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Digitalisierung: Blick ins Leben der Schweizer Hobbyfilmer

Es gab eine Zeit, als man die Ferien noch mit der schweren Videokamera festhielt. Die Digitalisierung solcher Aufnahmen ist der Job von Joana Bos. Nicht alles, was sie dabei zu sehen bekommt, ist jugendfrei .
Andreas Bättig
Joana Bos (links) und Sabina Casacuberta können über die dicken Videokassetten nur noch lachen. (Bild: Eveline Beerkircher Luzern, 20. Juni 2018)

Joana Bos (links) und Sabina Casacuberta können über die dicken Videokassetten nur noch lachen. (Bild: Eveline Beerkircher Luzern, 20. Juni 2018)

Was Sabina Casacuberta auf dem Computerbildschirm vor sich sieht, kann sie kaum glauben. Es sind Aufnahmen, die sie seit über 20 Jahren nicht mehr zu Gesicht bekam: Sie, 22 Jahre jung, in den Ferien in Costa Rica. Man sieht die heute 48-jährige Hochschulmitarbeiterin am Strand entlangschlendern, im Dschungel die Bäume bestaunen, der Frisur und der Kleidung nach zu urteilen, müssen es die frühen 90er-Jahre gewesen sein. Casacuberta starrt auf den Bildschirm im Multimediazimmer der Stiftung Contenti in Luzern und ist gerührt. «Was für eine von Abenteuern geprägte Zeit in meinem Leben.»

Sabina Casacuberta hat private Mini-VHS-Videokassetten mitgebracht, um sie von der Contenti-Mitarbeiterin Joana Bos in digitale Filme umwandeln zu lassen. Die beiden treffen sich im Rahmen eines Arbeitsaustausches des Projekts Impulswochen des Vereins Unternehmen Verantwortung, der einen Einblick in eine andere Arbeitswelt gibt.

Fussballspiel statt Hochzeitsaufnahmen

Joana Bos arbeitet seit 21/2 Jahren im Multimediabereich der Stiftung Contenti und ist für die Digitalisierung von Videos zuständig. Dabei hat die 29-Jährige schon so manches auf den Videos gesehen, die sie bearbeiten konnte. Denn die Videokassetten müssen fürs Digitalisieren in der Geschwindigkeit laufen, in der man sie auch so schauen würde. Auf dem Bildschirm kontrolliert Bos, welche Qualität die Aufnahmen haben und eben auch, was überhaupt drauf ist.

Einmal habe jemand das Hochzeitsvideo zum Digitalisieren gebracht. Auf der Kassette waren dann aber nicht mehr Aufnahmen von der Hochzeit, sondern nicht ganz jugendfreie Szenen eines «Erwachsenenfilms». Ein anders Mal sei das vermeintliche Hochzeitsvideo mit einem Fussballspiel überspielt gewesen. Man habe dann den Kunden jeweils diskret mitgeteilt, dass leider etwas anderes als die Hochzeit auf dem Video sei und man den Inhalt leider nicht umwandeln könne.

Die Nachfrage zur Digitalisierung von Videokassetten ist nach Angaben des Contentis gross. 250 bis 300 Kassetten landen pro Jahr im Multimediaraum der Stiftung. Dabei handelt es sich in der Regel um Amateuraufnahmen privater Hobbyfilmer. Wer noch alte VHS-Kassetten daheim in der Schublade hat, ist laut Bos gut beraten, diese bald mal digitalisieren zu lassen. «Bei VHS-Aufnahmen nimmt die Bildqualität im Laufe der Zeit extrem ab. Sind die Bänder dann noch der Sonne ausgesetzt, sind manche Aufnahmen nicht mehr zu gebrauchen», sagt Bos.

An vier Tagen in der Woche arbeitet Joana Bos, die von Geburt weg halbseitig gelähmt ist, Hemiplegie genannt, im Contenti. Auf Kundenwunsch schneidet sie die Aufnahmen auch. 19,50 Franken kostet das Übertragen von VHS, Mini-DV oder Hi-8-Aufnahmen auf eine DVD, 13 Franken auf einen USB-Stick oder eine Festplatte. Wer Dias oder Fotos scannen will, zahlt 75 Rappen pro Stück. Früher habe man auch noch viele Schallplatten digitalisiert. Dieses Geschäft sei aber seit dem Comeback der Schallplatte deutlich kleiner geworden.

Joana Bos ist eine von insgesamt 44 Mitarbeitenden in der Stiftung Contenti, bei der Menschen mit einer Behinderung eine Arbeitsmöglichkeit finden. «Unser Ziel ist es, unsere Mitarbeiter an der Arbeitswelt teilhaben zu lassen», sagt Bruno ­Ruegge, Geschäftsleiter der Stiftung Contenti. Gegründet wurde die Stiftung vor 30 Jahren. «Als der PC aufkam, hatten Menschen mit schweren Behinderungen plötzlich die Möglichkeit, sich in die Arbeitswelt einzubringen.»

Computer eröffnet neue Integrationsmöglichkeiten

Auch heute seien viele Arbeiten nur dank dem Computer möglich. Bei der Arbeit gehe es nicht darum zu rentieren. «Denn das ist wegen des hohen Unterstützungsbedarfs nicht möglich, umso wichtiger ist deshalb der Leistungsauftrag des Kantons», sagt Ruegge. Und doch gäbe es schon auch einen gewissen Druck. «Auch wir müssen Termine für Aufträge einhalten.» Primär möchte man den Menschen aber eine sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeit geben. «Hier findet ganz normales Leben statt. Manche haben ja das Gefühl, dass bei uns aufgrund der Behinderungen keine Lebensfreude aufkommen könne. Das ist überhaupt nicht der Fall.»

Auch im Multimediaraum geht es locker zu. Dort amüsieren sich Sabina Casacuberta und Joana Bos noch immer über die Aufnahmen aus Costa Rica. «Ich bin gespannt, was meine Kinder sagen werden, wenn sie mich auf Sumatra auf Vulkanwanderungen sehen können», sagt Casacuberta. Am Schluss wartet noch der Klassiker des Zähneziehens auf die beiden: Involviert sind ein Kind, eine Schnur und eine Türe. Eine weitere Aufnahme, die Joana Bos ihrem Kuriositätenkabinett hinzufügen kann.

Hinweis: Mehr Informationen zum Angebot der Stiftung Contenti findet sich unter www.contenti.ch

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