Schnee von gestern: Blicke in die geheimnisvolle Unterwelt

Über die Abschottungsstrategien moderner Stadtmenschen und Modetrends, die einen frösteln lassen. 

Hans Graber
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Hans Graber.

Hans Graber.

Luzerner Zeitung

Man ist heute im öffentlichen Raum darauf bedacht, nicht übers Normalmass hinaus lästig aufzufallen und als wandelndes «No-Go» zu gelten. Ein längerer Blick ins Gesicht einer vorbeigehenden Person kann bereits als Persönlichkeitsverletzung ausgelegt werden. Dem gilt es vorzubeugen. Ein Hoodie zum Beispiel schränkt das Blickfeld schon mal stark ein, erweckt aber auch den Eindruck, der Träger habe etwas zu verbergen. Einen Defekt im Hinterstübchen?

Andere schotten sich ab, indem sie mit Kopfhörern herumstelzen, mit stummelartig aus den Ohren ragenden Airpods oder birnenumspannendem Bügel. Der Welt entrückt schauen sie ins Leere, zugedröhnt von Musik. Oder telefonierend. Was mich wundernimmt: Ist bei diesen Dauertelefonieren in Bus und Beiz am anderen Ende wirklich jemand dran, der sich das alles freiwillig anhört?

Mein Weg zur Vermeidung von Blickkontakten ist der gesenkte Kopf. Das Stieren zu Boden. Dabei entgeht einem so einiges, aber man ist fein raus. Und die Unterwelt hat ihre Geheimnisse. Schuhwerk ist stets aufschlussreich, es gibt ja Halbschuhe und Halbschuhe. In letzter Zeit sehe ich jedoch mehr auf den Knöchelbereich. Aufgefallen ist mir, dass bei zwei Dritteln der jungen Menschen der Knöchel unbedeckt ist. Zwischen dem Ende der hautengen Hose und den über Kurzsocken montierten Schuhen klafft eine Lücke von mehreren Zentimetern. Nackte Haut. Auch in den letzten Tagen bei Minusgraden: Dicke Daunenjacke mit Fellkragen – und blanke Knöchel. Dass das schon länger Mode ist und Flanking genannt wird, hatte ich nicht mitgekriegt, logo, bin ja immer noch am Üben mit dem Senkkopf. Aber was hat das Flanking zu bedeuten? Eine Fortsetzung der Löcherjeans? Ein Erkennungszeichen für Flirtende («bin frei»)? Ein Mahnmal für irgendwas (Knöchel für den Klimawandel)? Eine Abgrenzung gegenüber den Alten? Einst noch waren es lange Haare, später kamen Nabelschau, Baseball-Cap und hängende Hose, jetzt freigelegte Knöchel?

Selbstversuch? Lieber nicht. Vor einem Ausflug in die kalte Eishockeyhalle der Leventina kaufte ich mir eben erst Thermounterwäsche. Schwarzes Set, schlappe 35.80 Franken, Landi. Bei Unterwäsche habe ich wenig Markenbewusstsein, Hauptsache, der Zweck wird erfüllt. Das tat sie. Aber bitterlich gefroren habe ich dann trotzdem, ausgehend von den unzureichend geschützten Füssen, von wo sich die Kälte über den ganzen Körper ausbreitete, Knöchel inkl.

Reichlich nackte Knöchel waren aber selbst in der Eishalle auszumachen. Ich hab’s genau gesehen. Zwar ist es bei mir noch nicht so weit, dass ich sogar während eines Hockeyspiels nur nach unten blicke. Aber der Match war nun mal nicht zum Anschauen. Da schaltete ich in den Bodenmodus. «Kopf hoch!», trösteten mich meine Begleiter nach der schmählichen Niederlage. Schön wär’s.