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Braut im Vierwaldstättersee ertrunken: Buch greift auf, was vor 75 Jahren bei tragischem Schiffsunglück geschah

1944 starben auf dem Vierwaldstättersee 20 Personen einer Entlebucher Hochzeitsgesellschaft. Nun hat ein Nachkomme ein Buch verfasst.
Michael Graber

Vom Zusammenstoss bis zum Untergang vergehen gerade einmal 30 Sekunden. 20 Personen verlieren ihr Leben, 13 können sich nach dem Untergang des Motorschiffs «Schwalbe» retten. Am 12. Oktober 1944 ereignete sich auf dem Vierwaldstättersee das grösste Unglück der Schweiz mit einem motorisierten Schiff. Um 20.35 Uhr kollidiert die «Schwalbe» mit der «Schwalmis», einem Nauen. An Bord der «Schwalbe» sitzt eine Festgesellschaft. Man feiert die Vermählung von Pia Portmann und Gottfried Studer, die beide aus Escholzmatt stammen. Studer, Lehrer, ist 45 Jahre alt, seine Braut ist 27. Geheiratet wird in der Peterskapelle am Kapellplatz.

(Bilder: PD, 12. Oktober 1944)

(Bilder: PD, 12. Oktober 1944)

Anschliessend geht es auf die «Schwalbe». Die Gesellschaft fährt nach St. Niklausen um im dortigen Hotel zu feiern. Es gibt Essen, Wein und einige Produktionen. Um 20.30 Uhr legt die «Schwalbe» wieder ab. Man will den letzten Zug nach Escholzmatt erwischen. Dieser fährt um 21.07 Uhr.

Alkohol im Blut des Bootsführers gefunden

Fünf Minuten später krachen «Schwalbe» und «Schwalmis» zusammen. Warum wird nie genau geklärt. Es wird von einem «plötzlichen Schlenker» der «Schwalbe» berichtet. Deren Bootsführer konnte man nie dazu befragen, er starb. Bei der Obduktion wurden zumindest vermeldungswürdige Mengen Alkohol in seinem Blut gefunden. Der Kapitän der «Schwalmis» wird in einem Gerichtsverfahren freigesprochen. Die Festgäste ertrinken in der Kabine, oder fallen ins Wasser. Schwimmen konnten damals noch längst nicht alle. Schon gar nicht Leute aus einer Gemeinde ohne Seezugang. Unter den Toten: Pia Portmann. Der Bräutigam überlebte. Gottfried Studer gab zu Protokoll, dass er noch versucht habe sie zu retten, «die Braut fiel mir aber ins Wasser».

Das Unglücksschiff «Schwalbe».

Das Unglücksschiff «Schwalbe».

Dies ist auch der Titel eines heute erscheinenden Buches von Sämi Studer. Der Entlebucher ist ein direkter Nachkomme des Bräutigams, der zwei Jahre nach dem Unglück erneut heiratete und ein Kind bekam – es ist Sämi Studers Vater. Insgesamt wurden an diesem 12. Oktober 1944 14 Kinder zu Vollwaisen. Drei davon nimmt Gottfried Studer später bei sich auf. In Escholzmatt ahnt man zuerst nichts von der Tragödie. Als Radio Beromünster die Nachricht des Schiffsunglücks am Morgen danach verbreitet, ist die Bestürzung in der Gemeinde gross. Im soeben fertiggebauten Pfarrsaal werden 14 der Toten in Särgen aufgebahrt.

Der Entlebucher Anzeiger schreibt:

«Selbst wetterfeste Männer müssen weinen.»

An der Beerdigung finden längst nicht alle Trauergäste Platz in der Kirche. Einen grossen Verlust zu betrauern hat auch der damalige Nationalrat Otto Studer. Seine Frau und seine 16-jährige Tochter ertrinken beim Schiffzusammenstoss. Otto Studer, nicht verwandt mit dem Bräutigam, selber ging früher mit dem Kursschiff zurück, um in Escholzmatt den Empfang der Festgemeinde vorzubereiten.

Der Trauermarsch in Escholzmatt.

Der Trauermarsch in Escholzmatt.

«Viele haben es als Prüfung Gottes angesehen»

Das Entlebuch stand unter Schock nach diesem Donnerstag. Und trotzdem: Richtig präsent war das Unglück nicht. «Es gab zwar jährlich ein Gedenken, aber gesprochen hat eigentlich niemand richtig drüber», erinnert sich Sämi Studer. Sein Grossvater verarbeitete die Trauer zunehmend mit Alkohol und auch die Gottesfürchtigkeit in der Region tat wohl das Ihrige. «Viele haben es als Prüfung Gottes angesehen und nicht darüber gesprochen», sagt Studer, der beim Regionaljournal Zentralschweiz von Radio SRF arbeitet. Ihn habe das Thema schon früh fasziniert, auch seine Diplomarbeit am Lehrerseminar handelte von diesem Unglück. Studer ging auf Spurensuche, durchstöberte Archive und traf Zeitzeugen. Die Idee zum Buch ist ihm hinsichtlich des 75. Jahrestag gekommen und es gelingt dem Autor gut, die Balance zwischen historischer und emotionaler Schilderung zu finden. Zur Frage, warum die Festgesellschaft nicht im Entlebuch feierte, sagt Sämi Studer: «Mein Grossvater wollte seinen Gästen vermutlich etwas bieten, viele waren wohl noch nie oder nicht oft auf dem See, und er konnte es sich als Lehrer auch leisten. Zudem war es der Wunsch seiner Braut, am Hochzeitstag eine Schifffahrt zu unternehmen.»

Das Hochzeitspaar vor der Abfahrt in St. Niklausen.

Das Hochzeitspaar vor der Abfahrt in St. Niklausen.

Als Mitautor konnte Studer auch Erwin Koch gewinnen, den mehrfach ausgezeichneten Journalisten. Koch führt ein fiktives Gespräch mit dem Bräutigam, bei dem man gut spürt, was er für ein Mensch gewesen ist und was für Verwüstungen der grosse Verlust hinter der Fassade angerichtet hatte. Den Ehering, den seine Frau nur ein paar Stunden getragen hatte, schenkte Gottfried Studer Rosa, die beim Zusammenstoss der «Schwalbe» beide Eltern verloren hatte.

In folgendem SRF-Beitrag von 1994 sehen Sie, wie Zeitzeugen das Schiffsunglück erlebt haben:

Hinweis: Die Buchvernissage findet am Freitagabend um 20 Uhr im Pfarrsaal Escholzmatt statt.

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