Luzerner Kioske kämpfen ums Überleben

Kiosk-Betriebe erweitern laufend ihr Angebot. Trotzdem überleben viele von ihnen nicht. Denn der Markt ist hart umkämpft und die guten Plätze vergeben. Das weckt den Erfindergeist und lässt die Grenze zum Take-away fliessend werden.

Sandra Monika Ziegler
Drucken
Teilen
Edwin Suter betreibt im Luzerner Bruchquartier seinen gleichnamigen Kiosk. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 6. April 2018))

Edwin Suter betreibt im Luzerner Bruchquartier seinen gleichnamigen Kiosk. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 6. April 2018))

Das Kiosk-Sterben ist das Lädelisterben im Kleinformat. Die Ursache für die vielen Kiosk-Schliessungen liegt erstens darin, dass eine grosse Kiosk-Kette dominant auf dem Platz Stadt Luzern vertreten ist und Grossverteiler selber typische Kioskprodukte anbieten. Ein zweiter Grund ist, dass für die Kioske die Pachtzinsen stetig steigen oder die Immobilien totalsaniert werden.

In der Stadt Luzern hat es aktuell an die 50 Kioskbetriebe. Separat aufgelistet werden sie nicht. Unsere Zeitung hat die privat geführten näher betrachtet. Klar ist: Für den Fortbestand eines Kiosks muss einiges geboten werden. Zigaretten und Zeitungen reichen da längst nicht mehr, sind sich die Betreiber einig. Geworben wird mit Snacks wie Hotdogs, Sandwiches oder auch mal einer Suppe. Nebst dem Angebot werden vielerorts auch die Öffnungszeiten den Bedürfnissen der Kunden angepasst. Einige haben sieben Tage die Woche offen, andere nur Montag bis Freitag, je nach Standort und Passantenfrequenz. Auch Ausdauer ist gefragt: 12 Stunden Arbeitszeit pro Tag sind keine Seltenheit.

Guggerzytli vom Kiosk

Ein Geschäft, das es schon seit 22 Jahren gibt und das sich zum Quartiertreffpunkt etabliert hat, ist der Kiosk Edwin an der Klosterstrasse. Besitzer Edwin Suter hat die ganze Woche offen, und das bereits um halb sechs Uhr morgens. Er betreibt die Kiosk mit seiner Schwester Ruth. Sein Blick zurück zeigt den Wandel dieses Kleingewerbes. «Zu Beginn hatten wir vorwiegend Souvenirartikel wie Guggerzytli, Glocken und Sackmesser und nur ein bisschen Kiosk», erzählt er. Erst nach fünf Jahren seien sie ein «richtiger klassischer Kiosk» geworden.

Edwin verzichtet bewusst auf «Take-away» oder «Coffee to go»: «Das bieten genügend andere im Quartier an.» In den 22 Jahren stellte er fest, dass Kunden bis 7 Jahre und dann wieder ab 30 Jahren in den Kiosk kommen. Das habe mit dem Handy zu tun: «Gelesen wird online, da braucht es keine Heftli mehr.» Das Interesse an Klatsch und Tratsch habe nachgelassen, darüber gelesen werde beim Coiffeur. Heute seien spezielle Publikationen gefragt, wie etwa «Flow», die Zeitschrift ohne Eile über kleines Glück und das einfache Leben. Dafür greifen die Kunden auch mal tiefer in die Tasche.

Angebot und Öffnungszeiten laufend anpassen

Der Kiosk Kompass an der Lädeli­strasse beim Kreisel Kreuzstutz war nicht nur Kiosk, sondern auch noch Poststelle. Doch damit ist jetzt Schluss. Nachdem das Holzhäuschen mehrere Monate geschlossen war, betreibt seit Februar Darko Urosevic den Kiosk – jedoch ohne das Postangebot. Postgänge müssen im Hirschengraben getätigt werden. Dafür gibt es mehr Snacks, Getränke und frische Salate zum Mitnehmen. Die Öffnungszeiten wurden verlängert. Donnerstags und freitags ist der Kiosk jetzt bis 21 Uhr offen. Urosevic ist neu im Business, doch eines habe er schnell gelernt: «Um einen Kiosk zu betreiben, muss man dynamisch sein, Angebot und Öffnungszeiten laufend anpassen.» Deshalb will er ab Mitte Monat auch mit kroatischen Spezialitäten im Holzhäuschen auftrumpfen und bietet Burek an.

Schon drei Jahre im Geschäft ist Mohammed Mohimulla zusammen mit seiner Frau Mariam. Sie führen den Paulus-Kiosk an der Bushaltestelle an der Obergrundstrasse 76. Der Kiosk, den es seit über 85 Jahren gibt, war in die Jahre gekommen und wurde sanft renoviert. Mariam ist zufrieden, es sei jetzt viel heller. Doch die Einnahmen, die durch die zwei Monate, in denen der Kiosk geschlossen war, fehlen, müssen jetzt wieder aufgeholt werden. Nebst dem «Üblichen» bieten die Mohimullas Hotdogs oder Wurst mit Brot an. Die Kiosk-Einnahmen ernähren die kleine Familie noch nicht, deshalb fährt Mohammed Mohimulla drei, vier Mal die Woche nachts noch Taxi. Er sei ein sehr netter Mensch, erzählt eine Kundin: «Als ich Probleme mit dem Fernseher hatte, ist er vorbeigekommen und hat die Kiste wieder zum Laufen gebracht.»

Noch bis September ist der Wäsmeli-Kiosk geöffnet. Danach werden er und vorübergehend auch die Post-Agentur im Quartier geschlossen (wir berichteten). Betreiberin Cornelia Scherer-Bissig hatte den Kiosk zusammen mit ihrem Mann von ihrem Vater übernommen. «Wir betreiben den Kiosk jetzt vier Jahre und wussten eigentlich von Beginn an, dass sich das nicht rechnen wird. Solange es ein Nullsummenspiel war, haben wir ihn betrieben. Drauflegen wollen wir jedoch nicht, jetzt ist Schluss mit der Gratisarbeit.» Bereits vor zwei Jahren machte das Betreiberpaar darauf aufmerksam, dass es ohne Post auch keinen Kiosk gibt. Denn das Geld durch das Betreiben der Postagentur war die Haupteinnahmequelle. Wo die Postagentur dereinst betrieben wird, ist noch nicht spruchreif, die Verhandlungen sind noch am Laufen.

Nächsten Februar schliesst der Tangeman-Kiosk an der Maihofstrasse 31. Für Milca Tangeman ist dies ein herber Schlag und der Anstoss für etwas Neues. Das Haus wird umgebaut, doch sie kann es sich nicht leisten, ein Jahr zu warten. Tangeman sucht einen neuen Job: «Einer mit regelmässigem Einkommen und weniger Arbeitsstunden.»

«Glück im Unglück» hatten Roland und Persa Wicki. Sie waren 12 Jahre an der Hirschmattstrasse. «Kiosk-Rolli» ist stadtbekannt. Das hat sich jetzt als Glücksfall erwiesen. «Ich habe dem Quartierpolizisten erzählt, dass ich hier rausmuss, und er hat es weitererzählt.» So kam es, dass ihn ein Verwalter anrief und fragte, ob er «Anitas Kiosk» an der Bleicherstrasse 23 übernehmen wolle. «Da sagte ich nicht Nein. Das war praktisch ein fliegender Wechsel, nun sind wir hier seit dem 4. April.» Und Anita, die Frau, die vorher den Kiosk betrieb, war eine der ersten Kundinnen. Roland Wicki ist schon länger im Geschäft, sein Credo lautet: «Ich mache eine Mischrechnung mit einem vielseitigen Angebot auf kleinstem Raum.» Die Öffnungszeiten werden am neuen Standort ebenfalls der Kundschaft angepasst. An der Hirschmattstrasse hatte er tagein, tagaus 15 Stunden geöffnet, hier an der Bleicherstrasse hat er reduziert: «So können meine Frau Persa und ich den Kiosk selber führen und brauchen keine Angestellten.» Wichtig sei jedoch, dass die Zeiten strikte eingehalten werden: «Die Kunden sind Gewohnheitstiere. Rennen sie an, dann suchen sie sich einen anderen. Nur sonntags ist mein Kiosk der einzige, der zwischen Schönbühl und Bahnhof geöffnet ist.»

Persa und Roland Wicki führen den Kiosk an der Bleicherstrasse. (Bild: Sandra Monika Ziegler (Luzern, 6. April 2018))

Persa und Roland Wicki führen den Kiosk an der Bleicherstrasse. (Bild: Sandra Monika Ziegler (Luzern, 6. April 2018))

Mariam Mohimulla im Paulus-Kiosk. (Bild: Sandra Monika Ziegler (Luzern, 6. April 2018))

Mariam Mohimulla im Paulus-Kiosk. (Bild: Sandra Monika Ziegler (Luzern, 6. April 2018))