Blutige Austritte: «Ein Gerücht»

Das Spital habe kein Interesse an «blutigen Entlassungen», sagt die Chefärztin. Bei älteren Leuten kommt es aber zu anderen schwierigen Situationen.

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Verena Briner, Chefärztin am Luzerner Kantonsspital: «Die Fallpauschalen sind teils nicht genügend hoch.» (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Verena Briner, Chefärztin am Luzerner Kantonsspital: «Die Fallpauschalen sind teils nicht genügend hoch.» (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Seit Anfang Jahr rechnen die Spitäler ihre Leistungen über so genannte Fallpauschalen ab: Das Spital kann zum Beispiel für eine komplikationslose Blinddarmbehandlung immer den selben Betrag in Rechnung stellen - egal ob der Patient zwei oder zehn Tage im Spital ist. Schon bald wurden Stimmen laut, die befürchteten, dass es nun zu so genannt blutigen Entlassungen komme: Dass Spitäler ihre Patienten zu früh entlassen, um rentabler zu wirtschaften. Den Vorwurf der unzulänglichen Versorgung erhob kürzlich Werner Bründler (siehe Kasten). Verena Briner, Chefärztin Medizin am Luzerner Kantonsspital nimmt Stellung.

Verena Briner, ist die Aufenthaltsdauer im Luzerner Kantonsspital seit Anfang des Jahres zurückgegangen?
Verena Briner: In der Chirurgie ist die Aufenthaltsdauer im ersten Halbjahr 2012 sogar noch etwas länger als im zweiten Halbjahr 2011. Blutige Entlassungen sind ein Gerücht, und sind nie im Interesse des Spitals. Bei unseren regelmässigen Gesprächen mit den Hausärzten haben wir noch keine derartigen negativen Rückmeldungen bekommen. Patienten bleiben nach der medizinischen Notwendigkeit im Spital.

Wie sieht die Situation auf der Medizin aus?
Briner: Auf der Medizin haben wir im Gegensatz zur Chirurgie eine sinkende Aufenthaltsdauer - aber das ist schon seit Jahren so. Der Grund dafür sind zum grössten Teil der medizinische Fortschritt und kontinuierliche Prozessverbesserungen. Zudem sind heute viele Behandlungen ambulant möglich geworden.

Kann man denn sagen, dass die Fallpauschalen generell genügend hoch sind?
Briner: Das muss man sicher im Einzelfall anschauen. Man kann aber jetzt schon sagen, dass die Fallpauschalen bei chronisch schwer kranken Patienten sicher nicht genügend hoch sind. Auch bei seltenen Krankheiten, die nur wenige Personen betreffen, sind die Fallpauschalen wohl eher zu tief.

Wie kann das Spital darauf reagieren?
Briner: Die Weiterentwicklung des Systems der Fallpauschalen muss in der Politik diskutiert werden. Als Spital können wir nur Empfehlungen abgeben, wie hoch eine Fallpauschale für eine bestimmte Behandlung sein sollte, damit wir unsere Kosten decken können.

Sie sagen, dass blutige Entlassungen nicht im Sinne des Spitals sind. Was passiert aber mit älteren Menschen, die medizinisch geheilt, aber nicht mehr fähig sind, allein zu wohnen?
Briner: Unter dem System der Fallpauschalen wird die soziale Funktion des Spitals in Frage gestellt. Patienten, die nicht mehr spitalbedürftig sind und keinen Anschlussplatz haben, dürfen nach der ökonomischen Logik dieses Fallpauschalen-Systems nicht mehr durch das Spital betreut werden. Dem entgegen suchen wir mit grossem Aufwand nach Lösungen und stellen niemanden auf die Strasse, generieren aber damit Verluste.

Hat das Spital denn nicht auch eine soziale Funktion?
Briner: Gemäss dem System der Fallpauschalen, nein. Aber aus ethisch-moralischen Überlegungen und unserem Versorgungsverständnis im Luzerner Kantonsspital, ja.

Patienten sind medizinisch versorgt, können aber nach einem Spitalaufenthalt manchmal nicht mehr allein leben. Wessen Aufgabe ist neben der Behandlung auch die soziale Lösungssuche?
Briner: Der Anteil der älteren Menschen wird immer grösser. Auch wohnen die älteren Leute immer öfter allein, und die Bereitschaft der Angehörigen hier in die Verantwortung zu treten, wird nach unserer Wahrnehmung immer kleiner. Diese Aufgabe wird nur zu gerne ans Spital delegiert.

Wohl auch deshalb, weil Heimplätze rar sind...

Briner: Ja. Aber nicht alle Menschen brauchen im Anschluss einen Pflegeplatz, sondern differenzierte Betreuungsangebote wie zum Beispiel Spitex, Übergangspflege oder Akut-Geriatrie, die wir am aufbauen sind.

Was heisst das für die Zukunft des Spitals?
Briner: Die soziale Funktion des öffentlichen Spitals muss auch unter dem System der Fallpauschalen möglich sein, hier ist die Politik gefordert. Unseren Mitarbeitern liegt auch diese Aufgabe am Herzen. Ich denke, dass in Zukunft die Übergänge zwischen Spital, Übergangspflege und Pflegeheim fliessend werden. Es werden wohl auch neue Formen von Pflege und Betreuung entstehen, die sich der neuen Situation anpassen.

Interview: Luzia Mattmann / Neue LZ

Spital: Bruch viel früher erkannt

lm. Ein 87-jähriger Mann soll vom Luzerner Kantonsspital unwürdig behandelt worden sein. Diese Vorwürfe erhob Werner Bründler, auch Präsident des Luzerner Gewerbeverbandes, am Freitag in unserer Zeitung. Es ging um seinen Schwiegervater, der sich zwischen einer Bustür die Hand eingeklemmt hatte. Das Spital widerspricht der Darstellung: Der Mann sei schon beim ersten Untersuch geröntgt, der Bruch festgestellt und seine Wunde am Finger genäht worden. Ausserdem habe man bei dem Mann schon von Anfang an eine Demenz wahrgenommen und daher die Angehörigen verständigt. Nach Absprache mit einer seiner Töchter, die vor Ort gewesen sei, sei er mit dem Taxi heimgeführt worden, sagt Chefärztin Verena Briner. «Damit wurde der Patient ordentlich der Obhut der Angehörigen übergeben.»

«Der Patient wurde gut und rasch behandelt», sagt Briner. Dass es nach der Behandlung zu Blutungen gekommen sei, sei eine normale Komplikation, insbesondere bei älteren Patienten. Eine Nachuntersuchung beim Hausarzt habe man in der Notfallpraxis bereits angeordnet. Die Wartezeiten auf der Notfallaufnahme, die von Bründler ebenfalls gerügt wurde, richten sich nach der Dringlichkeit. Patienten in Lebensgefahr müssten sofort und prioritär behandelt werden, leichtere Fälle kämen später dran. Bei über 180'000 ambulanten Patienten und 38'000 stationären Fällen pro Jahr im Luzerner Kantonsspital seien Wartezeiten in leichteren Fällen nicht immer vermeidbar.