Serie

Büezer an der Fasnacht: «Die einen beschimpfen uns, andere machen Heiratsanträge»

Stefan Lang bewirtschaftet an der Fasnacht die Big Bags. Der 36-jährige Luzerner ist bei der Stadt angestellt und arbeitet an allen Fasnachtstagen.

Aufgezeichnet von Roman Hodel
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Stefan Lang kümmert sich um die Big Bags. (Bild: Roman Hodel, 3. März 2019)

Stefan Lang kümmert sich um die Big Bags. (Bild: Roman Hodel, 3. März 2019)

«Abfall gehört zur Fasnacht. Er lässt sich nicht vermeiden. Damit der grösste Teil davon am richtigen Ort landet, stehen in der Luzerner Innenstadt 180 grosse, weisse Abfallbehälter bereit, sogenannte Big Bags. Diese zu bewirtschaften, das ist an der Fasnacht mein Job – und zwar am Schmutzigen Donnerstag, Rüüdige Samschtig und Güdismäntig jeweils von 13 bis 22 Uhr.

Bewirtschaften heisst, dass unser Team auf den Touren durch die Innenstadt volle Big Bags durch leere ersetzt. Die vollen Big Bags binden wir zu. Anschliessend gibt es zwei Varianten. Dort, wo der Güselwagen zufahren kann, deponieren wir die vollen Säcke in der entsprechenden Strasse. Das Fahrzeug holt sie dann anderntags ab. Falls für den Güselwagen wegen der Fasnacht kein Durchkommen möglich ist, müssen wir die Säcke zur nächsten Pressmulde schleppen.

Wir staunen ja immer wieder, was alles in diesen Big Bags landet. Von Autopneus über Autobatterien bis hin zu Velos und Einkaufskörben ist alles mögliche dabei. Es ist schon so: Gewisse Leute nutzen die Big Bags dafür, ihr Sperrgut oder den Haushaltsabfall zu entsorgen.

Bahnhofstrasse und Altstadt sind Güsel-Hotspots

Meistens wird aber schon der übliche Festabfall in den Big Bags weggeworfen. Grundsätzlich sind wir froh, wenn die Fasnächtler ihren Güsel überhaupt in die Säcke schmeissen. Denn je später der Abend, desto weniger ist dies der Fall. Oder sagen wir es so: Ab einem gewissen Punkt landet der Güsel halt einfach auf dem Boden. Am grössten sind die Abfallberge an der Bahnhofstrasse und in weiten Teilen der Altstadt.

Eigentlich arbeite ich als Facharbeiter beim Strasseninspektorat. Dort bin ich für die Werterhaltung der Stadtluzerner Strassen zuständig. Erst zum zweiten Mal helfe ich an der Fasnacht bei der Bewirtschaftung der Big Bags aus. Ich sehe diesen Job als willkommene Abwechslung im Berufsalltag. Warum? Es ist schon ziemlich lustig, an der Fasnacht zu arbeiten. Man schaut die ganze Feierei mal von der anderen Seite an, nüchtern. Es ist, als würde ich sehen, wie ich mich an der Fasnacht benehme. Natürlich hätte ich manchmal auch Lust auf ein Kafi, doch so lange ich arbeite, kommt das nicht in Frage. Ich und die anderen vom Team erhalten überhaupt viele Getränke angeboten – Kaffee, Tee, manchmal ganze Weinflaschen. Das ist nett gemeint – aber, wie gesagt, müssen wir ablehnen.

Die meisten Fasnächtler schätzen unsere Arbeit, manche sagen danke. Sogar Heiratsanträge kriegen wir manchmal. Andererseits gibt es ebenso Leute, die uns beschimpfen. Dabei machen wir ja den Abfall nicht, wir räumen ihn lediglich weg. Nach getaner Arbeit beginnt für mich die eigene Fasnacht. Dieses Jahr sind ein paar Kollegen und ich das erste Mal als Gruppe unterwegs, verkleidet versteht sich. Die Getränke führen wir auf einem Wagen mit. Und wenn wir Abfall produzieren, werfen wir diesen natürlich in die Big Bags. Ehrensache.»

Die Serie

Während sich die Zentralschweiz bis am Aschermittwoch im Ausnahmezustand befindet und viele für die Fasnacht freinehmen, arbeiten andere mitten im Trubel. Wir stellen in einer Serie täglich jemanden vor. Heute ist es Stefan Lang. Der 36-jährige Luzerner ist bei der Stadt angestellt und arbeitet an allen Fasnachtstagen. Bisher in der Fasnachtsbüezer-Serie erschienen sind: Leonora Berisha (Permanence Bahnhof), Reto Wirth (VBL-Chauffeur), und Pascale Braid (Down-Town).