BÜCHER: Federica de Cesco: «Ich bin total bodenständig»

100 Bücher hat die in Luzern lebende Autorin geschrieben, jetzt hat sie sich an eine Oper gewagt: Federica de Cesco (76) über ihre Liebe zu Japan, ihr loses Mundwerk und emanzipierte Männer.

Interview Annette Wirthlin
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«Japan ist ein endloses Feld von Inspiration.» (Bilder Dominik Wunderli)

«Japan ist ein endloses Feld von Inspiration.» (Bilder Dominik Wunderli)

Frau de Cesco, ein kleines Rätsel zu Beginn: Was haben die Jahre 1959, 1968, 1980, 1993, 2003 und 2010 gemeinsam?

Federica de Cesco: Oh, là là ... war da vielleicht immer irgendeine Revolution?

In gewissem Sinne schon. Es sind diejenigen Jahre Ihres Erwachsenen­lebens, in denen Sie KEIN Buch veröffentlicht haben.

de Cesco: Ach, wirklich? Was habe ich wohl gemacht in diesen Jahren? Ich erinnere mich übrigens kaum an die Titel meiner Bücher – und schon gar nicht, wie viele es unterdessen sind.

Es sind bis heute etwa 100, wenn man die Sachbücher mitzählt. So viele Bücher haben andere nicht mal gelesen. Woher nehmen Sie die unerschöpfliche Kreativität, sich immer wieder neue Geschichten auszudenken?

de Cesco: Sehr viel Inspiration ziehe ich aus dem Reisen. Gerade dieses Wochenende waren wir zum Beispiel in London für etwas Kultur-Fitness: Konzerte, Musicals, Museen ... Wahnsinn, was diese Londoner zu bieten haben! Auch sehr wichtig ist mein Mann. Er macht mich auf Dinge aufmerksam, die ich vielleicht übersehen würde. Ohne die fruchtbaren Gespräche mit ihm wären etliche Bücher nicht geschrieben worden.

Was ist eigentlich das Geheimrezept für eine packende Geschichte?

de Cesco: Schreiben kann man in jeder Schreibwerkstatt lernen. Es gibt Leute, die haben in ihrem Leben viel Interessantes gemacht und schreiben auch eine tolle Autobiografie darüber. Dann kommt aber nichts mehr, denn was ihnen fehlt, ist die Lust am Fabulieren, die Fähigkeit, Welten zu sehen, die sich nur im Kopf abspielen. Ein Schriftsteller sollte nicht nur darüber schreiben können, was er selber erlebt hat.

Schon Ihr erster Roman, den Sie mit 15 Jahren schrieben, als Sie in Belgien lebten, handelt in der Wüste von Arizona, bei den Indianern.

de Cesco: Ja, von einer völlig fremden Welt eigentlich. Aber ich hatte mich gründlich eingelesen. Gerade kürzlich schrieb eine Kritikerin über den «roten Seidenschal», dass die Sprache antiquiert und die Dialoge aus heutiger Sicht hölzern wirken würden – womit sie Recht hat –, aber es sei bemerkenswert, dass eine 15-Jährige die historischen Probleme der First Nation, also der Indianer, recherchiert und richtig beleuchtet habe.

Schrieben Sie die Geschichte damals, um berühmt zu werden?

de Cesco: Nein. Ich hatte einen langen Schulweg, und im Tram haben alle geraucht. Also bin ich zu Fuss gegangen und habe mir dabei Geschichten ausgedacht. Diese Indianergeschichte begann ich dann mal von Hand aufzuschreiben und gab sie – aus heutiger Sicht etwas leichtfertig – einer Freundin mit nach Hause. Hätte sie sie mir nicht zurückgegeben, was mir damals völlig egal gewesen wäre, wäre «Der rote Seidenschal» wohl nie erschienen. Es war eine Berufsberaterin, die mir schliesslich riet, die Geschichte an einen Verlag zu schicken.

Ich wage zu behaupten, mein Interesse an fremden Ländern und Kulturen wäre heute weniger gross, wenn ich früher nicht all die Bücher von Ihnen verschlungen hätte. Sie konnten einem das immer so gut näherbringen.

de Cesco: Über solche Komplimente freue ich mich natürlich sehr. Ja, ich habe zu einigen Kulturen wirklich eine Art geistigen Draht. Vielleicht habe ich damit einige Mädchen aber auch in Abenteuer gestürzt, die nicht unbedingt gesund waren. Kürzlich habe ich eine junge Frau davon überzeugen können, dass es aktuell gar keine schlaue Idee sei, allein zu den Tuareg in die Sahara zu fahren, denn die Tuareg sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Schöne Männer, Kamelritte und romantische Wüstennächte hin oder her. Man darf nicht unterschätzen, was für ein Kopfkino man als Jugendbuchautorin bei den Leserinnen auslöst und welche Verantwortung man trägt. Bei erwachsenen Lesern hat man dieses Problem nicht, die müssen selber wissen, was sie tun.

All Ihre Jugendromane drehen sich um mutige Mädchen, die Abenteuer erleben und sich über Grenzen hinwegsetzen.

de Cesco: Ja, ich wollte die Mädchen etwas wachrütteln. Die waren damals in der Schweiz noch im Dornröschenschlaf, wurden total passiv gehalten. Abenteuerbücher für Mädchen gab es kaum. Mamma mia, sie mussten ja sogar die Eltern um Erlaubnis bitten, wenn sie ins Kino gehen wollten. Das wäre uns in Belgien nie in den Sinn gekommen. Wir gingen nach der Schule in ganzen Gruppen hin, und wenn uns der Film gefiel, blieben wir den ganzen Nachmittag und schauten ihn dreimal hintereinander.

Und Sie haben in Ihrer Jugend unerlaubterweise Hosen getragen.

de Cesco: Ich habe wirklich nie begriffen, weshalb Hosentragen für Mädchen so verpönt war. Das «cheibe» Patriarchat sollte, so fand ich, schleunigst unter den Tisch gekippt werden.

Heute engagieren Sie sich für das Kinderhilfswerk Plan Schweiz.

de Cesco: Ja. Und zwar, weil die Mädchen ein Barometer dafür sind, wie entwickelt eine Gesellschaft ist. Eine Gesellschaft, die Raketen zum Mond schickt und sich für noch so entwickelt hält, den Mädchen aber nicht dieselben Bildungschancen wie den Buben gibt, steckt noch in den Kinderschuhen. Da nehme ich kein Blatt vor den Mund.

Haben Sie ein loses Mundwerk?

de Cesco: Ja. Mein Mann ist eher zurückhaltend. Wenn etwas Ärgerliches passiert, bleibt er ganz ruhig und schiebt mich nach vorne. Und dann lege ich los! Wenn Leute schlecht oder gar nicht erzogen sind und vor mir auf den Boden spucken etwa, dann kann ich loskeifen – am liebsten auf Italienisch. Ich sage dann etwa: «Das ist total widerlich.»

Können Sie sich sehr aufregen über die Missstände auf dieser Welt?

de Cesco: Verdammt noch mal, ja! Die Taliban und das syrische Regime ärgern mich zum Beispiel furchtbar, die schwachsinnigen indischen Vergewaltiger bringen mich zur Weissglut, ebenso das fürchterliche Abmetzeln der Elefanten, Nashörner und Wale oder wie die Chinesen mit den Tibetern umgehen ... da gibt es einiges.

Sind Sie ein politisch aktiver Mensch?

de Cesco: In meinem Alter habe ich das Vorrecht und das Glück, die Politik etwas philosophisch als «das ewige wellenförmige Weltgeschehen» sehen zu können. Man kann über den Dingen stehen, sich das anschauen und müde sagen: «Ach, alles schon da gewesen.» Und: «Werden Sies diesmal wohl besser machen?»

Zurück zu Ihrer Liebe für fremde Kulturen: Besonders vertraut sind Sie ja mit Japan ...

de Cesco: Ja, in Japan bin ich stecken geblieben. Das Land ist ein endloses Feld von Inspiration. Und zwar dasjenige Japan jenseits von allen Stereotypen. Geishas, Samurais und Sushi zum Beispiel. Sushi ist das, was die japanische Hausfrau auswärts bestellt, wenn sie keine Lust zum Kochen hat.

Sie führen mit einem Japaner seit über 40 Jahren eine harmonische Ehe. Gab es nie kulturell bedingte Konflikte?

de Cesco: Nein, nie. Mein Mann hat eine unendliche Geduld und viel Humor. Die japanische Kultur steht uns viel näher, als man glaubt. Die jüngeren Japaner sind sehr weltzugewandt, die ältere Generation ist mehr introvertiert, aber wenn man etwas daran kratzt, kommen hochgebildete, tolerante Menschen zum Vorschein. Wenn man etwas macht, das Japaner skurril finden, regen sie sich nicht auf, geben höchstens ein lang gezogenes «Ooooh» von sich und lachen sich schief. Aber die lachen einen nicht aus, sondern beziehen einen in ihr Lachen mit ein.

Was könnte sich die Schweiz von ­Japan abschauen?

de Cesco: Oh, darüber könnte ich Bücher schreiben. Beispielsweise über die Förderung der Kinder. Hier werden Kinder meines Erachtens viel zu lange künstlich «verkindlicht» und vergisst, wie wissbegierig sie eigentlich wären.

Sie haben das Libretto zu einer Oper geschrieben, die nächste Woche in Luzern uraufgeführt wird. Sie handelt von den Beziehungen zwischen der Schweiz und Japan.

de Cesco: Ein sehr spannendes Projekt. Es handelt von einem Bündner Bauernmädchen, das immer von einem Dorf träumt, das sie später tatsächlich findet, in Japan, und dort auf ihre verlorene Seele stösst. Die Geschichte hat mich interessiert, auch wenn sie etwas esoterisch ist – ich bin ja total bodenständig, auch wenn ich manchmal etwas in meiner Bücherwelt schwebe.

Was war an dieser ungewohnten ­Aufgabe speziell?

de Cesco: Ich liebe klassische Musik und kenne mich darin auch aus, aber das «Making of» war mir bisher fremd. Der Plot war von der Komponistin Heidy Nyman vorgeschrieben, daran musste ich mich halten. Das Schwierigste war, den Rhythmus zu respektieren. Ich bin mich gewohnt, dass mir niemand ins Handwerk pfuscht, und plötzlich sagt jemand: «Stopp, da sind zwei Silben zu viel.» Das war total spannend.

Gehen Sie selber gerne in die Oper?

de Cesco: Ja, sehr oft. Gerade sahen wir in London eine Aufführung von «Carmen». Anstatt als Zigeunerin gekleidet, trat Carmen in schwarzer Hose und einem T-Shirt mit der Aufschrift «Fuck you» auf. Und toll gesungen hat sie!

Hat Sie das T-Shirt nicht schockiert?

de Cesco: Nein, nein! Das hält doch die Musik und die Oper am Leben.

Was lesen Sie eigentlich selber am liebsten für Bücher?

de Cesco: Sachbücher über mein augenblickliches Schreibthema. Bei den Romanen bin ich etwas traditionell, denn ich lese gerne Literatur aus dem 19. Jahrhundert. Zum Beispiel Jane Austen und Victor Hugo. Das waren noch wahre Meister des Plots – und das über viele Hunderte von Seiten hinweg.

Verraten Sie uns, woran Sie aktuell gerade schreiben?

de Cesco: Nein, diesmal ist es ein Geheimnis, weil es etwas ganz anderes wird als sonst. Ich will mich schliesslich nicht auf Mainstream festlegen lassen. Aber eines kann ich doch verraten: Die Hauptperson wird – wie übrigens schon in «Die Tochter des Windes» – ein Mann. Und zwar nicht unbedingt ein sympathischer Mann, der sich dann aber entwickelt und merkt, was für einen Mist er gebaut hat.

Beim Lesen Ihrer Romane war ich früher immer unsterblich verliebt in die männlichen Hauptfiguren. Waren das auch Ihre persönlichen Traummänner?

de Cesco: Mich interessieren nur emanzipierte Männer. Man sagt immer, die Frauen müssen sich emanzipieren. Stimmt gar nicht. Es sind die Männer! Sie sind viel mehr in bequemen Rollenklischees verfangen und wissen gar nicht, wie viel schöner die Welt für beide Geschlechter wäre, wenn sie sich davon befreien könnten. Die unemanzipierten Männer bekommen bei mir spätestens auf Seite 50 eins auf den Deckel und verschwinden kleinlaut aus dem Buch.

Verstricken Sie sich beim Schreiben auch mal in einer Geschichte und wissen nicht mehr weiter?

de Cesco: Hin und wieder frage ich mich schon, wie die Geschichte wohl weitergehen könnte. Dann gibt es drei gute Mittel: a) mit meinem Mann darüber diskutieren, b) schwarze Schokolade essen, c) schwimmen gehen. Dann gehts wieder.

Sie schwimmen jeden Morgen 50 Minuten und am Nachmittag nochmals 30 Minuten. Wieso so viel?

de Cesco: Bewegungsdrang. Kein Mensch sollte zu viel sitzen, sonst bekommt er einen Reifen um den Bauch.

Gibt es auch Dinge, bei denen Sie nachlässig oder undiszipliniert sind?

de Cesco: Sahnetorte, Nusstorte, Erdbeertorte, «Bachmann», «Heini», «Läderach» ... (lacht) Aber rauchen und trinken tu ich nicht. Wenn ich trinke, liege ich nach fünf Minuten unter dem Tisch und singe falsch. Und als ich das erste und letzte Mal rauchte, etwa mit 15, musste ich kotzen.

Sie haben an so vielen verschiedenen aufregenden Orten gelebt. Wieso haben Sie vor vier Jahren ausgerechnet Luzern als Wohnort gewählt?

de Cesco: Die Luzerner sind so herzlich. Und es ist ein wunderbarer Ort, um alt zu werden. (lacht)

Ist das nun ein Kompliment?

de Cesco: Allerdings. Man kann hier am See wunderbare Spaziergänge mit fantastischen Ausblicken machen. Am Genfersee hatte ich teilweise das Gefühl, ich sei am Meer, so weit ist das andere Ufer entfernt.

Sind Sie aufs Alter mehr eine «Daheim-Person» geworden?

de Cesco: Puuuh. Ich bin meist auf Achse. Den Rollator habe ich noch nicht bestellt. (lacht)

Haben Sie sich ein schriftstellerisches Ziel gesetzt à la «Bei 150 Büchern höre ich auf»?

de Cesco: Nein, kann ich doch nicht, wenn mir ständig neue Geschichten einfallen! Wenn ich dann eines Tages abdanke und alle am Weinen sind, werde ich sagen: «Merde alors, die Geschichte ist doch gar noch nicht fertig!»

Hinweise:

Die Oper «Zwischen Zeiten und Welten» von Heidy Nyman wird am 13. Juni im Luzerner KKL uraufgeführt. Weitere Daten und Vorverkauf unter www.zwischenzeitenundwelten.ch

Die aktuellsten Romane von Federica de Cesco sind «Shana, das Wolfsmädchen, und der Ruf der Ferne» (Jugendbuch, Arena, 2013) und «Die Tochter des Windes» (für Erwachsene, Blanvalet, 2013). Der auf dem ersten Shana-Buch basierende Kinofilm «Shana. The Wolf’s Music» ist noch heute und morgen im Kino Bourbaki in Luzern zu sehen.

Freundin vieler fremder Kulturen

Die in Luzern lebende Federica de Cesco ist eine der meistgelesenen Kinderbuchautorinnen im deutschen Sprachraum. Sie wurde 1938 als Tochter eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter in Norditalien geboren und wuchs mehrsprachig auf, da sie mit den Eltern in Äthiopien, Italien, Frankreich, Deutschland und Belgien lebte. Im zarten Alter von 15 Jahren schrieb sie ihren ersten Roman mit dem Titel «Der rote Seidenschal». Sie studierte Kunstgeschichte und Psychologie. Ihre Bücher – darunter in den letzten Jahren immer mehr auch Romane und Sachbücher für Erwachsene – erzählen meist von fremden Ländern, Kulturen und Religionen. De Cesco, bis heute eine passionierte Weltenbummlerin, ist seit 42 Jahren mit dem japanischen Fotografen Kazu Kitamura verheiratet und hat aus einer früheren Ehe zwei erwachsene Kinder.