BILDUNG: Viel Steuergeld, wenig Lehrlinge

Betriebe der öffentlichen Hand und Verwaltungen sehen sich in der Vorbildrolle. Trotzdem fallen sie durch verhältnismässig tiefe Lehrlingsquoten auf.

Yasmin Kunz
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Theatermaler Remo Traber (17) - hier bei der Arbeit in der Werkstatt im Tribschengebiet - ist einer von zwei Lehrlingen am Luzerner Theater. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Theatermaler Remo Traber (17) - hier bei der Arbeit in der Werkstatt im Tribschengebiet - ist einer von zwei Lehrlingen am Luzerner Theater. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Bei den grössten 100 Arbeitgebern der Zentralschweiz fällt auf: Es gibt Betriebe, die im Verhältnis sehr viele Lehrlinge ausbilden, und Firmen, die wenig bis keine Lehrlinge beschäftigen. Unter letzteren ist etwa das Luzerner Theater. Auf 405 Angestellte beschäftigt es nur zwei Lehrlinge (0,5 Prozent). Zum Vergleich: Die UBS Luzern mit 401 Angestellten bildet 76 Lehrlinge aus, was einem Gesamtanteil von 18,9 Prozent entspricht (Ausgabe vom 3. November).

Vier Lehrlinge in zehn Jahren

Das Luzerner Theater wird zu über 80 Prozent von der öffentlichen Hand finanziert. Der öffentliche Beitrag beläuft sich jährlich auf über 21 Millionen Franken. Sieht man sich dort angesichts der hohen Subventionen nicht in der Pflicht, als Ausbildungsbetrieb eine Vorbildfunktion einzunehmen? Peter Klemm, Technischer Direktor des Luzerner Theaters, ist sich im Klaren darüber, dass das Theater mehr für die Bildung tun müsste. «Das ist aber nicht einfach, denn wir können nicht locker über die finanziellen Mittel entscheiden», erklärt er.

Ein weiterer Grund für die tiefe Lehrlingsquote: Für die künstlerischen Berufe beim Theater gibt es keine Berufslehre. Erst seit knapp zehn Jahren bietet das Luzerner Theater überhaupt Ausbildungsplätze an. Seit 2005 kann man eine Lehre als Theatermaler absolvieren. Eher neu ist die Ausbildung zum Veranstaltungsfachmann. Diese gibt es in der Schweiz seit drei Jahren. Insgesamt hat das Luzerner Theater in den letzten zehn Jahren vier Lehrlinge ausgebildet.

Aktuell macht ein Lehrling die Ausbildung zum Theatermaler, und eine Lehrtochter erlernt den Beruf der Veranstaltungsfachfrau. Peter Klemm erklärt, weshalb in diesen Berufen nicht mehr Lehrlinge ausgebildet werden können: «Wir haben keine personellen und räumlichen Kapazitäten dafür.» Im Gegensatz zu anderen Betrieben, die Lehrlinge ausbilden, müssten am Luzerner Theater Personen die Berufsbildung übernehmen, die nebenher noch 100 Prozent arbeiten. «Wir können keine weiteren Stellenprozente für die Berufsbildung freigeben», sagt Klemm.

Kein Platz für KV-Lehrlinge

Neben diesen zwei Berufslehren könne man sich auch vorstellen, künftig einen kaufmännischen Lehrling (KV) aufzunehmen. Dass dies heute noch nicht funktioniert, hat laut Klemm einen einfachen Grund: «Wir haben keinen Platz.» Dennoch: Im Luzerner Theater sind weitaus mehr Berufsleute beschäftigt als nur Veranstaltungsfachleute und Theatermaler. Schreiner, die Kulissen bauen, Schneiderinnen, die Kostüme nähen. Weshalb wird in diesen Berufen nicht ausgebildet? Ein Schreiner im Theater habe andere Aufgaben als ein Schreiner in einem normalen Betrieb, erklärt Klemm. «Im Theater muss er beispielsweise eine Zauberkiste für ein Märchen schreinern und damit hauptsächlich auf den künstlerischen Prozess eingehen können.» Die Bandbreite einer regulären Schreinerlehre könne im Theater nicht abgedeckt werden.

VBL beschäftigt 13 Lehrlinge

Andere Luzerner Firmen, die ebenfalls massgeblich von der öffentlichen Hand mitgetragen werden, setzen stark auf die Ausbildung von Nachwuchs. Bei den Luzerner Verkehrsbetrieben (VBL), deren Aktien zu 100 Prozent im Besitz der Stadt Luzern sind, habe die Lehrlingsausbildung einen hohen Stellenwert, sagt Sprecher Christian Bertschi: «Es ist uns wichtig, guten Nachwuchs zu generieren.» Die VBL beschäftigen insgesamt 456 Angestellte, davon rund 330 Chauffeure. Aktuell absolvieren 13 Personen eine Lehre im kaufmännischen Bereich, in der Informatik oder als Automobilfachmann/Automechatroniker. Das entspricht einem Anteil von 2,8 Prozent (siehe Tabelle). Für den Chauffeur-Beruf gibt es keine Lehre. Rechnet man die Chauffeure nicht ein, kommen die VBL auf eine Lehrlingsquote von 10 Prozent. «Das ist für uns ein idealer Anteil für eine gute Qualität in der Lehrlingsausbildung», sagt Bertschi.

EWL (Energie Wasser Luzern) ist ebenfalls zu 100 Prozent in Besitz der Stadt Luzern und beschäftigt aktuell 266 Angestellte. Erika Bättig, Verantwortliche Berufsbildung, sagt: «Wir bilden unsere Zukunft aus, deswegen ist uns die Qualität der Lehrlingsausbildung sehr wichtig.» Mit 17 Lehrlingen in den Berufen Logistiker, Elektroinstallateur, Netzelektriker, Elektroplaner, Informatiker und im KV seien sie derzeit gut ausgelastet, sagt sie. Die Anzahl Lehrlinge sei auch von der Nachfrage abhängig. So habe man vor ein paar Jahren die Lehrstellen im KV- Bereich von drei auf sechs aufgestockt, erklärt Bättig.

Zug ködert Berufsbildner

Mehr Spielraum für die Anstellung von Lehrlingen haben die Verwaltungen. Beim Kanton Zug erhalten Lehrlingsausbildner zehn Stellenprozente für die Betreuung eines Lehrlings. Fabio Lanfranchi, Leiter des Personalamts Zug, sagt: «Wir wollen damit einen Anreiz schaffen, Lehrlinge auszubilden.» Er betont, dass man betreffend Ausbildungsauftrag ein Vorbild für die Privatwirtschaft sein wolle. «Wir geben beispielsweise auch den schwächeren Schülern eine Chance, eine kaufmännische Lehre zu machen.»

Insgesamt arbeiten 1185 Angestellte bei der Zuger Kantonsverwaltung, 39 davon sind Lehrlinge in acht verschiedenen Berufsfeldern. Der Gesamtanteil der Lehrlinge beträgt demnach nur rund 3,3 Prozent. Lanfranchi: «Momentan können wir nicht mehr ausbilden, weil die Ressourcen fehlen.» Zudem müssten auch immer geeignete und motivierte Berufsbildner gefunden werden. «Diese lassen sich aufgrund steigender Arbeitslast nicht mehr so leicht finden.»

Luzern hat massiv ausgebaut

Auch die Luzerner Verwaltung will in der Berufsbildung mit gutem Beispiel vorangehen. Roland Haas, Leiter der Dienststelle Personal des Kantons Luzern, sagt: «Die Verwaltung agiert flexibel auf aktuelle Gegebenheiten, so haben wir in den Jahren 2007 bis 2010 massiv mehr Lehrstellen geschaffen, weil die Nachfrage gestiegen ist.» Auch in Luzern bietet man vermehrt Lehrstellen für schwächere Schüler an.

Derzeit beschäftigt die Verwaltung 3175 Angestellte und 169 Lehrlinge. Das entspricht einem Gesamtanteil von 5,3 Prozent. Die Verwaltung legt jedoch Wert darauf, dass die Quote der Lehrlinge anhand der 2574 Hundertprozentstellen berechnet wird. Dies ergibt dann einen Gesamtanteil von 6,5 Prozent. Für Roland Haas ist das eine gute Bilanz. Dass in privatwirtschaftlichen Betrieben teilweise jeder Fünfte ein Lehrling ist, führt Haas auf die strukturellen Gegebenheiten zurück. In einigen Berufsfeldern könnten die Lehrlinge schon früh Aufgaben selbstständig erledigen. Bei der Verwaltung sind rund 50 Prozent der Lehrstellen im KV-Bereich. Neben dem KV bietet die Verwaltung 19 weitere Lehrberufe an, unter anderem Elektroniker, Gemüsegärtner, Mediamatiker.

* Regionale Niederlassung.

* Regionale Niederlassung.

** Auswahl (Firmen/Institutionen im Besitz der öffentlichen Hand oder mehrheitlich von ihr subventioniert).
*** Ohne Polizeiangehörige, Lehrer und Spitalangestellte.

** Auswahl (Firmen/Institutionen im Besitz der öffentlichen Hand oder mehrheitlich von ihr subventioniert). *** Ohne Polizeiangehörige, Lehrer und Spitalangestellte.