BUDDHIST: Der Buddhist und Bus-Chauffeur

Er wirkt als Lehrer im Luzerner Nalanda-Zentrum für Kadampa-Buddhismus. Und er arbeitet als Bus-Chauffeur. Gen Kelsang Gyalchog bringt Ruhe auch in die Alltagshektik.

Benno Bühlmann
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Gen Kelsang Gyalchog (58) im Luzerner Nalanda-Zentrum. (Bild bbü)

Gen Kelsang Gyalchog (58) im Luzerner Nalanda-Zentrum. (Bild bbü)

Mittwochnachmittag: Im Tempel des Luzerner Nalanda-Zentrums ist der Mönch Gen Kelsang Gyalchog mit Darbringungen beschäftigt. Auf dem Altar vor der Buddha-Statue stehen sieben Schalen mit Substanzen wie Wasser, Blumen, Weihrauch, Licht und Speisen. Alles Dinge, die auf eine geistige Dimension hinweisen: Das Darbringen von klarem Wasser schafft einen klaren, wachsamen Geist und soll die Reinigung des Karmas bewirken, während die Lichterdarbringungen eine Methode sind, um die Dunkelheit der Unwissenheit zu zerstören und die Weisheit zu mehren.

Am Eingang des Zentrums lesen Besucher ein Zitat von Geshe Kelsang Gyatso, Gründer der neuen Kadampa-Tradition: «Wenn wir lernen, schwierige Umstände geduldig anzunehmen, dann verschwindet das eigentliche Problem.»

Alltägliche Drucksituationen

Für Gyalchog, der seit 1994 als buddhistischer Lehrer im Nalanda-Zentrum wirkt, beinhaltet dieses Zitat keine abgehobene Botschaft. Vielmehr sieht er sich in seinem zweiten Betätigungsfeld immer wieder herausgefordert, den Wahrheitsgehalt des Satzes zu beweisen.

Denn an zwei Vormittagen pro Woche arbeitet er als Bus-Chauffeur in der Stadt Zürich und ist dadurch mit der Hektik des Strassenverkehrs bestens vertraut. «Mein Beruf ist eine gute Bewährungsprobe. Hier kann ich zeigen, wie ich meine buddhistische Geisteshaltung konkret im Alltag umsetzen kann. Hier erfahre ich, wie auch in alltäglichen Drucksituationen eine Spiritualität der Geduld und Gelassenheit funktioniert.»

Obwohl er für seine Arbeit die rot-gelbe Mönchsrobe gegen die für Bus-Chauffeure vorgesehene Uniform eintauscht, wird er gelegentlich auf seinen buddhistischen Hintergrund angesprochen. Denn während seines Dienstes hat Gyalchog – bürgerlich heisst er Raphaël Kilchör – ein kleines Buddha-Bild am Display befestigt, auf das einzelne Fahrgäste aufmerksam werden.

Katholik und Buddhist zugleich

Der heute 58-Jährige ist einst in einer katholischen Familie in Zürich aufgewachsen und gibt auf Dokumenten «katholisch» als Konfession an: «Ich bin nie aus der Kirche ausgetreten und bezahle heute noch Kirchensteuern.» Der Unterschied zwischen dem Christentum und dem Buddhismus sei gar nicht so gross. «Doch der Buddhismus ist für mich, im Gegensatz etwa zum Katholizismus, logisch nachvollziehbar.»

Insbesondere die Karma-Lehre und das Verständnis von Ursache und Wirkung menschlichen Handelns sei für ihn absolut einleuchtend: «Was du in deinem Leben säst, wirst du später auch ernten.» Er habe aber keine Aversionen gegen das Christentum. «Ich kann mir vorstellen, dass ich vielleicht ein besserer Christ geworden bin, seit ich mich intensiv mit Buddhismus beschäftige.»

Vor acht Jahren liess sich Kilchör zum Mönch ordinieren und erhielt dabei den neuen Namen Gen Kelsang Gyalchog. Dieser Schritt brachte einige Veränderungen mit sich: Seither ist seine neue Lebensform durch das Tragen der rot-gelben Mönchsrobe mit orangem Gürtel und das kurz geschorene Kopfhaar auch äusserlich sichtbar. Darüber hinaus beachtet Gyalchog vielfältige Regeln, die für überzeugte Buddhisten wichtig sind. Neben Geboten, die grundsätzlich in allen Religionen von Bedeutung sind – nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen – ist für ihn auch der Verzicht auf jegliche Rauschmittel oder Drogen wie Alkohol oder Tabak von Bedeutung.

Zölibat und Ehe zugleich

Auch der Verzicht auf gelebte Sexualität ist eine Voraussetzung für den neuen Lebensabschnitt: «Für buddhistische Mönche und Nonnen in unserer Tradition gilt die zölibatäre Lebensform.» Es gehe darum, die eigene Energie ganz auf den spirituellen Weg zu konzentrieren und unnötige «Ablenkungen» zu vermeiden: «Aus buddhistischer Sicht ist die Sexualität eine Form der körperlichen ‹Anhaftung›, die das Vorangehen auf dem spirituellen Weg erschwert.»

Da er zum Zeitpunkt der Ordination bereits verheiratet gewesen sei, habe er den Schritt selbstverständlich mit dem Einverständnis seiner Ehefrau vollzogen. Eine Scheidung war kein Thema. «Meine Frau engagiert sich ebenfalls in der Neuen Kadampa-Tradition und hat meinen spirituellen Weg stets unterstützt.» So sei es für sie beide problemlos möglich, einander regelmässig bei Zeremonien zu sehen und dabei eine «platonische Liebe» ohne Sexualität zu leben: «Meine Frau ist natürlich frei, allenfalls eine neue Beziehung mit einem anderen Partner einzugehen. Dann würden wir allenfalls unseren Ehevertrag auflösen.»

Punkto Sexualität gebe es je nach buddhistischer Richtung (Theravada, Mahayana, Zen-Buddhismus) Unterschiede. In gewissen Traditionen gelte die zölibatäre Lebensform nur für eine begrenzte Lebenszeit. In vielen Klöstern Thailands gebe es junge Novizen, die sich nur für einige Jahre an die Regeln der Mönchsgemeinschaft halten. Nach Beendigung ihrer Novizenzeit legen viele von ihnen die Robe wieder ab. Gyalchog: «Auch ich kann jederzeit frei entscheiden, ob ich in den Laienstand zurückkehren will.»

HINWEIS

Indem Meister Geshe Kelsang Gyatso die Neue Kadampa-Tradition (NKT) gründete, schuf er eine globale Infrastruktur, die vor allem in westlichen Ländern viele Anhänger gefunden hat.

Heute existieren weltweit rund 1100 NKT-Zentren und Gruppen. So auch das Luzerner Nalanda-Zentrum, das 1997 entstanden ist und 2008 in den Stadtteil Reussbühl zog. Es umfasst einen Tempelraum mit Buddha-Statuen und einen Aufenthaltsraum. Zentrumslehrer Gen Kelsang Gyalchog hält regelmässig öffentliche Vorträge.

Weitere Infos: www.nalanda.ch