Bundeskanzler Thurnherr an der Luzerner Nationalfeier: «Denkt vorwärts, vor allem aber denkt selber!»

Mit einer launigen Rede überraschte Bundeskanzler Walter Thurnherr an der Bundesfeier vor dem KKL. Der quasi achte Bundesrat hatte das Publikum rasch im Sack - unter anderem dank einer Luzerner Zahnärztin. 

Roman Hodel
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Das Trio Wasserturm bringt ein Ständchen und auch die Schweizer Fahne wird geschwungen. (Bilder: Dominik Wunderli, Luzern, 31. Juli 2019)

Das Trio Wasserturm bringt ein Ständchen und auch die Schweizer Fahne wird geschwungen. (Bilder: Dominik Wunderli, Luzern, 31. Juli 2019)

Es gab ja Stimmen, die im Vorfeld der Bundesfeier vom Mittwochabend vor dem KKL schon schnödeten. Dies weil nach zwei Bundesräten 2018 und 2017 diesmal «nur» der Bundeskanzler die Festrede hielt. Dabei war diese dann höchst unterhaltsam. «Ich habe keinen Bezug zu Luzern», sagte der im Aargau aufgewachsene Walter Thurnherr. «Ausser dass ich meine Weisheitszähne bei einer Luzerner Zahnärztin ziehen liess, die mir zu Beginn eröffnete, dass sie ursprünglich Veterinärmedizin studiert habe - ich bin trotzdem gern nach Luzern gekommen.»

Thurnherr, von Beruf quasi der achte Bundesrat, zog vor allem Vergleiche zwischen der Schweiz vor 20 Jahren und jener von heute. Das klang oft lustig, etwa so: «Damals gab es noch keine Buchsbaumzünsler und Tigermücken.» Diese seien im Gepäck und mit der Klimaverschiebung hierher gekommen. «Inzwischen hat es ja sogar Alligatoren im Hallwilersee.»

Bundeskanzler Walter Thurnherr hält seine Rede.

Bundeskanzler Walter Thurnherr hält seine Rede.

Doch Thurnherr konnte auch ernst, erwähnte mit Blick auf  das Rahmenabkommen mit der EU etwa, dass die Schweiz international viel stärker verflochten ist als vor 20 Jahren und doppelt so viel exportiert. Er zitierte den Schriftsteller Meinrad Inglin, der die direkte Demokratie als «verletzliches Gebilde» bezeichnet hatte. «Sie erträgt keine extremen Lösungen, sondern braucht Gleichgewicht.» Und er mahnte zum Schluss:

«Behaltet Augenmass, denkt nicht nur 20 Jahre zurück, sondern auch vorwärts. Vor allem aber, denkt selber!»

Das Publikum applaudierte immer wieder. Etwa auch, als CVP-Mitglied Thurnherr bemerkte, er habe gehört, dass die CVP bei den Wahlen im Herbst um 6 Prozent zulegen werde. «Das hat mir SVP-Nationalrat Franz Grüter gesagt.»

Dieser, wohnhaft in Eich, sass tatsächlich im Publikum, zusammen mit dem Emmer SVP-Nationalrat Felix Müri. Sie seien das erste Mal an dieser Bundesfeier. Weil bald Wahlen sind? Grüter will der CVP bekanntlich ihren Ständeratssitz abjagen. Die beiden lächelten und sagten mit Blick auf die vielen CVPler: «Es ist ein sympathischer Anlass, auch wenn das Ganze sehr Orange gefärbt ist.»

Was nicht weiter verwundert, denn die CVP hat die Bundesfeier ins Leben gerufen. Und so überbrachte das Grusswort vom Luzerner Stadtrat eine CVPlerin: Franziska Bitzi Staub. Die Finanzdirektorin stellte «Postkartenwetter» fest. Dafür hingen allerdings fast etwas zu viele Wolken am Himmel.

Fritz Lötscher, Gemeindepräsident Marbach-Escholzmatt.

Fritz Lötscher, Gemeindepräsident Marbach-Escholzmatt.

Ans Mikrofon trat überdies der Präsident der Gastgemeinde Escholzmatt-Marbach, Fritz Lötscher. Parteizugehörigkeit? Natürlich CVP. Er sagte: «Wir sind Landeier, aber pflegen gute Beziehungen zur Stadt Luzern.»

Andrea Gmür (CVP)

Andrea Gmür (CVP)

Überhaupt das Entlebuch. «Wir können von ihnen lernen - dank des Zusammenhalts bringt die kleine Region ihre Interessen im Kanton stets durch», so Andrea Gmür, Präsidentin des «parteiunabhängigen» Vereins Bundesfeier 31/07 und Nationalrätin, auch CVP. Sie sagte.: «Das Publikum besteht wohl zu 50 Prozent aus Entlebuchern.»

Zur anderen Hälfte zählte Ursula Felber (79). Sie wohnt in Luzern, war das zweite Mal an dieser Feier und sagte: «Es ist nicht schlecht, aber etwas enttäuscht bin ich trotzdem.» Sie habe lange in den USA gelebt. «Dort lief an den 1.-August-Feiern der Auslandschweizer mehr.» Ihre Tischnachbarin prophezeite: «Warte nur, die Stimmung kommt schon noch.» Für Khalil Bagheri (25) aus Alpnach war diese ohnehin schon auf dem Höhepunkt. Der gebürtige Afghane strahlte, denn sein Tagesziel - ein Selfie mit dem Bundeskanzler - war geglückt.

Gastredner und Bundeskanzler Walter Thurnherr gibt dem aus Afghanistan stammenden Khalil Bagheri ein Autogramm.

Gastredner und Bundeskanzler Walter Thurnherr gibt dem aus Afghanistan stammenden Khalil Bagheri ein Autogramm.

Bagheri sagte: «Ich interessiere mich sehr für Politik - obwohl ich nicht abstimmen darf.» Das galt auch für Milan (29) und Natalie (19). Ihnen war es allerdings egal, denn sie sind Touristen aus Tschechien. Die beiden mochten die Musik - «Holzschlag & Blächschade» aus Marbach spielten «Ich war noch niemals in New York» von Udo Jürgens. Doch am meisten schwärmten sie von etwas anderem: «Euer Bier ist super!»

Die Bundesfeier fand vor dem KKL mit Blick auf das Luzerner Seebecken statt. (Bilder: Dominik Wunderli, Luzern, 31. Juli 2019)

Die Bundesfeier fand vor dem KKL mit Blick auf das Luzerner Seebecken statt. (Bilder: Dominik Wunderli, Luzern, 31. Juli 2019)