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Kolumne

«Stadtwärts»: Bitte aussteigen

Simon Mathis ist begeisterter Benutzer des öffentlichen Verkehrs – doch im Zug ist er mucksmäuschenstill.
Simon Mathis
Simon Mathis.

Simon Mathis.

Der Zugwagon ist nichts Geringeres als ein Mikrokosmos des Lebens. Dies habe ich einst von einem Chemielehrer gelernt. Zu meiner Schande habe ich vergessen, welches Prinzip er mit diesem Ausspruch verdeutlichen wollte. Jedenfalls ging es darum, dass sich bestimmte Teilchen genau so bewegen wie Menschen beim Einsteigen in den Zug: Jedes Individuum schnappt sich ein leeres Abteil. Und erst, wenn in restlos allen Abteilen eine Person sitzt, gesellt man sich zu einem seiner Mitmenschen.

Als begeisterter öV-Fahrer habe ich diesen Vorgang gut 20 Jahre lang zwischen Wolfenschiessen und Luzern beobachtet – und auch fleissig selbst an ihm teilgenommen. Noch etwas anderes ist mir aufgefallen: In den Schweizer Zügen ist’s ruhig. So ruhig, dass es fast gespenstisch wirkt. In einem Reiseführer für die Schweiz habe ich einmal gar sinngemäss gelesen: «Die Schweizer schätzen die Stille im öffentlichen Verkehr, also verhalten Sie sich bitte möglichst leise.»

Ich selbst gehöre zur Gattung der mucksmäuschenstillen Zugfahrer. Mein Gesicht verstecke ich hinter einem Smartphone, meine Ohren verdecke ich mit dicken Kopfhörern. Sonst kommt noch jemand auf die vermessene Idee, mich anzusprechen – ein weiteres unausgesprochenes öV-Tabu. Was im Grunde schade ist. Aber eben: Der Zugwagon ist ein Mikrokosmos des Lebens.

Das bisher treffendste Zug-Sinnbild erlebte ich vor kurzem, als ich beim Bahnhof Luzern ausstieg. Ich war der Einzige an der Tür und trat nach draussen. Dort wartete eine Menschentraube auf Einlass. Im Halbkreis standen etwa zwanzig Personen um mich. Niemand rührte sich. Ich wartete. Sie warteten. Ich spürte: Mit einem Schritt nach vorn hätte ich eine Schneise erzwingen sollen. Aber darauf hatte ich keine Lust. Ich fand, dass die Leute von sich aus Platz machen sollten. Stur schaute ich in die Runde und fing verdutzte Blicke ein. Dann geschah es: Genau vor mir traten einige zur Seite. Und ich schlüpfte hinaus in die Freiheit.

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