BISCHOF KURT HOCH: «Ein Rückschritt? Das ist nicht hilfreich»

Bischof Koch verwahrt sich gegen die Kritik, die Kirche werde immer konservativer. Die geplante Änderung der Beichtpraxis sei vielmehr ein menschliches Bedürfnis.

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Bischof Kurt Koch: «Wer alles für gut hält, weil es einma eingeführt worden ist, wird jede Änderung als Rückschritt empfinden.» (Bild Pius Amrein/Neue LZ)

Bischof Kurt Koch: «Wer alles für gut hält, weil es einma eingeführt worden ist, wird jede Änderung als Rückschritt empfinden.» (Bild Pius Amrein/Neue LZ)

Bischof Kurt Koch, wann haben Sie eigentlich das erste Mal gebeichtet?
Kurt Koch: Vor der ersten Heiligen Kommunion. Die Schweizer Bischofskonferenz hat in einem Dekret erlassen, dass Sünden nicht mehr an einer gemeinsamen Bussfeier erlassen werden, sondern dass es dazu die persönliche Beichte braucht. 

Weshalb soll die bislang bewährte Praxis auf den Kopf gestellt werden?
Koch: Die Normen von 1989 waren damals schon an restriktive Bedingungen gebunden, die freilich nur zu Beginn verwirklicht wurden. Die Schweiz ist beinahe das einzige Land, in dem diese Praxis weitergeführt worden ist, allerdings nicht in allen Bistümern. Da es sich bei einem Sakrament um eine sehr ernste Wirklichkeit handelt, ist eine schwer nachvollziehbare Situation entstanden, wenn allein in der Schweiz in einem Bistum eine Feier als sakramental gilt und in einem anderen nicht. Auch diese Situation hat ein Überdenken veranlasst und schliesslich zu neuen Richtlinien geführt.

Wo liegt für die Bischöfe aber das eigentliche Problem?
Koch: Die sogenannte «Generalabsolution» ist nicht das eigentliche Problem, sondern das kollektiv vollzogene Sündenbekenntnis. Dass das persönliche Sündenbekenntnis wesentlich zum Busssakrament gehört, ist nicht eine willkürliche Festlegung der Kirche, sondern entspricht bereits dem Wesen des Menschen. Diesbezüglich habe ich vom französischen Philosophen Paul Ricoeur sehr viel gelernt.

Der Theologe Hans Küng übt in unserer Zeitung scharfe Kritik am Dekret und bezeichnet es als «Ausdruck der allgemeinen Restaurationshysterie». Schwenkt die Katholische Kirche auf einen konservativen Kurs ein?
Koch: Es erstaunt mich, wenn sich Theologen gar nicht auf die theologischen Fragen einlassen, sondern nur formal nach Fortschritt und Rückschritt fragen - ohne die Kriterien zu benennen, nach denen sie urteilen. Ich halte deshalb «fortschrittlich» oder «rückschrittlich» nicht für hilfreiche Kriterien.

Warum nicht?
Koch: Sie sind eine Sache des persönlichen Standorts. Wer alles für gut hält, weil es einmal eingeführt worden ist, wird jede Änderung als Rückschritt empfinden. Wer jedoch bereit ist, auf gemachte Erfahrungen auch selbstkritisch zurückzublicken, sich neu zu orientieren und eine Änderung vorzunehmen, wird viel differenzierter urteilen.

Läuft die Katholische Kirche dabei nicht Gefahr, dass Bussfeiern künftig schlechter besucht werden?
Koch: Wenn selbst Theologen wie Hans Halter und Hans Küng nur in Alles-oder-Nichts-Kategorien zu denken scheinen, besteht die Gefahr, dass auch Gläubige in einer Bussfeier ohne sakramentale Absolution nicht mehr viel Sinnvolles wahrnehmen können. Diese Sicht - entweder Sakrament oder nichts - , die auch in anderen Zusammenhängen bei uns immer wieder ins Feld geführt wird, ist mit bestem Recht von namhaften Pastoraltheologen wie Paul M. Zulehner immer wieder kritisiert worden. Auch wir Bischöfe sind überzeugt, dass Bussfeiern nach wie vor sinnvolle Gottesdienste sind, und wir wollen sie bewusst fördern.

Der Wechsel bringt eine Mehrarbeit für die Priester. Wie soll das angesichts des Priestermangels bewältigt werden?
Koch: Ehrlicherweise muss daran erinnert werden, dass auch bei der bisherigen Regelung für einen Menschen, der sich einer schweren Schuld bewusst ist, die Pflicht zur Einzelbeichte bestanden hat. Nach der jetzigen Regelung wird jeder Gläubige selbst entscheiden können, wann für ihn das Beichtgespräch und wann die Bussfeier der richtige Ort ist. Zudem höre ich von vielen Seelsorgenden immer wieder die Klage, dass sie mit zuviel Organisation und Verwaltung beschäftigt seien und dass die Seelsorge zu kurz komme. 

Noch einmal: Für die Seelsorge fehlen doch immer mehr die Seelsorger.
Koch: Die Beichtpastoral ist ein besonders anspruchsvoller seelsorgerlicher Dienst, so dass vielleicht erneut die Frage nach den Prioritäten überdacht werden muss. Zu denken ist aber auch an Beichtzentren, wo Priester für diese Aufgabe vornehmlich zur Verfügung stehen können.

Frauen tun sich immer wieder schwer, gegenüber Männern zu beichten. Können Sie, Bischof Koch, sich vorstellen, dass künftig auch Frauen die Beichten abnehmen?
Koch: Ich hätte kein Problem, bei einer Frau zu beichten, wenn die Kirche dies so vorsähe. Da aber die Spendung des Bussakramentes an die Priesterweihe gebunden ist, in unserer Kirche aber die Priesterweihe für Frauen nicht vorgesehen ist, bleibt es letztlich eine theoretische Frage.

Sind für die Bischofskonferenz auch Online-Beichten denkbar wie sie beispielsweise das Kloster Einsiedeln mit dem «Goldenen Ohr» anbietet?
Koch: Beim «Goldenen Ohr» in Einsiedeln besteht die Möglichkeit zur Beichte nicht; es handelt sich vielmehr um ein schönes seelsorgerliches Angebot, das am ehesten mit der «Dargebotenen Hand» verglichen werden kann. Schuld und Bekenntnis von Schuld sind so urpersönliche Wirklichkeiten, dass sie auch die physische Präsenz der beteiligten Menschen voraussetzen. Bereits bei zwischenmenschlichen Beziehungen wäre es ja seltsam, wenn man über so persönliche Dinge via Internet ?kommunizieren? würde. Damit würde die Wahrnehmung der Realität noch mehr, als es bereits geschieht, ins Virtuelle verlegt.

Schwere Sünde, lässliche Sünde: Das sind Begriffe, die immer wieder für Verwirrung sorgen. Was ist denn eine schwere Sünde?
Koch: Von einer schweren Sünde muss man dort sprechen, wo eine schwer wiegende Angelegenheit (zum Beispiel der Angriff auf das Leben eines anderen Menschen) vorliegt, wo das Gewissen so gebildet ist, dass das Handeln als schwere Sünde eingesehen wird und wo wider besseres Wissen und Gewissen gehandelt wird. 

Und lässliche Sünden wären dann umgekehrt eigentlich harmlos?
Koch: Nein, auch lässliche Sünden sollte man nicht verharmlosen. Denn sie können zu einer schlechten Gewohnheit werden, so dass man im schlechten Sinn von «ver-lässlichen» Sünden sprechen müsste.

Der Papst verstärkt seine Präsenz im Internet, um mehr Gläubiger zu erreichen. So hat er jetzt beispielsweise einen eigenen Kanal auf Youtube. Ist dies auch für die Schweizer Bischofskonferenz ein Thema? 
Koch: Die finanziellen Mittel, die der katholischen Kirche in der Schweiz für die Medienarbeit zur Verfügung steht, sind verhältnismässig so klein, dass wir Bischöfe von solchen Projekten nicht einmal zu träumen wagen.

An immer mehr Schulen können die Schüler heute zwischen Religion und Ethik wählen. Sind Sie glücklich über diese Entwicklung?
Koch: Nein. Denn Religion ist sehr viel mehr und grösser als Ethik und kann durch Ethik nicht ersetzt werden. Ich bin der Überzeugung, dass derjenige am ehesten das Fach Religion vertreten kann, der ein inneres Verhältnis zu ihr hat  wie ein Turnlehrer wohl nur dann angestellt werden dürfte, wenn er gerne turnt.
 
Und was heisst das für Sie konkret?
Koch: Dies würde bedeuten, dass der Staat Religionsunterricht auch für Schüler, die in anderen Religionen beheimtatet sind, ermöglichen müsste. Wo der Staat diese Möglichkeit nicht sieht, ist es gewiss besser, Ethik zu unterrichten als überhaupt darauf zu verzichten.

Die Militäroffensive Israels im Gaza-Streifen sorgt für viel Leid. Es braucht dringend Hilfe. Spricht die Schweizer Bischofskonferenz auch Geld oder wird andersweitig Hilfe geleistet?
Koch: Die Schweizer Bischofskonferenz verfügt über sehr wenig Geld, so dass sie nicht in der Lage ist, hier wirksam zu helfen. Ich habe deshalb in der vergangenen Woche in meinem Bistum zu einem Kirchenopfer für das Caritas Baby Hospital aufgerufen, das sich in vorbildlicher Weise der Kinder, der Ärmsten der Armen annimmt.

Interview von Dominik Buholzer