wurde dies anhand fünf Familien untersucht. Das Fazit: Diese Homeschooling-Kinder hatten an öffentlichen weiterführenden Schulen, etwa am Gymnasium oder an der Berufsschule, weder mehr noch weniger schulische oder soziale Schwierigkeiten als Volksschulabgänger.