BREXIT: Wie stimmen Luzerner Briten?

Nun entscheidet Gross­britannien über den Verbleib in der EU. Auch bei uns wird das Thema unter Expats heiss diskutiert.

Gabriela Jordan
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Auch dir Briten in Luzern wissen noch nicht ob "Yes" oder "No". (Symbolbild Keystone)

Auch dir Briten in Luzern wissen noch nicht ob "Yes" oder "No". (Symbolbild Keystone)

Gabriela Jordan

Ja oder nein? Am Donnerstag ist es so weit, und die Briten stimmen über den Austritt aus der EU ab. Im Scheinwerferlicht stehen seit Monaten die schwankenden Umfragewerte zur Abstimmung über das Referendum am 23. Juni – ein Kopf-an-Kopf-Rennen ist vorprogrammiert. Wie sich das Stimmvolk ennet des Ärmelkanals entscheidet, wird auch in der Schweiz mit Spannung erwartet. Doch wie denken eigentlich Briten, die in Luzern leben, darüber? Unsere Zeitung hat nachgefragt.

Fussball, Bier und Politik

«Vielleicht stimme ich für den Austritt», sagt Roger Vacher (40). Ganz sicher ist sich der gebürtige Brite aus London, der seit acht Jahren in der Nähe der Hofkirche wohnt, aber noch nicht. Bei einem Feierabendbier mit Freunden im «Shamrock Pub» kommt die Sprache auf den Brexit. Obwohl im Hintergrund ein EM-Spiel läuft, kommt die Diskussion schnell ins Rollen.

«Ich war für eine sehr lange Zeit dafür, in der EU zu bleiben», sagt Vacher. Kurz vor der Abstimmung ist er nun aber hin und her gerissen. Was hat seine Meinung geändert? «Irgendwie habe ich einfach genug von unseren korrupten Politikern, die aus eigenen Interessen und auf undemokratische Weise immer mehr und mehr Deals mit der EU vereinbaren.» Er spricht damit etwa das Transatlantische Freihandelsabkommen oder die Rettungspakete für Griechenland an, die seiner Meinung nach die Banken statt die Griechen gerettet haben. Vacher wird seine Stimme mittels «Proxy Voting» – einer Stimmrechtsvertretung – direkt am Abstimmungstag abgegeben. Im Moment tendiert er also zu einem Ja für den Austritt. Er glaubt nicht, dass ein Brexit Auswirkungen auf ihn persönlich hätte.

«Kopf oder Herz»

Vacher ist nicht der Einzige, der sich noch nicht endgültig entschieden hat. Christopher Starling (65), wohnhaft in Kastanienbaum, erklärt, dass die Abstimmung für viele seiner Freunde eine Wahl zwischen «Heart and Head», also zwischen «Herz und Verstand» bedeutet. Die Vernunft rät zu bleiben, das Herz hingegen will die EU verlassen. Starling meint sogar: «Viele werden sich erst direkt an der Wahlurne entscheiden.» Und Starling? «Ich würde für den Verbleib stimmen», sagt er. «Aber ich werde es nicht tun.»

Obwohl der Londoner erst seit sechs Jahren in der Schweiz lebt, und deshalb seine Stimme noch abgeben dürfte, verzichtet er aus moralischen Gründen darauf. «Ich lebe jetzt hier, und die Briten dort sind von der Entscheidung stärker betroffen», sagt er. Er gesteht aber: «Sprechen sich die Briten am Freitag für den Brexit aus, wäre ich sehr enttäuscht.» Aus seiner Sicht wäre es sehr kurzsichtig, obschon mit der EU vieles nicht stimmen würde. «Der Brexit ist eine schreckliche Versuchung, die Dinge einfacher machen zu wollen, als sie tatsächlich sind.»

Starlings Meinung teilt auch seine Frau, Diana Merz-Lewis (69), die bereits seit 40 Jahren in der Schweiz lebt. Sie findet, dass Grossbritannien auf sich allein gestellt schlecht dran wäre. «Alles wäre in den nächsten Jahren unsicher. Reiche und Firmen würden wegziehen und ihr Geld an einen sicheren Ort tun.» Abstimmen kann Merz-Lewis nicht mehr. Zur Stimmabgabe sind nur Briten berechtigt, die seit weniger als 15 Jahren im Ausland leben.

Expats sind besorgt wegen Folgen

Einer, der abstimmen darf und es auch getan hat, ist Luke Smith (35). «Of course I want to remain», sagt er. Zu Deutsch: Natürlich will ich – in der EU – bleiben. Der Rugby-Trainer des Luzerner Frauenteams ist nach eigenen Aussagen schon immer pro Europa gewesen. Für ihn war klar, dass er einmal im Ausland leben würde. Aufgewachsen ist er in Kettering, einer Stadt in der Mitte Englands. Der mögliche Ausgang der Abstimmung und die Folgen davon beunruhigen ihn und seine englischen Freunde. «Niemand weiss zurzeit, inwiefern ein Brexit unseren Aufenthalt hier beeinflussen würde.»

Smith glaubt, dass die Mehrheit der hiesigen Briten ähnlicher Meinung ist. ««Wir sind eine Inselnation. Wenn man eine Weile in solch einem multikulturellen Land lebt, hilft es, die Dinge etwas differenzierter zu sehen.» Einige seiner Freunde wünschten sich aber dennoch den Brexit. Doch Grossbritannien würde mit einem Austritt einen grossen Fehler machen, findet Smith. «Russland und der Islamische Staat wären hocherfreut, Europa auseinanderbrechen zu sehen.»

«Nur die halbe Wahrheit»

Die Stimmungslage der Briten, die hier leben, ist freilich nicht eindeutig, wie ein weiteres Beispiel zeigt. Ein 44-jähriger Engländer aus Northhampton, der namentlich nicht genannt werden will, würde sich eher gegen die EU aussprechen. Abstimmen kann er allerdings nicht: Er lebt bereits seit 25 Jahren in Luzern. «In dieser ganzen Abstimmungskampagne wird sowieso nicht die ganze Wahrheit gesagt», ärgert er sich. «Beide Seiten verwenden immer die gleichen Argumente, die ihrer Sache dienen.» Er sei deshalb eigentlich ganz froh, dass er nicht abstimmen müsse.