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Bypass und Touristen statt Bundeshaus: Stadtluzerner Schüler erhalten eigenes Staatskunde-Lehrmittel

Wieso muss Staatskunde immer so trocken sein? Das fragten sich zwei SP-Politiker – und lancierten ein Lehrmittel mit Fokus auf die Luzerner Politik. Jetzt wird es an den städtischen Sekundarschulen eingeführt.
Robert Knobel
Tourismus ist eines der Themen, das im neuen Lehrmittel behandelt wird. Im Bild ist eine asiatische Reisegruppe zu sehen, die beim Schwanenplatz auf ein Schiff wartet. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 15. März 2019)

Tourismus ist eines der Themen, das im neuen Lehrmittel behandelt wird. Im Bild ist eine asiatische Reisegruppe zu sehen, die beim Schwanenplatz auf ein Schiff wartet. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 15. März 2019)

Wie viele Mitglieder hat der Nationalrat? Was ist ein Referendum? Staatskunde gehört nicht gerade zum Lieblingsfach der meisten Schülerinnen und Schüler. «Der Unterricht ist oft sehr theoretisch», räumt Vreni Völkle, Rektorin der Luzerner Stadtschulen, ein. Urban Sager, Dozent an der Pädagogischen Hochschule (PH) Luzern, sagt sogar:

«Weil meistens nur die nationale Politik behandelt wird, bleibt der Unterricht abstrakt und hat mit der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler wenig zu tun.»

Hinzu kommt, dass die Staatskunde in den offiziellen Lehrmitteln für die Oberstufe nur am Rande überhaupt vorkommt– dies, obwohl der Lehrplan 21 das «politische Bewusstsein» explizit fördern will.

Parteipräsidenten, Hoteliers und Polizisten sagen ihre Meinung

Nun hat die PH Luzern in Zusammenarbeit mit der Stadt sowie dem Seklehrer Peter Hofstetter ein neues Lehrmittel veröffentlicht, das diese Defizite beheben soll: Statt abstrakte Begriffe zu büffeln, sollen sich die Schüler mit der konkreten Politik ihrer eigenen Stadt befassen. Das 133 Seiten umfassende Unterrichtsheft «Wie verändere ich die Stadt Luzern?» greift dabei zwei der wohl kontroversesten Themen auf: Verkehr und Tourismus.

Beim Verkehr werden die Schüler zunächst zu einer «Bestandesanalyse» angehalten: Welche Art von Verkehrsprobleme gibt es heute in der Stadt Luzern? Welche Infrastrukturprojekte wurden in der Vergangenheit geplant, realisiert – oder auch verworfen? Dabei wird etwa die grosse Euphorie beim Bau der ersten Autobahn in Luzern thematisiert.

Beim Schwerpunkt Tourismus werden die Schüler eingeladen, einmal in die Rolle eines Tagestouristen in Luzern zu schlüpfen. Diverse Akteure – von Hotelier Patrick Hauser über Quartiervereinspräsidenten bis zum Quartierpolizisten – erzählen, wie sie zum Tourismus stehen. Zudem lernen die Schüler die Haltung der einzelnen Parteien kennen. Aushängeschilder aller Grossstadtrats-Parteien geben ihre Statements in Videosequenzen ab.

Wie hast du es mit dem Bypass?

Die Analyse von Artikeln der Luzerner Zeitung gibt zudem ein aktuelles Bild ab, wie die Debatte zu den genannten Themen bisher verlaufen ist. Ziel ist es, dass die Schülerinnen und Schüler am Ende in der Lage sind, sich eine eigenständige Meinung zu bilden und diese überzeugend darzulegen. Dazu werden auch Rollenspiele durchgeführt: Wie denke ich über den Bypass, wenn ich jeden Tag mit dem Auto im Stau stehe? Welche Haltung habe ich, wenn ich in Kriens neben dem künftigen Tunnelportal wohne?

Insgesamt vermittelt das Unterrichtsmaterial ein sehr umfassendes und aktuelles Bild der Luzerner Stadtpolitik. Wer die 133 Seiten durchgearbeitet hat, ist bei den wichtigsten politischen Themen wirklich «up to date». Auf etwas dünnes Eis begeben sich die Autoren, wenn die Parteien von den Schülern gemäss den Schlagworten «links», «rechts», «konservativ» und «liberal» kategorisiert werden sollen. Diese sind bei den Parteien selber nicht unumstritten und werden allzu oft im negativen Sinne dazu benutzt, um die Konkurrenten in eine bestimmte Ecke zu drängen.

Kritik wegen SP-Herkunft des Verfassers

Die Stadtluzerner Parteien begrüssen, dass die Stadtpolitik in den Luzerner Sekundarschulen mehr Gewicht erhält. So sagt Grossstadtrat Peter With (SVP), der selber in einer Videosequenz vorkommt: «Die Arbeitsblätter sind sehr gut gestaltet und regen zur Meinungsbildung an.» Withs Ratskollege von den Grünen, Marco Müller, stimmt dem zu: «Vor allem die Videos werden die Jugendlichen bestimmt ansprechen, und ihre Lust am Debattieren ankurbeln.» Fabian Reinhard, Präsident der FDP Stadt Luzern, kommt ebenfalls in einem Video vor. Auch er findet es «extrem löblich, dem Thema Politik in der Schule mehr Gewicht zu geben». Fragezeichen setzt er allerdings bezüglich der politischen Herkunft des Verfassers. Urban Sager ist nämlich nicht nur PH-Dozent, sondern auch SP-Kantonsrat. Die Idee zum Unterrichtsheft stammt zudem vom aktuellen Präsidenten des Luzerner Stadtparlaments, Daniel Furrer – ebenfalls SP-Mitglied. Fabian Reinhard sagt dazu:

«Man merkt, dass sich Urban Sager sehr um Objektivität bemüht. Doch er hat es versäumt, seine eigene Haltung zu thematisieren. Damit riskiert er, dass das Lehrmittel als parteiisch wahrgenommen wird.»

Urban Sager selber sagt dazu: «Wer politisch interessiert ist – und das ist für den Verfasser eines solchen Lehrmittels naheliegend – hat auch eine politische Präferenz.» Wichtig sei, dass man sich der eigenen Haltung bewusst sei und diese als eine von vielen anerkenne. Es gehe nicht darum, den Schülern eine Haltung aufzuzwingen, «sondern darum, die Schüler zu befähigen, in einem ersten Schritt verschiedene Perspektiven einzunehmen und sich auf dieser Grundlage eine eigenständige Meinung zu bilden».

Lob von der SVP

Politische Bildung oder politische Beeinflussung? Diese Frage wird zurzeit im Kanton Zürich im Zusammenhang mit Schulbüchern leidenschaftlich diskutiert. Der Vorwurf von bürgerlichen Parteien, einzelne Lehrmittel seien «linkslastig», führte im vergangenen Herbst sogar zu Vorstössen im Zürcher Kantonsrat, wie die NZZ berichtete.

Das neue Unterrichtsheft für Luzern sei hingegen sehr ausgewogen und trage zur Meinungsbildung bei, lobt SVP-Grossstadtrat Peter With. Entscheidend sei ohnehin nicht nur das Lehrmittel, sondern vor allem die konkrete Umsetzung durch die Lehrpersonen im Unterricht. «Es ist wichtig, dass sie darauf achten, den Schwerpunkt auf die Meinungsfindung zu legen und das Schulbuch nicht dazu zu benutzen, Stimmung für oder gegen ein Projekt zu machen.»

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