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Mit Feuer gegen den Frost: Bise macht Luzerner Bauern zu schaffen

Nach frühlingshaftem Wetter sorgt ein Kaltlufteinbruch aus dem Osten für frostige Temperaturen. Darunter leiden die Obstkulturen. 

David von Moos
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Obstbauer Thomas Oehen und sein Sohn Yanik entzünden Frostschutzkerzen. Die freigesetzte Wärmeenergie hilft, die Kirschblüten frostfrei zu halten.

Obstbauer Thomas Oehen und sein Sohn Yanik entzünden Frostschutzkerzen. Die freigesetzte Wärmeenergie hilft, die Kirschblüten frostfrei zu halten.

Bild: Patrick Hürlimann (Aesch, 24. März 2020)

Nachdem es in der vergangenen Woche tagsüber jeweils frühlingshaft mild und oft sonnig war, stieg die Vorfreude auf die kommende Jahreszeit. Passend zum Wetter, war am Freitag auch noch astronomischer Frühlingsanfang. Doch nun hat der Wind gedreht, die milden Tage gehören der Vergangenheit an.

Statt mildem Klima aus dem Westen herrscht in der Schweiz seit Sonntag wieder frostiges Wetter. Aus nordöstlicher Richtung strömt reichlich kalte Luft in die Schweiz. «Die Bise führt Luftmassen arktischen Ursprungs ins Land, es wird markant kühler, und seit Montag muss im Flachland jeweils am Morgen mit Frost gerechnet werden», wie Meteorologe Roger Perret vom privaten Wetterdienstleister Meteonews sagt. Und auch tagsüber blieben die Temperaturen mit einstelligen Höchstwerten in einem kühlen Bereich. «Immerhin ist es bis Mitte Woche vielfach sonnig, die einfliessende Kaltluft ist trocken», so Perret. «Problematisch ist der Frost deshalb, als die Vegetationsentwicklung nach dem viel zu milden Winter schon weit fortgeschritten ist und die ersten Obstbäume kurz vor der Blüte stehen.» In milden Lagen blühten bereits Pfirsich- und Aprikosenbäume. «Hier könnte der Frost für grössere Schäden sorgen», warnt der Meteorologe. «Auch bei einigen früh blühenden Bäumen, wie den Magnolien, wird der Frost Spuren hinterlassen und für verfrorene und damit schwarz werdende Blüten sorgen.» Die Temperaturen erholten sich in der zweiten Wochenhälfte nur allmählich, die kühle Phase dauere somit recht lange.

Obstbauern stehen unter Zugzwang

Für Thomas Oehen, Obstbauer aus Aesch, bedeutet der Kälteeinbruch viel unvorhergesehene Arbeit. «Ich musste nun schnellstmöglich Schutzfolien für meine 0,5 Hektar grosse Kirschplantage aufspannen und diese mit Frostkerzen beheizen. Die Vorbereitungen dazu liefen in den vergangenen Tagen auf Hochtouren.» Daneben bewirtschaftet Oehen noch etwa 0,2 Hektare mit grossen Kirschbäumen, die er nicht schützen könne. «Dabei handelt es sich nicht um eine eigentliche Plantage, sondern um alten Baumbestand im Freiland draussen, der sich nur schlecht abdecken lässt.»

Offene Kirschblüten vertragen laut Obstbauer Oehen Kälte von bis zu maximal minus 2 Grad Celsius, geschlossene Blüten rund doppelt so viel. Besonders kritisch werde es bei Anbruch des Tages, dann seien die Temperaturen am Boden am tiefsten. «Sobald das Thermometer unter 0 Grad fällt, müssen wir handeln.» Dann zünde man die vorsorglich in den Pflanzungen verteilt bereitgestellten Frostkerzen an. Eine Frostkerze kostet gemäss Oehen rund 13 Franken. «Pro Hektare brauchen wir rund 300 Kerzen», wie der Obstbauer betont. Es gehe also schnell mal sehr viel Geld in Flammen auf. «Eine Kerze hat eine Brenndauer von bis zu zehn Stunden. Wenn es gut läuft, können wir die Kerzen ein bis zwei Nächte brauchen.» Wie wirksam Frostkerzen seien, lasse sich schon nach wenigen Tagen nach ihrem Einsatz überprüfen, so Oehen. «Gefrorene Blütenstände verfärben sich dunkel.»

Brennende Frostkerzen in der Kirschenplantage der Familie Bär in Opfershofen im Kanton Thurgau. Die vergangenen Nächte brachten für die Jahreszeit ungewöhnlich tiefe Temperaturen und gefährdeten damit die Ernte von Obstbauern. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone, Opfershofen, 7. Mai 2019)
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Sobald das Thermometer unter 0 Grad fällt, zünden die Bauern vorsorglich in den Pflanzungen verteilte Frostkerzen an. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone, Opfershofen, 7. Mai 2019)
Ob die Feuer entfacht werden, entscheidet sich kurzfristig. Eine Kerze kostet rund 15 Franken und oft werden Hunderte davon angezündet.» Es geht also noch schnell mal sehr viel Geld in Flammen auf. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone, Opfershofen, 7. Mai 2019)
Wie wirksam Frostkerzen sind, lässt sich schon kurz nach ihrem Einsatz überprüfen: Gefrorene Blütenstände verfärben sich dunkel. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone, Opfershofen, 7. Mai 2019)
Brennende Frostkerzen in der Kirschenplantage der Familie Bär in Opfershofen im Kanton Thurgau. Die vergangenen Nächte brachten für die Jahreszeit ungewöhnlich tiefe Temperaturen und gefährdeten damit die Ernte von Obstbauern. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone, Opfershofen, 7. Mai 2019)
Die Frostnächte Anfang Mai könnten verheerende Folgen für den Schweizer Obstbau haben. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone, Opfershofen, 7. Mai 2019)

Brennende Frostkerzen in der Kirschenplantage der Familie Bär in Opfershofen im Kanton Thurgau. Die vergangenen Nächte brachten für die Jahreszeit ungewöhnlich tiefe Temperaturen und gefährdeten damit die Ernte von Obstbauern. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone, Opfershofen, 7. Mai 2019)

In der Nacht auf Dienstag fiel das Thermometer bei Oehen auf rund minus 3 Grad Celsius. «Um 1 Uhr haben wir deshalb die Kerzen entzündet, so konnten wir die Temperatur in der Plantage um die 0 Grad Celsius halten.» Insofern sollte den Kirschen nichts passiert sein, hofft Oehen. «Wie es aussieht, werden wir die Situation aber wohl noch zwei Nächte lang im Auge behalten müssen.»

Dazu müssen die Wettervorhersagen genau verfolgt und die Temperaturen in den Pflanzungen laufend überprüft werden. «Dazu haben wir bei uns eine eigene Wetterstation in Betrieb», erklärt der Gelfinger Obstbauer Markus Thali, Präsident der Luzerner Obstproduzenten. «Sobald die Temperatur unter 0,5 Grad Celsius sinkt, gibt es einen automatischen Alarm aufs Natel.» Bei Thali sank das Thermometer in der Nacht auf Dienstag auf minus 3,5 Grad. «Als die Bise um 2 Uhr nachliess, haben wir die Frostberegnung in Betrieb genommen – zum allerersten Mal überhaupt.» Dabei werden Obstbäume mit feinen Wassertröpfchen besprüht, die entstehende Eisschicht schützt die Blüten vor Frostschäden.

Alternative zu Frostkerzen: Bei der Frostbewässerung werden Obstbäume mit feinen Wassertröpfchen besprüht, die Eisschicht schützt die Blüten vor Frostschäden.

Alternative zu Frostkerzen: Bei der Frostbewässerung werden Obstbäume mit feinen Wassertröpfchen besprüht, die Eisschicht schützt die Blüten vor Frostschäden.

Bild: Thomas Oehen (Aesch, 24. März 2020)

Bei Bise aber müsse man damit extrem vorsichtig sein, betont Thali. Das Gefrieren des Wassers entziehe der ohnehin schon kalten Luft Wärmeenergie. «Dann schadet man den Blüten mehr, als dass man sie schützt.» Ob es zu Schäden gekommen sei, könne man jetzt noch nicht sagen. Thali zeigt sich aber zuversichtlich: «Ich glaube, wir sind glimpflich davongekommen.»

Weinbauern bleiben entspannt

Eine Einschätzung der Lage sei im Moment schwierig, sagt Stefan Heller, Geschäftsführer des Luzerner Bauernverbands, auf Anfrage. «Dafür ist es noch zu früh. Wir müssen jetzt erst einmal abwarten.» Ähnlich sieht das Isabel Mühlenz von der Fachstelle Spezialkulturen des Kantons Luzern in Hohenrain: «In Abhängigkeit von der Art, dem Standort und dem Entwicklungsstadium der Pflanzen kann es im schlimmsten Fall schon zu Frostschäden kommen.» Aktuell blühten nur die Aprikosen, vereinzelt auch Kirschen. «Je weiter die Blütenknospen entwickelt sind, desto empfindlicher reagieren sie auf Frost. Blüten und junge Früchte sind anfälliger für Frost als geschlossene Blütenknospen», erklärt Mühlenz. Beatrice Rüttimann vom Schweizer Obstverband beschwichtigt: «Die Temperaturen sind nicht so tief gefallen wie erwartet. Im Moment ist es noch zu früh, um von Schäden zu sprechen.»

Von der Knospe zur Frucht: Entwicklungsstadien Kirsche.pdf

Keine Sorgen machen müssten sich die Luzerner Winzerinnen und Winzer, wie der für den Rebbau zuständige Beat Felder von der Fachstelle Spezialkulturen des Berufsbildungszentrums Natur und Ernährung des Kantons (BBZN) in Hohenrain sagt. «Beim Rebbau gibt es überhaupt keine Bedenken. Denn die Reben haben noch nicht ausgetrieben und sind deshalb gegenüber Frost noch relativ unempfindlich.»

Das Klima wird immer anspruchsvoller

Dennoch habe der milde Winter in der Pflanzenwelt seine Spuren hinterlassen, betont Felder. «Gegenüber dem Normalfall gibt es bei den Reben heuer einen Vorsprung von etwa vier Wochen, gegenüber dem Vorjahr von etwa zwei Wochen.» Erfahrungsgemäss könne man davon ausgehen, dass die gesamte Vegetation etwas weiter sei als im Vorjahr. «So weit wie jetzt sind die Pflanzen sonst eigentlich erst Ende April.» Auf solche Schwankungen müsse man sich allerdings einstellen, so Felder weiter. «Denn den Normalfall gibt es wegen der Klimaerwärmung und ihren Folgen praktisch nicht mehr.»

Davon, dass das Wetter den Obstbauern einen Strich durch die Rechnung macht, will Felder nichts wissen. Auch wenn die Vegetation schon weit fortgeschritten sei – «es ist normal, dass es um diese Zeit noch Frostnächte gibt. Das wissen die betroffenen Bauern und sollten entsprechend vorbereitet sein.»

Dennoch kann Felder die Sorgen der Landwirte verstehen: «In den letzten fünf Jahren gab es deren drei mit Frostschäden. Das beunruhigt die Leute.» Aber wenn man die Erhebungen der vergangenen Jahre anschaue, sehe man, dass es eigentlich keinen Zusammenhang zwischen Austriebzeitpunkt und Frostschäden gibt. «Das heisst, es kann sowohl bei einem frühen als auch bei einem späten Austrieb zu Frostschäden kommen.»

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