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BILDUNG: Weniger Schüler ohne Lehrstelle

Der Kanton Luzern zählt knapp 5000 Lehrstellen, aber nur 3200 Schulabgänger. Dieses Verhältnis spielt den ­Jugendlichen in die Hand – nicht aber den Lehrbetrieben.
Yasmin Kunz
Hat seinen Ausbildungsplatz bereits gefunden: Joshuan Brenner (16) absolviert das erste Lehrjahr bei der Bäckerei Brunner in Dierikon.

Hat seinen Ausbildungsplatz bereits gefunden: Joshuan Brenner (16) absolviert das erste Lehrjahr bei der Bäckerei Brunner in Dierikon.

Yasmin Kunz

Noch genau vier Wochen und zwei Tage – dann ist es im Kanton Luzern für rund 3200 Schüler so weit: Sie schliessen die obligatorische Schulzeit ab. Der Grossteil der Schulabgänger startet demnächst eine Grundausbildung, 627 Schüler sind noch auf der Suche nach einer Lehrstelle. Ein Teil davon wird nächstes Jahr ein kantonales Brückenangebot besuchen. Wie viele Schulabgänger von der dritten Oberstufe ins Gymnasium wechseln, konnte die Dienststelle Gymnasialbildung gestern nicht in Erfahrung bringen.

Luzern: 300 Schüler weniger

Fakt ist: Per Ende Mai bewilligte die Dienststelle Berufs- und Weiterbildung 3502 Lehrverträge. Im Vergleich zum Mai des vergangenen Jahres sind das 408 Lehrverträge weniger. Das liegt gemäss der Dienststelle daran, dass die Zahl der Schulabgänger tiefer liegt als im Jahr zuvor. Schlossen im Schuljahr 2014/15 noch 3500 Schüler die Volksschule ab, sind es heuer 300 weniger.

Christof Spöring, Leiter der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung, rechnet, dass bei Lehrbeginn im Sommer rund 200 Lehrstellen weniger besetzt sein werden als im Vorjahr. Weil weniger Schüler eine Lehrstelle suchen, hat sich der Druck auf die Betriebe verstärkt. Insbesondere schwierig ist es für Branchen, Lehrlinge zu finden, welche eine vierjährige Ausbildung absolvieren wie etwa Polymechaniker. Grund sind die hohen Ansprüche an die schulischen Kompetenzen, schreibt Spöring in der Mitteilung.

Zahl der Bewerbungen nimmt ab

Die Albrecht Wüthrich Maschinen und Mechanik AG in Wolhusen kennt das Problem. Die Firma bietet jedes Jahr eine Lehrstelle als Polymechaniker an. Heuer konnten sie die Stelle nicht besetzen. Sara Wüthrich, Inhaberin des 22-Mann-Betriebs, sagt: «Wir erhielten mehr als eine Handvoll Bewerbungen, aber das Profil der Kandidaten hat nicht mit den Anforderungen übereingestimmt.» Dabei spiele die Dauer der Grundausbildung eine untergeordnete Rolle, wie Wüthrich vermutet. «Ich habe eher das Gefühl, dass jene Schüler, die für die Lehre geeignet wären, ans Gymnasium abwandern.» Die Anfragen betreffend Lehrstellen sei bei der Firma Wüthrich rückläufig. «Die Lehre hat an Wert verloren. Lehrer und Eltern ermutigen gute Schüler häufig dazu, nach der Schule ein Studium aufzunehmen, weil eine Lehre als zu wenig oder minderwertig eingestuft wird», deutet Wüthrich die Gründe für den Rücklauf an Bewerbungen. Wenn möglich würden sie für die Ausbildung einen Niveau-B-Abgänger, welcher in einzelnen Fächern das Niveau A besucht hat, einstellen, «aber auch ein guter Schüler, der in allen Fächern das Niveau B besucht, hat bei uns Chancen auf die Lehrstelle».

Wichtig seien, neben den mathematischen Fähigkeiten und dem technischen Verständnis, auch die sozialen Kompetenzen. Diese werden unter anderem in der fünftägigen Schnupperwoche geprüft. «Jeder, der sich bei uns für eine Lehrstelle bewirbt, muss eine Woche im Betrieb arbeiten. Nur so sehen wir, ob die Jugendlichen die nötigen Fähigkeiten mitbringen und zu uns passen.»

Viele Bewerber sind ungeeignet

Nicht anders läuft es in der Bäckerei Brunner in Dierikon. Auch dort müssen Anwärter auf die dreijährige Lehre zum Bäcker/Konditor eine fünftägige Schnupperlehre absolvieren. Bei Joseph Brunner, Geschäftsführer von 12 Angestellten, sind dieses Jahr rund 20 Bewerbungen für die Lehrstelle eingetroffen – ähnlich wie in den Vorjahren. Dennoch musste Brunner allen eine Absage erteilen: «Es hat sich keine geeignete Person unter den Bewerbern befunden.» Die meisten, so Brunner, sind an den mathematischen Kenntnissen gescheitert. «Mathematik ist für einen Bäcker/Konditor unabdingbar: Er kann nicht ständig mit dem Taschenrechner in der Bäckerstube Mengen berechnen.» Die meisten Bewerbungen seien von Niveau-C-Schülern gekommen. Würden diese Schüler gute Noten in Mathematik mitbringen und sich beim Schnuppern bewähren, hätten auch sie eine Chance.

Zudem stellt Brunner bei den Schülern oft mangelndes Interesse an einer Lehrstelle fest. «Nur eine Bewerbung an den Betrieb absenden, reicht nicht. Persönliches Nachfragen und sich vorab mit dem Beruf befassen, ist ebenso wichtig», sagt er. Ab August bildet Brunner dennoch einen Lehrling aus, den er von einem anderen Bäckerbetrieb übernimmt.

Übernahmen in Gefahr

Gaudenz Zemp, Direktor des Luzerner Gewerbeverbands und FDP-Kantonsrat, ist überzeugt, dass das duale Bildungssystem gut in der Gesellschaft verankert ist und auch zielstrebig vermarktet wird. Dennoch räumt er ein, dass es für gewisse Berufsgruppen schwierig ist, die Lehrstellen zu besetzen. «Berufe wie Gipser und Metzger geniessen in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft zu Unrecht wenig Prestige.» Dies führe dazu, dass diese Branchen Mühe bekunden, Lehrlinge zu finden. Langfristig könnte sogar das Bestehen von Betrieben in Gefahr sein. «Wenn der Nachwuchs fehlt, gibt es auch niemanden mehr, der das Geschäft einst übernehmen kann.» Das Szenario trifft insbesondere Betriebe auf dem Land.

Um die Lehre auch weiterhin zu stärken, unternehmen die Berufs- und Gewerbeverbände viel, wie Gaudenz Zemp sagt. So gehen sie beispielsweise als Botschafter in Schulen oder organisieren Lehrstellenparcours, wo die Schulabgänger Einblick in die Betriebe ihrer Region erhalten. Dass das Gymnasium das duale Bildungssystem schwächt, glaubt Gaudenz Zemp jedoch nicht. «Die Maturandenquote ist in den letzten Jahren mit etwa 19 Prozent stabil geblieben.»

Noch 1000 freie Lehrstellen

Aktuell sind im Kanton von rund 4800 Lehrstellen noch ungefähr 1000 offen. Für die 627 Schüler ohne Stelle sind das vielversprechende Aussichten.

Christof Spöring sagt: «Schätzungsweise finden 20 bis 30 Prozent dieser Schüler noch einen Ausbildungsplatz.» Etwa 400 Schüler werden ein Brückenangebot absolvieren. Die Gründe, dass es bei ihnen nicht klappt, kennt Spöring: «Die einen sind zu wenig reif für eine Lehre, andere weisen noch schulische Defizite auf.» Tendenziell stellt Spöring fest, dass die Zahl der Anmeldungen für das Zwischenjahr abnimmt. Zum Vergleich: Letztes Jahr meldeten sich 28 Jugendliche mehr an. Spöring führt diesen Rücklauf auf die Anstrengungen aller Beteiligten am Berufswahlprozess zurück.

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