BILDUNG: Stadt spart beim Kindergarten

Die Kinder sollen nachmittags in grösseren Gruppen unterrichtet werden. Die Stadt Luzern will so rund eine Viertelmillion Franken sparen. Beim Lehrerverband stösst das auf Skepsis.

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Geplante Sparmassnahmen: Im Kindergarten soll es grössere Gruppen geben. (Symbolbild Neue LZ)

Geplante Sparmassnahmen: Im Kindergarten soll es grössere Gruppen geben. (Symbolbild Neue LZ)

Während über die Sparmassnahmen bei der integrativen Förderung oder bei Deutsch als Zweitsprache im Rahmen des Budgets 2016 noch abgestimmt wird, steht eine andere Massnahme im Bildungsbereich bereits fest: 2016/17 kürzt die Stadt die Lektionen der Kindergärtnerinnen. Dieses Sparziel soll durch die Vergrösserung von Gruppen erreicht werden.

Acht Kinder als neues Minimum

Schüler im obligatorischen Kindergarten besuchen an fünf Vormittagen und einem Nachmittag den Unterricht. Bis dato muss gemäss kantonalen Vorgaben beim geteilten Unterricht am Nachmittag eine Gruppe mindestens sechs Schüler gross sein. Ein Beispiel: Hat ein Kindergarten 18 Schüler, so werden für den Nachmittagsunterricht drei Gruppen gebildet. Ab dem neuen Schuljahr schraubt man diese Mindestzahl der Gruppengrösse in der Stadt Luzern auf acht hoch. SP-Stadträtin Ursula Stämmer sagt: «Die vom Kanton vorgegebene Mindestzahl darf nicht unterschritten werden, nach oben gibt es hingegen keine Grenzen, und diesen Spielraum wollen wir nutzen.» Will heissen: Bei 18 Kindern könnte es zum Beispiel zwei Neunergruppen geben. Stämmer: «Hier liegt der Spareffekt: Wenn nur noch zwei Gruppen geführt werden, reduziert sich die Lektionenzahl für die Kindergärtnerinnen.»

Keine Entlassungen vorgesehen

Noch ist unbekannt, wie viele der aktuell 128 Kindergartenlehrpersonen, die in unterschied­lichen Pensen arbeiten, direkt von der Sparmassnahme betroffen sein werden. Für Stämmer ist klar, dass grundsätzlich keine Entlassungen vorgesehen sind. Sie sagt: «Ich gehe davon aus, dass diese Reduktion mit natür­lichen Abgängen, Pensionierungen oder ge­wünschten Pen­sen­änderungen aufgefangen werden kann.» Stämmer ist sich bewusst, dass diese Pensen dann auf dem Stellenmarkt fehlen.

Annamarie Bürkli, Präsidentin des Lehrerinnen- und Lehrerverbands Luzern (LLV), weiss, dass sich viele von ihnen Sorgen machen. Sie befürchten, dass sie künftig Lektionskürzungen und demnach auch Lohneinbussen hinnehmen müssen. So spüre das Personal die Auswirkungen der Finanzpolitik zunehmend: Die Sparmassnahmen der letzten Jahre seien Abbaumassnahmen gewesen, und abgebaut wurden die Rahmenbedingungen bei gleicher Leistungserwartung, so Bürkli.

Charles Vincent, Leiter der Dienststelle für Volksschulbildung, sagt dazu: «Die Kindergartenlehrpersonen der Stadt Luzern werden vermehrt in der eigenen Klasse kein Vollpensum mehr unterrichten können.» Besteht der Wunsch, andere Klassen oder in Tagesstrukturen Lektionen zu übernehmen, sei das durchaus eine Option. So könnten beispielsweise Kindergärtnerinnen auch Deutsch als Zweitsprache unterrichten. Für Bürkli ist diese Idee nicht neu. «Es ist aber zunehmend so, dass die Pensensicherheit weiter abnimmt. Oft ist es der Fall, dass man in seiner Klasse das zugesicherte Pensum nicht unterrichten kann.»

Weniger Zeit für einzelne Kinder

Für die Kinder habe die Änderung keine Folgen, «ausser dass in den Nachmittagsgruppen mehr Kinder anwesend sein werden», so Stämmer. Dem widerspricht Annamarie Bürkli: «Es spielt sehr wohl eine Rolle, wie gross die Gruppe ist. Die Zeit, welche die Lehrperson mit dem einzelnen Kind verbringen kann, wird dadurch bestimmt.» Im Kindergarten in grösseren Gruppen zu lernen, sei insofern herausfordernder, als es Kinder gebe, die aufgrund des bisherigen Umfeldes den Rhythmus des Schulalltags nur mit grosser individueller Hilfe bewältigen könnten.

Offen ist noch, wie viele der mehr als 50 städtischen Kindergärten bei den Kürzungen der Nachmittagsgruppen betroffen sind. Die Anmeldefrist für den Kindergarteneintritt läuft noch bis zum 19. Februar. Erst dann ist klar, wie viele Kinder den obligatorischen Kindergarten starten. Und am 28. Mai ist dann auch die Klasseneinteilung in der Stadt Luzern definitiv.

Spareffekt ist noch unklar

Gemäss kantonaler Verordnung ist die Klassengrösse ab Schuljahr 2016/17 auf 16 bis 22 Kinder festgelegt. «Gibt es Klassen, welche die Minimalgrösse von acht Kindern pro Gruppe nicht erreichen – etwa wegen eines vorübergehenden Einbruchs der Geburtenzahlen –, werden Ausnahmen erwogen», sagt Stadträtin Stämmer. Wie viel Geld durch die Sparmassnahme letztlich eingespart wird, sei noch unklar. «Wie die Realität aussieht, kann man nicht vorhersehen. Die Hochrechnung von rund einer Viertelmillion Franken ist eine Prognose, die auf Annahmen basiert», sagt Ursula Stämmer. Deshalb habe der Stadtrat erklärt, dass mit gewissen Umsetzungsverlusten zu rechnen sei.

Die Wochenstundentafel der Kindergärten beträgt jetzt für den freiwilligen Kindergarten 20 Lektionen, für den obligatorischen 22. Im übernächsten Schuljahr wird die Stundentafel angepasst, wie Vincent erklärt: «Ab 2017/18 müssen sowohl im freiwilligen als auch im obligatorischen Kindergartenjahr 22 Lektionen unterrichtet werden, da eine Unterscheidung zwischen den Kindergartenjahren aufgrund des individuellen Eintrittsalters nicht mehr automatisch möglich ist.» Auswirkungen auf die Sparmassnahme hat das jedoch keine, da die Mindestzahl der Nachmittagsgruppen weiter bei acht Kindern bleiben wird.

Yasmin Kunz