Reportage

Geisslechlöpfen:
Die Big-Bang-Theorie

Am Anfang war die Dunkelheit. Plötzlich bricht ein lauter Knall die Stille. Dann noch einer. Und noch einer und noch einer. Die Zeit der Chlöpfer ist gekommen.

Text Ismail Osman / 
Bilder Philipp Schmidli
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Adrian Ruoss muss tief durchatmen. Die rote Kappe ist bereits gut durchgeschwitzt, die Arme sind schwer. Doch der 27-jährige Trienger ist bereit für die nächste Runde. Die auf ihn gerichtete Kamera löst erneut ein derart mächtiges Blitzlichtgewitter aus, dass er und seine weisse Kutte sich im grellen Licht jeden Moment aufzulösen scheinen. Ruoss lässt seine Geissel jedoch unbeeindruckt über seinem Kopf rotieren. Vier Meter lang ist sie. Die Spitze, der Zwick, saust bedrohlich nahe am Kameraobjektiv vorbei. Augenblicklich umgreift Ruoss entschlossen den Stecken, zieht diesen auf Augenhöhe runter und reisst die Geissel unter vollem Körpereinsatz jäh in die Gegenrichtung. Es knallt – nein, es chlöpft.

Der spitze Laut verhallt in den Weiten des Suhrentals, das im Dunkel hinter Ruoss verborgen liegt. Das Resultat seines Einsatzes ist das Bild zuoberst in diesem Artikel – eines von dutzenden, die dabei entstanden sind. Adrian Ruoss steht stellvertretend für alle, die dem Brauchtum des Geisslechlöpfens nachkommen. In folgendem Video erklärt er, wie das Geisslechlöpfen funktioniert:

Seit dem 3. November und noch bis zu den Klauseinzügen am 8. Dezember sind Chlöpfer wie Ruoss im ganzen Kanton zu hören und sehen. Nur in diesen knapp fünf Wochen ist das Chlöpfe überhaupt erlaubt. Ob Kinder, die auf dem Pausenplatz ihre erste Geissel schwingen oder Fortgeschrittene, die sich an Geisslechlöpfer-Turnieren messen: Das Chlöpfe ist im Kanton Luzern ein lebendiger Brauch.

Doch was ist das Geisslechlöpfe eigentlich? Woher stammt dieses Brauchtum und was hat es zu bedeuten? Wer stellt die Geisseln noch her? Und weshalb knallt es überhaupt? Hier erfahren Sie es.

Von bösen Winterdämonen zum Samichlaus

Das, was heute das Klausgeisseln oder eben Geisslechlöpfe ist, stammt aus vorchristlicher Zeit. Es bestehen mehrere Theorien darüber, was im keltischen und germanischen Heidentum mit dem Knallen der Geisseln bezweckt werden sollte. Die gängigste Erklärung: In der Zeit der Wintersonnenwende öffnet sich das Tor zum Totenreich. Durch das ohrenbetäubende Knallen sollten die herummarodierenden bösen Wintergeister und andere Dämonen, die dem Totenreich entkommen sein mögen, möglichst rasch wieder vertrieben werden.

Mit der Christianisierung der Schweiz ab zirka dem 4. Jahrhundert wurde diese heidnische Sitte übernommen, ihre Bedeutung jedoch dem neuen Glauben entsprechend angepasst. Das Geisslechlöpfe kündigte nunmehr die bevorstehende Ankunft des Samichlauses an.

Im Kanton Luzern gilt Kriens als Hochburg des Geisslechlöpfens. Die Krienser Galli-Zunft gründete 1971 die bis heute erfolgreiche Chlöpferschule. Am 8. Dezember findet dort auf dem Dorfplatz das Schauchlöpfe satt. Dabei kann man jeweils auch die hohe Kunst des rhythmischen Chlöpfens in Viererformationen bestaunen.

Aber auch zahlreiche andere Gemeinden pflegen das Brauchtum aktiv. Unser Chlöpfer Adrian Ruoss gehört dem Verein «Trychler & Chlöpfer Triengen» an. Dessen Ursprung liegt bei Adrian Ruoss selbst, wie sein Vater Patrick erklärt: «Als knapp 12-jähriger Bub durfte Adrian 2002 bei seinem Götti in Nottwil einen Chlöpfer-Kurs besuchen. So etwas könnten wir auch in Triengen organisieren, dachte ich mir.» Patrick Ruoss, der in Triengen bereits Mitglied der St. Nikolausgesellschaft war, setzte den Gedanken in die Tat um: Seit 2003 wird in Triengen gechlöpft. Ein Jahr später schlossen sich die Trychler an, und 2005 kam es zur offiziellen Vereinsgründung. Seit 2013 läuft zudem auch noch eine Iffelengruppe mit. «Meine Motivation war es immer schon, einen Beitrag an die Chlausenzeit zu leisten», sagt Ruoss rückblickend. «In diesen Tagen wird das Mystische der Vergangenheit für kurze Zeit wieder hörbar und spürbar. Genau um das geht es.»

Willisauer Handarbeit

Die Geissel von Adrian Ruoss stammt aus der Seilerei Herzog in Willisau. Guido Herzog führt das Unternehmen in dritter Generation. Schon sein Grossvater stellte ab 1953 Klausgeisseln als Teil des Sortimentes her. «Es ist für uns zwar nur einer von diversen Produktionszweigen, aber es ist einer, den wir mit viel Herzblut betreiben», sagt Herzog. Seine Firma gehört zu den wenigen, welche dieses Handwerk noch beherrschen. «Es ist unser Beitrag zu Erhaltung dieses Brauchtums.» Die Manufaktur der Geisseln - also des Seils - ist Handarbeit: «Es gibt keine Maschine, welche die gegen vorne dünner werdende Form der Geissel so hinbringt», erklärt Guido Herzog.

Gefertigt werden die Geisseln aus Hanf. «Hanffasern haben ein relativ hohes Eigengewicht. Damit fliegt die Geissel stabiler durch die Luft.» Produziert werden Klausgeisseln in einer Länge von zwischen 150 und 420 Zentimeter. Zu wem welche Länge passt, ist völlig individuell: «Körpergrösse, Technik und Kraft sind die entscheidenden Faktoren», sagt Herzog. Er empfiehlt deshalb, unbedingt eine Geissel vor dem Kauf auszuprobieren. Für eine komplette Klausgeissel muss man, je nach Grösse/Länge, mit einem Preis zwischen rund 30 und 130 Franken rechnen.

Übrigens: Auch ausserhalb des Kantons Luzern knallen die Geisseln – wenn auch mit regionalen Unterschieden. Prominentes Beispiel wäre der Chrüzlistreich in Schwyz. Dabei wird mit einer im Vergleich kürzeren Fuhrmansgeissel einhändig gegeisselt. Damit es «chlepft» wird mit der geisselführenden Hand über dem Kopf die Bewegung in Form einer Acht nachgezeichnet.

Meine Geissel und ich

Der Stecken: Meinen Geisselstecken habe ich aus Eschenholz selbst gefertigt. Es gibt die Stöcke zwar auch vorgefertigt zu Kaufen. So aber hat sie einen klaren Wiedererkennungswert und macht die Geissel einzigartig.




Die Schlaufe: Eine der Schwierigkeiten ist, dass man beim Richtungswechsel, der die Schlaufe erzeugt, nicht das Seil touchiert. Dies passiert vor allem bei Anfängern, welche aus Angst zu wenig Schwung und dadurch eine zu tiefe Seilführung aufweisen.



Die Körperhaltung: Mit den Beinen stehe ich breit um einen guten Stand zu haben. Um gut ausdrehen zu können stehe ich jeweils einseitig auf dem Vorfuss. Der Rest kommt aus der Hüfte, während der Oberkörper stabil bleibt. 




Die Geissel: Meine Geissel ist knapp vier Meter lang. Serienmässig ist sie die zweitlängste Geissel. Im Verein führen wir zu unserem Spass auch eine Geissel der längsten Serie - über vier Meter. Für Umzüge ist diese aufgrund der Platzverhältnisse jedoch kaum tauglich.



Der Zwick: Im Gegensatz zur Hanfgeissel ist er aus Kunststoff und Verbrauchsmaterial. Des Chlöpfers Stolz ist eine gutaussehende Kordel zur Befestigung des Zwicks am Schlössli. Ein typischer Anfängerfehler ist es, den Zwick nass werden zu lassen. Dann «pfeift» es mehr als es «chlöpft».



Die Welle macht den Knall

Der Knall, den man beim Geisslechlöpfe hört, ist tatsächlich ein Überschallknall. Die mit der Geissel verwandte Peitsche gilt als erstes Instrument, mit dem ein Mensch die Schallmauer durchbrach. 1927 konnten französische Forscher erstmals Hochgeschwindigkeitsaufnahmen davon machen, wie eine Peitsche die Schallmauer brach. Allerdings ging man bis vor etwa 20 Jahren davon aus, dass der äusserste Spitz einer Peitsche (oder eben einer Geissel) den Knall verantwortet. US-Forscher begannen, die Beschleunigungswerte der Peitschenspitze zu messen. Dabei stellten sie fest, dass der Überschallknall jeweils erst in dem Moment vernommen wurde, als sich die Peitschenspitze bereits mit doppelter Schallgeschwindigkeit bewegte. Die einigermassen erstaunliche Entdeckung war, dass der Überschallknall durch den Scheitelpunkt in der Schlaufe der Peitsche ausgelöst wird – auch wenn die Spitze sich bereits doppelt so schnell durch die Luft bewegt.

Der Geisselknall funktioniert so: Während der Hin-und-Her-Bewegung der Geissel entstehen konstant Schlaufen. Wie eine Welle bewegen diese sich in Richtung des dünneren Endes beim Zwick zu. Je näher die Schlaufe in Richtung des Endes kommt, umso weniger Masse wird bewegt. Da nun bei gleicher Energie immer weniger Masse bewegt wird, nimmt die Geschwindigkeit der Schlaufe stetig zu. Und wenn die Schlaufe nun im Zwick augenblicklich gezwungen wird, sich zu öffnen, durchbricht dieser die Schallmauer.

Beim Geisslechlöpfen werden konstant Lautstärken von über 100 Dezibel erzeugt. Der Einsatz eines guten Ohrenschutzes, wie etwa Gehörschutzstöpsel, wird deshalb allen Chlöpfern dringend empfohlen.