BILDUNG: Werden Lehrer ungenügend vorbereitet?

Lehrer stossen oft an ihre Grenzen, wenn sie ihre erste Stelle antreten – und viele steigen wieder aus. Die Ausbildung sei praxisfern, sagen junge Lehrer.

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Armin Weingartner (56), Mentor an der PH Luzern, bespricht mit einer Studentin deren Praktikum. (Bild Dominik Wunderli)

Armin Weingartner (56), Mentor an der PH Luzern, bespricht mit einer Studentin deren Praktikum. (Bild Dominik Wunderli)

Yasmin Kunz

Immer mehr wollen Lehrer oder Lehrerin werden. Für das kommende Jahr verzeichnet die Pädagogische Hochschule (PH) Luzern 467 Neuanmeldungen. Insgesamt absolvieren aktuell 1889 Studenten die Lehrerausbildung (Ausgabe vom Montag). Die PH Luzern boomt, was erstaunt angesichts der Zahlen des Bundesamts für Statistik: Rund 16 Prozent der frisch ausgebildeten Lehrer steigen im ersten Berufsjahr aus. In den ersten fünf Jahren verlassen landesweit sogar 30 Prozent den Lehrerberuf.

Über 80 Prozent bleiben

Auch die Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern hat die sogenannte Verweildauer der Lehrer mit einer unbefristeten Anstellung im Beruf erfasst. Im Schuljahr 2013/14 haben im Kanton Luzern 161 Lehrer gekündigt. 98 davon hatten maximal fünf Jahre als Lehrer gearbeitet. Und von diesen waren 31 nicht älter als 30 Jahre. Diese Statistik ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Denn als Austritt werden alle Lehrer erfasst, die gekündigt haben, also auch jene, die andernorts eine neue Anstellung als Lehrer antreten. Der Kanton Luzern zählt rund 5000 Lehrer auf der Volksschule. Davon haben rund 2700 ein unbefristetes Verhältnis mit einem Pensum von über 15 Prozent.

Michael Zutavern, Prorektor der PH Luzern, bezieht sich bei den Aussteigern auf die Zahlen der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF). Diese zeichnen ein etwas anderes Bild als jene des Bundes. Im SKBF-Bildungsbericht 2014 heisst es: «Die Lehrpersonenausbildung zeichnet sich durch eine relativ hohe Berufseintrittsquote aus.» Demnach würden 80 Prozent der PH-Absolventen auch ihre erste Stelle im Bildungsbereich antreten. Weiter schreibt die SKBF, dass während der ersten fünf Berufsjahre nur eine geringe Ausstiegsquote festzustellen sei.

Berufsausstieg wegen Eltern

Präzise Zahlen zu Aussteigern aus dem Lehrerberuf sind also nicht erhältlich. Dennoch kann abgeleitet werden, dass viele Lehrer ihren Beruf nach wenigen Jahren wieder an den Nagel hängen. Warum verlassen sie teils kurz nach dem Studium das Schulzimmer? Laut dem SKBF-Bericht sind unter anderem folgende Austrittsgründe festgehalten: begrenzter Arbeitsvertrag, Wunsch nach einem Berufswechsel, unbefriedigende Arbeitsbedingungen. Und was sagen Aussteiger selber über ihre Beweggründe? Unsere Zeitung hat mehrere ehemalige Lehrer befragt. Zwar will niemand mit Namen in der Zeitung erscheinen. Doch alle geben an, wegen schwieriger Elternarbeit, fehlender Aufstiegsmöglichkeiten und zu grossem administrativem Aufwand den Beruf verlassen zu haben. Auf solche Situationen werde man im Studium zu wenig vorbereitet, sind sich die Aussteiger einig.

Michael Zutavern sagt dazu: «Ein Viertel der Ausbildung findet in den Praxisschulen statt. Themen wie Elternarbeit und Umgang mit Belastung haben zudem einen hohen Stellenwert. In jedem Beruf ist der Einstieg herausfordernd – wir versuchen aber laufend, die aktuellen Anforderungen an die Junglehrer zu berücksichtigen.» Die PH würde eng mit den Kantonen und Praxisschulen – also Schulen, an denen angehende Lehrer Praktika absolvieren – zusammenarbeiten, und Dozenten seien während der Praktika viel in den Schulen, so der Prorektor.

Lehrerin: «Ungenügend vorbereitet»

Tabea Küffer (29) arbeitet seit drei Jahren als Sekundarlehrerin an verschiedenen Schulen im Kanton Luzern. Sie erklärt, weshalb sie sich für den Berufsalltag nicht gewappnet fühlte: «Ich wusste ganz genau, wie ich didaktisch und inhaltlich Lektionen aufbereiten musste, doch auf die administrative Arbeit war ich nicht genügend vorbereitet.» Die 29-Jährige fragt sich, ob die Didaktik in der Ausbildung vielleicht nicht einen zu hohen Stellenwert erhält.

Dem pflichtet auch Livia Sabini (25) bei, welche die PH vergangenen Januar abgeschlossen hat: «Ich habe das Gefühl, dass viele Dozenten sich nicht im Klaren darüber sind, dass die Theorien, welche sie vermitteln, der Realität oft nicht standhalten.»

Tabea Küffer schätzte den einwöchigen Vorbereitungskurs für Junglehrer an der PH. «Der hat mir wirklich geholfen, im Alltag besser klarzukommen. Denn eine offizielle Ansprechperson, ein sogenannter Mentor, hat mir in meinem ersten Berufsjahr gefehlt.»

Armin Weingartner (56) ist in der Ausbildung an der PH in Luzern als Mentor sowie als Praxislehrer in Neuenkirch tätig. Er betreut künftige Lehrer unterschiedlichen Semesters. Er weiss, dass die Studenten nur am Rande mit dem administrativen Teil des Lehrerjobs in Kontakt kommen. «Im siebten Semester beschäftigen sich die Studierenden mit der Schule als lernendes System. Dadurch werden sie sensibilisiert auf Prozesse, die in den Schulen neben dem eigentlichen Unterricht ablaufen – das genügt auch, finde ich.» Weingartner findet, dass die PH «enorm viel für zukünftige Lehrpersonen macht». Der Berufspraxis falle ab Studienbeginn ein hohes Gewicht zu. «Ich bin sicher, dass die PH für unsere Volksschule mittelfristig eine grosse, vielleicht gar die entscheidende Innovationsquelle darstellt.»

Perfekte Vorbereitung «unmöglich»

Zufrieden mit seiner Ausbildung ist denn auch Oliver Marty (28), der sein Seklehrerstudium an der PH Luzern vor vier Jahren abgeschlossen hat: «Die PH hat mir wichtige Tipps zum Unterrichten gegeben.» Dass die PH einen optimal auf den Unterrichtsalltag vorbereiten könne, sei unmöglich, sagt Marty, der in Zug unterrichtet. «Ein Studium von neun Semestern reicht da schlicht nicht. Es braucht Praxiserfahrung, um im Beruf zurechtzukommen.» Was ihm den Arbeitseinstieg erleichtert hat, war sein Mentor (siehe Box). «Er hat mich sehr gut in den Arbeitsalltag eingeführt.»

 

Gute Erfahrungen mit Mentoren

kuy. Bei Anstellungen von berufseinsteigenden oder neu eingestellten Lehrern ist in der Regel die Schulleitung für die Arbeitsplatzeinführung zuständig. An den meisten Schulen überträgt sie diese Betreuung einem Mentor. Den Lehrern stehen zudem verschiedene Informations- und Unterstützungsangebote kostenlos zur Verfügung.

Auch die Schule profitiert

Sehr gute Erfahrung mit Mentoren hat die kooperative Oberstufe der Stadtschulen Zug gemacht. Schulleiter Hugo Hayoz sagt: «Vor allem am Anfang hat man einen Berg von Arbeit vor sich. Da hilft es, wenn erfahrene Lehrpersonen den neuen unter die Arme greifen und sie in die Schulhauskultur oder auch in kantonale Reglemente einführen.» Gegenüber jeder neu angestellten Lehrperson gehe man eine Verpflichtung ein, so Hayoz. «Indem wir die Neulinge an unserer Schule gut betreuen, können wir auch die meisten behalten. Für die Schule ist das eine Win-win-Situation.»

Allerdings hat das Mentoren-System auch seinen Preis: Gemäss Hayoz entschädigt die Zuger Schule ihre Mentoren mit 45 Franken pro Stunde.