BLUE BALLS: Vom düsteren Song zum krachenden Beat

Goldfrapp haben gestern Abend den Konzertsaal im KKL Luzern in eine pumpende Disco verwandelt. Aber zunächst gab es auch leise Töne.

Pirmin Bossart
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Alison Goldfrap und ihr Quintett gestern am Blue Balls im Konzertsaal des KKL: Die Engländerin begeisterte das Publikum mit ihrer prägnanten Stimme. (Bild Roger Grütter)

Alison Goldfrap und ihr Quintett gestern am Blue Balls im Konzertsaal des KKL: Die Engländerin begeisterte das Publikum mit ihrer prägnanten Stimme. (Bild Roger Grütter)

Bild: Nadia Schärli / Neue LZ
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Stimmgewaltig: Paloma Faith am 25. Juli am Blue Balls Luzern. (Bild: Keystone)
Bild: Nadia Schärli / Neue LZ
Chloe Howl am 25. Juli am Blue Balls Luzern. (Bild: Keystone)
Alison Goldfrap und ihr Quintett gestern am Blue Balls im Konzertsaal des KKL: Die Engländerin begeisterte das Publikum mit ihrer prägnanten Stimme. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Jamie Woon am Blue Balls Festival 2014. (Bild: Keystone)
Rita Ora bei ihrem Auftritt im KKL anlässlich des Blueballs. (Bild: Keystone)
Die Britin lässt sich von Fans feiern. (Bild: Keystone)
Die norwegische Popmusikerin und Songwriterin am 23. Juli im KKL. (Bild: Keystone)
Ihr Album «Weapon in Mind» schnellte 2013 auf Platz 1 der Charts. (Bild: Keystone)
Kulinarische Höhepunkte am Blue Balls Festival 2014. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Farbenfrohes Blue Balls Festival 2014 vor dem KKL. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
James Blunt, der vielleicht prominenteste Star des diesjährigen Festivals, erfüllte gestern die Erwartungen voll. (Bild: Keystone)
Kann und soll man einen Song wie «You're Beautiful», den die Leute schon so oft gehört haben, und der nebst Ohrwurmqualitäten inzwischen auch ein gewisses Nerv­potenzial hat, überhaupt noch live bringen? Doch als es soweit war, gegen Ende des Konzerts, wurde schnell klar: James Blunt will, und das Publikum erst recht. (Bild: Keystone)
Agnes Obel schlug die leisen Töne im KKL an. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Dabei erzeugte sie aber eine höhere Intensität als manche Rockband. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Sonnenuntergang auf der Terrasse unter dem KKL-Dach. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Panorama-Bild vom Luzerner Blue Balls (Bild: Leser Roman Beer)
Regnerisch, aber dennoch festliche Stimmung am Dienstag vor dem KKL. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Howlin Pelle Almqvist... (Bild: Keystone)
Sänger der schwedischen Rockband «The Hives», beim Auftritt am 21. Juli am Blueballs. (Bild: Keystone)
Die schwedische Sängerin Sophie Zelmani. (Bild: Keystone)
Nach ihrem erfolgreichen Debütalbum war die 42-Jährige in Schweden sehr erfolgreich, und tourte bald durch ganz Europa und Japan. Heute lebt sie eher zurückgezogen in Schweden. (Bild: Keystone)
Charlotte Cooper von der britschen Indie-Rock-Band Subways (Bild: Keystone)
Charlotte Cooper von der britschen Indie-Rock-Band Subways (Bild: Keystone)
John Smith zählt zu den aufregendsten Newcomern der neuen britischen Folkszene. (Bild: Keystone)
The Passenger im Luzerner KKL. (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)
Fran Healy von Travis beim Konzert in Luzern. (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)
Travis bezieht sich auf die Hauptperson des Films «Paris, Texas» von Wim Wenders. (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)
Valerie June. (Bild: Keystone)
Nina Nesbitt ist das diesjährige Blue Balls Cover. (Bild: Keystone)
Die Karriere der 20-jährigen Schottin begann, als sie auf der Internet-Plattform Youtube ihre eigenen Lieder und Cover-Versionen hochlud. (Bild: Keystone)
Ed Sheeran. (Bild: Keystone)
Blue Balls ist die neue Festhütte von Luzern. Eine Dauerberieselung aus Musik, «Gschnorr» und guter Laune. Das kann einem schon mal übel zusetzen. Aber die Menschen scheinen es zu mögen (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Tausende von ihnen sind Freitagnacht und auch Samstagnacht am See unterwegs oder stauen sich vor dem Hotel Schweizerhof in ungemütlicher Dichte. Alles ist mega, super und cool. Finsterlinge, die diesem Gute-Laune-Überschuss nicht trauen, bleiben besser zu Hause. Oder holen sich draussen beim Pavillon eine Protestbüchse Eichhof über die Gasse. Aber die ist ja unterdessen auch Heineken geworden. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Gross und Klein am Blue Balls Festival. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
«The Animen», SRF3-Best Talent vom Juli 2013, auf der Luzerner Pavillon-Bühne. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
«The Animen», SRF3-Best Talent vom Juli 2013, auf der Luzerner Pavillon-Bühne. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Noch ist es ruhig und wenig Leute haben sich versammelt: Einen Abend vor dem Start des Blue Balls sind die Zelte und weitere Infrastruktur bereits aufgestellt. (Bild: Leserbild Heinrich Inderbitzin)
Die Zelte sind bereit vor dem Start des Blue Balls. (Bild: Leserbild Heinrich Inderbitzin)

Bild: Nadia Schärli / Neue LZ

Am Anfang war der weisse Saal in blaues Licht getaucht. Blau ohne Balls. Goldfrapp liessen noch ein bisschen auf sich warten. Über die Lautsprecher wurde Nick Cave eingespielt. Dann kam die Band auf die Bühne. Die Engländerin Alison Elizabeth Margaret Goldfrap, die 1999 mit Will Gregory das Duo Goldfrapp gegründet hatte, kam mit ihrem Quintett, das ihre aktuelle Tour begleitet. Ein Quintett aus tadellos professionellen Musikern, das zeitenweise, genährt von Synthies und Streichern und Samples, wie ein fett gemästetes Orchester aufspielte.

Expressive Intimität

Die ersten 40 Minuten waren Andacht pur, im gleichen dunkel-mystischen Grundton. Goldfrapp intonierte mehrere Songs ihres aktuellen Albums «Tales Of Us», das nach ihren aufreizenden Glam-Rock- und Dance-Pop-Jahren wieder auf kühl-melodische Atmosphären mit warmen Untertönen setzt. Songs wie «Stranger», «Drew» oder «Anabel» zogen wie Geister in wechselnden Roben vor­über. Wären da nicht die Lyrics gewesen, man hätte den einen vom andern Song kaum unterscheiden können.

Auf Schabernack verzichtet

Die Band begann gewöhnlich mit einem Riff auf der akustischen Gitarre oder dem Keyboard, und steigerte sich dann in wohldosierten, aber umso expressiver inszenierten Schüben in pompöse Herrlichkeiten, in denen die Sängerin ihre prägnante Stimme hauchen und artikulieren liess. Dabei verzichtete sie, die sich in früheren Jahren gerne exaltiert aufkostümiert hatte, auf jeglichen optischen Schabernack und sonstiges kommunikatives Zugemüse. Einmal widmete sie einen Song «to your beautiful lake», ein paar Mal bedankte sie sich, das wars dann schon, so war es cool.

Die zierliche Frau war ganz in schwarz gekleidet, was ihren Blondschopf umso stärker betonte. Mit ihren weiten Ärmeln tanzte sie still vor sich hin, hob manchmal die Arme wie ein Fledermäuschen, spreizte ihre Hände, machte Ausdruckstanz und wirkte wie ein dunkler Engel, der in den bedeutungsschwangeren Wogen des Sounds die Botschaft der Liebe, der Ungewissheit und der sanften Düsternis verbreitete. Die Band spielte diszipliniert als getrimmtes Team. Jeder Ton sass, jeder Übergang klappte, jegliche Dynamik kam einstudiert über die Bühne. Eigentlich langweilig, aber Pop will das so.

Knallige Disco

«Little Bird» von ihrem vorletzten Album läutete dann sanft eine Wende ein. Die Band blähte den Song auf, gab Druck, liess die Elektronik spielen und inszenierte, stärker denn je zuvor, ein dramatisches Stück Filmmusik: «The land of blue gold/is where we were free». Mit dem nächsten Stück gingen Goldfrapp noch weiter in ihre Geschichte zurück: «You Never Know» vom Album «Supernature» liess zum ersten Mal die elektronischen Beats auftanzen. Und dann war die Disco plötzlich da. Zunächst standen zwei Zuschauer in der Saalmitte auf und bewegten sich Hände klatschend vor ihren edlen zwei Sesseln, was halt doch ein bisschen jämmerlich wirkte und einmal mehr bewusst machte, dass dieser Saal nicht für Popkonzerte gemacht ist. Am Ort stehen und klatschen? Und kein Getränk weit und breit?

Wie Tag und Nacht wechselte jetzt die Stimmung. Der zweite Teil gehörte den älteren Songs, die ungleich härter, krachender und monotoner in den Bauch knallten als die melancholischen Balladen. «I Want To Ride A Horse» oder «Strict Machine» rissen mit ihrem Vierviertel-Bumm-Bumm das Volk von den Sesseln und zum «Standing-Mitklatsching». Selbst die Scheinwerfer in der Salle Blanche schienen von der Stimmung beflügelt zu werden und tanzten mit. Die Stroboskop-Lichter flackerten, und die Band drückte ihre Tracks mit Wucht ins fröhliche Inferno. Das gab Stimmung, und danach strömte man glücklich zu Speis und Trank.