BILDUNG: Unis überprüfen ihre Zulassungsbedingungen

Das Bundesgericht hat die Beschwerde eines deutschen Studenten gegen die Uni Luzern gutgeheissen. Der Entscheid hat auch Konsequenzen für andere Unis.

Roseline Troxler
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Die Universität Luzern wird nun die Vorbildung der Studienbewerber genauer prüfen. (Bild Dominik Wunderli)

Die Universität Luzern wird nun die Vorbildung der Studienbewerber genauer prüfen. (Bild Dominik Wunderli)

Das Bundesgericht hat einem deutschen Studenten Recht gegeben, der 2012 von der Universität Luzern abgewiesen wurde. Die Uni beurteilte die Vorbildung des Studenten als nicht ausreichend für die Aufnahme eines Studiums an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät. Das Luzerner Kantonsgericht muss den Fall nun erneut prüfen.

Was hält die Uni Luzern vom Entscheid des Bundesgerichts? Rektor Paul Richli sagt auf Anfrage: «Das Urteil des Bundesgerichts wirbelt im ganzen Land Staub auf. Dabei wird es überinterpretiert.» Es habe kaum Konsequenzen für die Uni Luzern. Beim Deutschen handle es sich um einen Spezialfall. «Normalerweise erfüllen die Ausweise aus Deutschland die Anforderungen der Zulassungsrichtlinien.»

Uni-Besuch in Deutschland möglich

Richli betont, dass es beim Urteil um die Vorbildung des Studienbewerbers ging. Der Student habe nur zwei statt drei Jahre Physik vorweisen können. «Er hatte in Deutschland die Berufsoberschule besucht und konnte mit dieser Ausbildung gar nicht durchgehenden Physikunterricht während dreier Jahre besuchen, was die Uni Luzern voraussetzt. In Deutschland jedoch erlaubte ihm der Abschluss den Zugang zu einer Universität.» Die Uni Luzern müsste laut Bundesgericht darlegen, dass der Ausweis inhaltlich nicht gleichwertig sei, das heisst, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen den allgemeinen Zulassungsvoraussetzungen bestehe, so Richli weiter.

Mobilität nicht erschweren

Das Urteil des Kantonsgerichts sei nicht im Sinne des Lissabonner Abkommens, schreibt das Bundesgericht weiter. Das Abkommen ist in der Schweiz seit 1999 in Kraft. Es soll den Austausch von Studenten in den Vertragsstaaten vereinfachen. Bei der Zulassung von ausländischen Studienbewerbern dürfe nicht «ein zu strenger Massstab angewendet werden, sollten Sinn und Zweck der Hochschulmobilität im europäischen Raum nicht übermässig erschwert werden», heisst es. Richli sagt: «Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass die Lissabonner Konvention grosszügiger interpretiert werden soll, solange dies nur die Vorbildung betrifft. Damit hat der Entscheid eine beschränkte Wirkung.» Mit dem Urteil sei nicht gesagt, dass sich die Lockerung künftig auch auf eine Quote von ausländischen Studenten und auf die Studiengebühren beziehe.

Zur Aufnahme an eine Uni braucht ein Bewerber ein Maturitätszeugnis oder einen gleichwertigen ausländischen Ausweis. Die Rektorenkonferenz der Schweizer Unis gibt für die Zulassung Empfehlungen ab. Die Unis können weitgehend in Eigenregie über die Zulassung entscheiden. Wird diese Praxis eingeschränkt? Richli sagt: «Wir werden unsere Zulassungsrichtlinien im Moment nicht anpassen. Dies würden wir sowieso nur in Koordination mit der Rektorenkonferenz tun. Die Richtlinien werden aber in Zukunft im Lichte des bundesgerichtlichen Urteils interpretiert.» Die Vorbildung müsse nicht generell grosszügiger geprüft werden. «Im Normalfall stellt sich diese Frage gar nicht.» Dennoch habe das Urteil gewisse Folgen. «Das Bundesgericht verlangt in Fällen wie beim deutschen Studienbewerber eine materielle Prüfung der Vorbildung. Dies kann, insbesondere wenn die Zeugnisse in anderen Sprachen verfasst sind, mit erheblichem administrativem Aufwand verbunden sein.»

«Restriktive Änderung ist möglich»

Antonio Loprieno, Präsident der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten, sagt: «Wir warnen vor einer allzu dramatischen Einschätzung des Urteils des Bundesgerichts. Der Entscheid lässt keine unmittelbaren und generellen Rückschlüsse auf die Zulassungspolitik an unseren Universitäten zu.»

Nach einer ersten Sichtung des Entscheids werde von Änderungen in der Zulassungspraxis abgesehen. «Wir sehen den Entscheid aber als Aufforderung des Bundesgerichts an die Unis, im Zweifelsfall eher einer grosszügigen Beachtung des Geistes der Lissabonner Konvention den Vorzug zu geben.» Nicht auszuschliessen sei, dass einige Unis aufgrund des Entscheides beschliessen könnten, bei Fragen wie Gebühren oder Quoten für Bildungsausländer vorsorglich eine restriktive Änderung der Praxis herbeizuführen.

Zur Forderung von Bildungspolitikern, die Lissabonner Konvention in Frage zu stellen, sagt Loprieno: «Das Abkommen ist ein Grundpfeiler des europäischen Hochschulraumes. Jetzt, da wir versuchen, als volle Mitglieder der europäischen Forschungsgemeinschaft wieder aufgenommen zu werden, wäre eine schweizerische Isolation eine denkbar schlechte Idee.»

Universitäten warten ab

Claudia Hiestand, Leiterin der Abteilung Studierende der Uni Zürich, sagt: «Die Universität Zürich geht davon aus, dass sie sich an die Lissabonner Konvention hält. Es wird aber notwendig sein, das Urteil genauer zu prüfen und den vom Bundesgericht geforderten nicht allzu strengen Massstab im Auge zu behalten.» Dies vor allem dann, wenn Bewerber den Zulassungsausweis auf dem zweiten Bildungsweg erworben haben.

Ähnlich äussert sich die Uni St. Gallen. Medienverantwortliche Annkathrin Heidenreich sagt: «Die Uni St. Gallen wird die Entscheide der Rektorenkonferenz verfolgen und beurteilen, ob Anpassungen bezüglich Anerkennung von Reifezeugnissen notwendig sind.» Die Uni St. Gallen kennt seit 50 Jahren eine Ausländerquote von 25 Prozent, da es mehr Interessenten als Studienplätze gibt. Die Uni Bern will im Moment keine Stellung nehmen.